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Extrem-Sommer wie 2018 haben auch Auswirkungen auf den Hafen. Auch hier gilt es, Lösungen zu finden für die Zukunft, sagt Beatrice John. Foto: as

Strategien gegen die Hitze

Boizenburg. Extreme Hitze, häufiger Starkregen – die Zeichen des Klimawandels stellen bundesweit Kommunen vor Herausforderungen. Vielerorts werden Strategien entwickelt, um sich für die Zukunft zu wappnen. Das an der Elbe gelegene Boizenburg setzt dabei auf eine starke Bürgerbeteiligung.

„Mit kühlem Kopf in heiße Zeiten“ lautet das Motto des Modellprojekts „Plattform Zukunfsbilder Boizenburg“ (PLATZ B), das in Kooperation mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin läuft und vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. Vor Ort laufen die Fäden bei Beatrice John zusammen.

Die 34-Jährige ist Projektmanagerin für Klimaanpassung im Fachbereich Bau & Ordnung bei der Stadt Boizenburg. Die Stelle wurde erst Anfang dieses Jahres eingerichtet. Für Beatrice John eine „fantastische Herausforderung“, weil sie vieles von dem in der Praxis umzusetzen, was sie an theoretischem Wissen zu städtischen Zukunftsvisionen und Klimaanpassung während ihres Masterstudiums und Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg gesammelt hat.

Welche Gruppen belastet die Hitze besonders?

John, gebürtige Schwarzwälderin, die in Bleckede lebt und von Boizenburg nicht nur als Arbeitsmittelpunkt schwärmt, skizziert: „Wir sind einerseits eine grüne Stadt mit beschatteten Plätzen wie dem Wallgraben. Das sorgt bei extremer Hitze für Abkühlung. Andererseits gibt es freie Flächen und Gassen, in denen sich die Hitze staut.“

Da dies dann keine Verweilorte mehr seien, stelle sich die Frage: Welche Folgen hat das zum Beispiel für den Einzelhandel? Welche Gruppen belastet die Hitze besonders? Auf der anderen Seite könne man unter anderem auch der Frage nachgehen: Was bedeutet es für den Tourismus, wenn die Sommer immer heißer werden? Könnten nicht auch neue Möglichkeiten entstehen? „Bei Klimaanpassung muss man sowohl die Risiken als auch die Chancen im Blick haben.“

Während in anderen Kommunen von Politik und Verwaltung infrastrukturelle Maßnahmen wie Begrünungen von Häusern, Wasserspielplätze oder Entsiegelung von Flächen entwickelt und umgesetzt werden, ist in Boizenburg die Beteiligung von Bürgern für Bürger Grundlage der Strategie. Denn deren persönliche Erfahrungen und Beobachtungen zum Klimawandel, die Mitarbeiter der Uni Berlin seit Anfang Januar sammeln, seien wichtig, um ein Bild davon zu bekommen, wie die Boizenburger auf Hitze reagieren und wie sie zum Beispiel mit dem Hitzesommer 2018 umgegangen sind.

Konkrete Zukunftsbilder für Boizenburg 2040

Um Klima-fit für die Zukunft zu werden, „wollen wir drei Dinge verbinden: verstehen, ausprobieren, gestalten“, sagt John. Verstehen heiße zum Beispiel: Wie verändern sich unsere Bedürfnisse, wenn es im Sommer länger heiß wird? Und was können wir von anderen Kulturen lernen, die schon immer in heißen Regionen leben. Ausprobieren bedeute: Wie können wir Orte wie den Marktplatz oder den Hafen so umgestalten, dass man diese auch künftig lebenswert findet? Gewünscht sind Experimente wie gemeinsam eine Segeltuchbeschattung für den Hafen zu bauen oder einen Mehrzweck-Wasserspielplatz zu errichten. Gestalten meint, konkrete Zukunftsbilder für ein Boizenburg 2040 zu entwickeln, das dem Klimawandel trotzt, und dazu Maßnahmen auf den Weg zu bringen.

Derzeit sei man dabei, auf Veranstaltungen das Projekt breit in der Bevölkerung bekannt zu machen, um mit möglichst vielen Bürgern in den Dialog zu kommen und diese einzubinden, berichtet John. Im Herbst sollen Workshops anlaufen, um Ideen zu entwickeln. Begeistert ist sie von Jugendlichen der Fridays for Future-Bewegung. Sie haben den Wettbewerb „Jugend macht Zukunft“ angestoßen und mitorganisiert, der sich an Schüler und Jugendliche in Vereinen und Verbänden richtet. Gesucht sind umsetzbare Ideen für ein Boizenburg, das auch in heißen Zeiten einen kühlen Kopf bewahrt.

Von Antje Schäfer