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Gerade in der Gastronomie sind Arbeitszeiten schwer zu kalkulieren. Es ist ein Spagat zwischen gutem Service für den Gast und einem guten Arbeitszeitmanagement für die Mitarbeiter. Foto: Adobe Stock

Arbeiten ohne Bezahlung?

Lüneburg. Wenn der Landkreis Lüneburg richtig schuftet, kommt ein Überstunden-Berg heraus: Rund 2,5 Millionen Arbeitsstunden haben die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet, davon 1,4 Millionen Überstunden ohne Bezahlung. Das gehe aus dem „Überstunden-Monitor“ hervor, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat, teilt die NGG mit.

Ein „Geschenk“ an die Unternehmen

Danach haben alle Beschäftigten den Unternehmen im Kreis Lüneburg 34 Millionen Euro „geschenkt“. Allein in Hotels und Gaststätten hätten die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr rund 78.000 Überstunden geleistet, habe das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus berechnet. Demnach seien 45 Prozent aller im Landkreis Lüneburg geleisteten Überstunden im Gastgewerbe unbezahlt gewesen. Für 2018 bedeutete dies – bei 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber – ein „Lohn-Geschenk“ von 416.000 Euro.

„Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 46 Prozent dieser Arbeitsplätze im Kreis Lüneburg Minijobs“, sagt NGG-Geschäftsführer Steffen Lübbert. Das Problem der 450-Euro-Kräfte: Sie dürfen keinen Euro hinzuverdienen. „Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt – bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen“, fordert Lübbert.

„Überstunden müssen ausgeglichen werden“

Den Beschäftigten in Hotels, Restaurants und Gaststätten drohe – über den verlorenen Lohn bei Umsonst-Überstunden hinaus – noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. „Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern. Ziel der Arbeitgeber ist es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten“, kritisiert Lübbert. Der Gewerkschafter warnt: Mehr arbeiten zu müssen, bedeute immer auch ein höheres Gesundheitsrisiko. Im Gastgewerbe sei es bereits heute gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. „Schlafstörungen, Erschöpfung, Rückenschmerzen und Arbeitsunfälle können die Folge sein.“

Vom Dehoga heißt es dazu: „Überstunden müssen ausgeglichen werden, das ist völlig unstrittig.“ Unter bestimmten Bedingungen könnten sie bereits im Monatslohn enthalten sein. Sei das nicht der Fall, müssen sie in Freizeit ausgeglichen oder mit Geld vergütet werden. Wie genau, das sei in den mit der NGG ausgehandelten Tarifverträgen klar geregelt. Den Pauschalvorwurf gegen das Gastgewerbe weist der Verband zurück. „Das ist in höchstem Maße ungerecht gegenüber der großen Mehrheit der Unternehmer, die Tag für Tag mit ihren Mitarbeitern für ihre Gäste da sind, ihr Bestes leisten und sich korrekt verhalten.“

Mitarbeiter wissen um besondere Flexibilität

Beim gutem Wetter säßen die Gäste länger im Biergarten. Auch eine stimmungsvolle Hochzeitsfeier oder ein verspätet eintreffender Reisebus mit Touristen ließen sich nun mal nicht minutengenau planen. „Anders als offenbar der NGG ist den allermeisten Mitarbeitern unserer Branche dieser Zusammenhang auch sehr wohl bewusst.“ Es sei eben ein schwieriger Spagat zwischen perfekter Serviceorientierung für den Gast und einem guten Arbeitszeitmanagement.

Heinz-Georg Frieling, Geschäftsführer des Dehoga-Bezirksverbandes Lüneburg, wundert sich: „Wie das Pestel-Institut den Nachweis führt, das die geleisteten Überstunden alle unentgeltlich waren, erschließt sich uns auf den ersten Blick nicht. Auf jeden Fall gibt es grundsätzlich einen arbeitsrechtlichen beziehungsweise vertraglichen oder tarifvertraglichen Entlohnungsanspruch für Überstunden, den Arbeitnehmer einfordern und Arbeitgeber auszugleichen haben. Bei den 12 Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber scheint die NGG zu übersehen, das hierauf noch einmal 20 bis 30 Prozent Arbeitgeberanteil hinzukommen.“ lz