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Einen Radweg wünschen sich viele Einwohner der Gemeinde Reinstorf auch zwischen Holzen und Neetze an der Kreisstraße 16. Vorgesehen ist diese Trasse nun im Radwegekonzept, als Weg zweiter Ordnung. Foto: be

Schnell statt schön?

Lüneburg. Nicht alles, was praktisch ist, ist auch schön. Praktisch wäre es aus Sicht von Verkehrsplaner Edzard Hildebrandt, direkt entlang der Landesstraße 221 auf einem Radweg von Lüneburg nach Neetze radeln zu können. Fragt man Prof. Dr. Peter Pez von der Leuphana Universität, wäre das allerdings alles andere als schön: Lärm, Abgase – Pez hat so seine Zweifel, ob es das ist, was Fahrradfans in ihrer Freizeit suchen. Und damit auch grundsätzliche Zweifel an dem Radverkehrskonzept, das Hildebrandt derzeit für den Landkreises Lüneburg erarbeitet.

Für rund 90.000 Euro entwickelt das Verkehrsplanungsbüro PGV-Dargel-Hildebrandt aus Hannover bis Ende des Jahres einen umfassenden Katalog an Vorschlägen, wie sich die Region fahrradfreundlicher gestalten ließe – und damit emissionsärmer. 70 Prozent der Kosten werden mit Bundesmitteln gefördert. Profitieren soll davon in einem ersten Schritt besonders die Gemeinde Adendorf. Diese hatte sich nämlich zunächst auf denselben Fördertopf beworben, erklärt Inga Karina Masemann vom Landkreis Lüneburg.

Auf kommunalen Straßen gibt es erhebliche Mängel

Jetzt soll Adendorf als ein Schwerpunkt im Konzept berücksichtigt werden – und damit früher oder später eine Vorbildfunktion für andere Kommunen einnehmen, so Hildebrandt. Vorgesehen ist dort zum Beispiel eine besonders hochwertige sogenannte „Prämienroute“ zwischen Adendorf und Lüneburg, auf der Radverbindung durch das Lüner Holz. Diese soll breiter und besser ausgebaut werden. Zudem sei für den geplanten Bahnhaltepunkt in Adendorf eine überdachte Abstellmöglichkeit für Fahrräder angedacht – mit app-gesteuertem Sicherungssystem. Überhaupt wolle man modernere Abstellmöglichkeiten vor öffentlichen Einrichtungen und Läden schaffen.

Doch das ist längst nicht alles: Hildebrandt und seine Kollegen haben in den zurückliegenden Monaten die Verkehrssituation für Radfahrer im gesamten Kreisgebiet unter die Lupe genommen, sind Wege abgefahren, haben Gutachten studiert und eine Online-Befragung gestartet, um Schwachstellen und Bedarfe zu erheben. Letztere hat vor allem den Wunsch nach Sanierung und Neubau von Radwegen ergeben. „Es gibt eben Lücken und natürlich auf den kommunalen Straßen und Wegen zum Teil ganz erhebliche Mängel“, bestätigt auch Hildebrandt. Als Beispiel nennt er die Verbindung zwischen Dahlenburg und Bleckede. Dort könnte ein neuer Radweg entlang der Kreisstraße 35 oder aber der Landesstraße 222 entstehen. Das wären die schnellsten Verbindungen – aber auch die schönsten?

Beschilderung der kleineren Wege

„Der Hauptnachteil des Konzeptes liegt aus meiner Sicht darin, dass wieder einmal nur Radverkehrswege an stark befahrenen Straßen betrachtet werden“, kritisiert Pez, das greife zu kurz. „Wir kriegen damit nicht das, was der Landkreis braucht: eine flächendeckende Radverkehrsförderung.“ Schließlich sei es vermutlich nicht im Interesse der Freizeitfahrer, neben einer lärmenden Bundes-, Landes- oder Kreisstraße zu radeln. Es brauche unter anderem auch eine Beschilderung der kleineren Wege.

In der Tat werden in einem ersten Entwurf fast ausschließlich Strecken entlang größerer Straßen bedacht – um vor allem mehr Alltagspendler für das Fahrrad zu gewinnen, wie Hildebrandt erklärt. Schnelligkeit geht hier vor Schönheit. Unterschieden wird zwischen Hauptrouten, die die Gemeindezentren miteinander verbinden und Anschlüsse an die wichtigsten Routen der Stadt Lüneburg schaffen, ebenso Schulen und Bahnstationen berücksichtigen, sowie den sogenannten Ergänzungsrouten, welche den weniger dicht besiedelten Raum und auch grüne Alternativrouten implizieren.

Während Pez, der sich bei der Konzepterarbeitung selbst beratend eingebracht hatte, inzwischen der Meinung ist, der Landkreis sollte derartige Projekte besser ohne externe Planer in Kooperation mit der Leuphana entwerfen, um neue Standards zu setzen, wartet der Landkreis auf konkrete Maßnahmen-Steckbriefe. Diese sollen detailliert Auskunft darüber geben, wo dringend Handlungsbedarf besteht und welche Kosten damit einhergehen. Erste Maßnahmen könnten dann Anfang 2020 in die Wege geleitet werden.

Von Anna Petersen