Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Keine Szene, die Seltenheitswert hat: Angelika Becher und ihr Mann Michael Perschmann (r.) verbringen viel Zeit in der Gemeinschaftswohnung. Dann schaut zum Beispiel Erhard Poßin auf dem Balkon vorbei. (Foto: t&w)

Mehr als nur Tür an Tür

Lüneburg. Bei der Körperpflege möchten sie sich nicht gegenseitig helfen, sollte es irgendwann mal nötig sein. Aber zusammen alt werden, das haben sich Michael Perschmann (68) und Erhard Poßin (74) lange erträumt. Vor sieben Jahren wurde aus dem Traum Wirklichkeit: Mit ihren Frauen zogen sie in ihre Wohnungen in dem modernen, altersgerechten Zehn-Parteien-Haus in der Nähe des alten Behördenzentrums. Fünf Apartments gehören der Clique, zu der noch zwei Paare zählen. Eines von ihnen ist zum Jahreswechsel eingezogen, das vierte Duo packt bald Umzugskartons. Dann ist das private Wohnprojekt, das sich über zwei Etagen erstreckt, perfekt: Jedes Paar hat seine eigenen Räume und einen Schlüssel zur 75 Quadratmeter großen Gemeinschaftswohnung im 2. Stock.

Es ist dieser eine Satz, der die Vorstellung vom Altwerden treffend umschreibt: „Wir witzeln gern darüber, dass wir uns später zu dritt die Schuhe binden. Einer erinnert sich vielleicht noch an die Schleife, ein anderer an den Knoten und der dritte kommt noch runter.“

„Das passt hier alles einfach ganz wunderbar.“
Michael Perschmann

Schon jetzt unterstützen sich die Freunde, wo es geht. Ob es nun das Leeren des Briefkastens oder das Blumengießen ist, wenn eine Partei im Urlaub ist, das Teilen von Werkzeugen, Autos und einem Lastenrad. Perschmann und Poßin, die seit 37 Jahren befreundet sind, arbeiten hin und wieder Tür und Tür, sie haben sich in der gemeinschaftlichen Zwei-Zimmer-Wohnung einen Platz mit Schreibtisch und Rechner eingerichtet. Richtig was los ist dort sonntags, denn da haben die beiden Rentner ihre Mütter zu Besuch, 94 und 96 Jahre alt. „Wir essen dann zusammen, manchmal sind wir zu fünft, mit Kindern und Enkeln sind aber auch mal 12 Leute hier“, sagt Perschmann, der lächelt, als er sich die Szene vor Augen ruft. „Der Tisch wird in die Mitte des Zimmers gerückt, den kann man mehrfach ausziehen.“ Am Freitag verständigen sich die Freunde dann, wer Vorspeise, Hauptgang und Dessert beisteuert.

Was heute wunderbar zu funktionieren scheint, war eigentlich ganz anders geplant. So wollte die Clique, in der sich zwei Paare vor Jahrzehnten schon eine Wohngemeinschaft in Radbruch geteilt und die Kinder gemeinsam groß gezogen haben, eigentlich ein Grundstück in Lüneburg erwerben und das Haus ihrer Träume bauen. Eines mit Wohnungen für Studenten, „die später, wenn wir alt sind, dann vielleicht mal vom Pflegepersonal genutzt werden können“, verrät Erhard Poßin. „Wir hätten auch gern generationsübergreifend gewohnt.“

Ganz anders als vorgestellt

Drei Grundstücke kamen in die engere Auswahl, aber am Ende wurde nichts draus. Mit einem Augenzwinkern sagt Perschmann: „Die Bauträger waren immer schneller.“ 15 Jahre ist das inzwischen her.

Letztlich wurde eine Freundin auf das Bauvorhaben Auf der Hude aufmerksam, eines der vier Häuser mit insgesamt 40 Wohnungen stand bereits. Die acht Freunde schlugen zu. „Es war natürlich ganz anders, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir konnten nicht mehr sagen, dass die Partei gern fünf Zimmer möchte“, denkt Perschmann zurück. Lediglich kleinere Entscheidungen wie die, welcher Boden es sein soll oder ob es ein Gästebad oder eine Abstellkammer braucht, konnten getroffen werden. Und es musste eben auch in Kauf genommen werden, dass in ihrem baldigen Zuhause Fremde leben werden.

Einziehen wollten die Paare nach Fertigstellung des Hauses, das vom Balkon aus einen traumhaften Blick auf Ilmenau und Treidelweg offenbart, nicht sofort. So wurden alle fünf Wohnungen erstmal vermietet, mit begrenzten Laufzeiten. Umzuziehen, wenn ein bestimmtes Alter erreicht ist, hatten sich die Freunde nicht vorgenommen. Das hat sich von selbst ergeben: Mit dem Auszug der Kinder wurden die Häuser irgendwann zu groß, Perschmann bewohnte etwa mit seiner Familie ein Haus in Oedeme mit üppigem Garten und 160 Quadratmetern Wohnfläche. „Beim Auszug habe ich gemerkt, dass ich fünf Campingkocher hatte.“

Gerne mal gemeinsames Abendessen

Auch der Ruhestand, der vor eineinhalb Jahren kam, habe das gemeinschaftliche Wohnen noch ein Stück idyllischer gemacht. Ging es für den Arzt vorher täglich zum Arbeiten nach Geesthacht, nimmt er heute nur noch kleinere Aufträge für Krankenhäuser an und reist einmal jährlich zu seinem Projekt im Südsudan. „Das ist jetzt etwas völlig anderes, ein ganz anderer Alltag.“ Auch der Schrebergarten, den er sich schon lange mit einem der drei Paare teilt, hat heute eine anderen Stellenwert. „Er liegt gleich vorne an der Kante, einfach herrlich. Früher haben wir den eigentlich mit unseren Häusern und Gärten nicht gebraucht.“

Die acht Männer und Frauen, die zum größten Teil alle älter als 65 sind, kennen sich so lange und gut, dass sie die Zeichen zu deuten wissen. Sieht einer im Fenster des Nachbarn Licht, wird schon mal geklingelt, um zu fragen, wie es mit einem gemeinsamen Abendessen aussieht. „Ob dann Nähe oder Abstand gewünscht ist, erkennen wir schnell“, sagt Perschmann und lächelt zufrieden. „Das passt hier alles einfach ganz wunderbar.“

Wohnprojekte-Radtour

Die erste Tour Ende Juni war schon ein voller Erfolg, rund 60 Teilnehmer erkundeten mit dem Team von „Wem gehört Lüneburg?“ einige Wohnprojekte. Weil das Interesse so groß war, laden wir ein zweites Mal gemeinsam mit Stephan Seeger, Mitbegründer des Wohnprojektekontors, zur Radtour ein. Am Sonnabend, 28. September, geht es von einem der Wohnprojekte im Speicherviertel zur „Alten Musikschule“ in der Innenstadt, dann zum „Mosaique“ und, wer noch Lust hat, nach Rettmer zu „Raeume“. Treffpunkt ist um 16 Uhr die Kulturbäckerei an der Dorette-von-Stern-Straße.

Anmeldungen: (04131) 740281 oder wemgehoertlueneburg@landeszeitung.de.

Von Anna Paarmann