Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Karen Prehn beobachtet seit einigen Jahren den Lüneburger Wohnungsmarkt, sie betreibt ein kleines Hostel und kommt mit vielen Touristen, aber auch mit Lüneburgern, die auf Wohnungssuche sind, in Kontakt. (Foto: t&w)

Fluch oder Segen?

Lüneburg. Grundsätzlich hat Christian Burgdorff kein Problem mit Touristen. „Letztlich“, und diese Meinung teilen wohl viele, „ist es doch schön, an einem Flecken Erde zu leben, der derart beliebt ist, dass immer mehr Menschen ihn besuchen wollen“, sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt, kurz ALA. Doch Schönheit hat auch ihren Preis – und das macht ihm Sorge: „Zunehmend werden Häuser in der Innenstadt zu Ferienunterkünften umfunktioniert, dabei gibt es genügend Leute, die nach eben diesem Wohnraum suchen.“ Eine gute Durchmischung des Quartiers sei damit nicht mehr möglich. Mit seinen Beobachtungen ist Christian Burgdorff nicht allein, der angespannte Wohnungsmarkt hat auch die Politik auf den Plan gerufen: Ende Juni hat der Rat der Hansestadt eine neue Satzung verabschiedet, die es Eigentümern künftig untersagen könnte, ihre Immobilie zu zweckentfremden. Zweckentfremdet wird eine Wohnung immer dann, wenn sie dauerhaft als Ferienwohnung vermietet oder überwiegend gewerblich genutzt werden soll. Dieses wird künftig nur noch nach Genehmigung durch die Kommune möglich sein (siehe „Nachgefragt“). „Ich bin froh, dass uns dieses Instrument endlich zur Verfügung steht“, hatte Oberbürgermeister Ulrich Mädge hinsichtlich des Ratsbeschlusses gesagt, es sei dringend erforderlich, der inflationären Entstehung von Ferienwohnungen entgegenzuwirken.

Wir haben anhand der angegebenen Plätze pro Unterkunft grob überschlagen, für wie viele Menschen die Airbnb-Unterkünfte Wohnraum bieten könnten, wenn sie denn tatsächlich dauerhaft vermietet würden. Bei maximaler Auslastung wären das mehr als 500 Menschen.

Woher kommen die Daten? Wir haben auf airbnb.de viele Buchungsanfragen gestellt und die Treffer in Lüneburg ausgewertet. Das ergab 174 Zimmer, Wohnungen und Häuser – deutlich weniger, als die von Airbnb angegebenen 290 „aktiven“ Unterkünfte (siehe Infobox unten). Offenbar sind einige Unterkünfte registriert, die nur selten im Angebot sind. Die Punkte auf der Karte weichen leicht von den echten Adressen ab, da airbnb.de keine exakten Koordinaten liefert.

Denn diese, das ergänzt Christian Burgdorff, stünden dem freien Wohnungsmarkt eben auch dann nicht zur Verfügung, wenn sie nur sehr temporär an Touristen vermietet werden würden: „Eine solche Art der Nutzung kann für Städte und Gemeinden, deren Einwohnerzahlen rückläufig sind, sicherlich eine Segen sein,“ so der ALA-Vorsitzende, „für Lüneburg, das sehr beliebt und ein absolutes Zuzugsgebiet ist, aber ganz bestimmt nicht“. Und zum Bewohner eines Themenparks, als solche sich die Menschen in Venedig, Dubrovnik oder Barcelona mittlerweile wohl fühlen müssen, wolle er nicht werden. Deshalb ärgere er sich über die Entwicklung – genauso wie Karen Prehn.

Seit 2016 betreibt sie das Hostel „Salzquartier“ am Bahnhof, bietet dort auf zwei Etagen neun Zimmer mit Gemeinschaftsduschen und -küche an. „Grundsätzlich habe ich nichts gegen Ferienwohnungen. Nicht jeder Tourist fühlt sich in einem Hotel, einer Jugendherberge oder auch in einem Hostel wohl.“ Das Ausmaß, in dem Immobilien in derartige Unterkünfte umgewandelt werden, die dadurch dem Wohnungsmarkt komplett entzogen würden, fände sie aber bedenklich.

Es komme immer wieder mal vor, dass das „Salzquartier“ keine Kapazitäten mehr habe, sie für die Touristen nach Alternativen suche. „Da verweise ich auch an die Konkurrenz, weil es mir wichtig ist, dass der Gast irgendwo unterkommt – und durchsuche dafür unter anderem die Buchungsportale im Internet.“ Dabei habe sie sich einen kontinuierlichen Eindruck von dem sich entwickelnden Markt verschaffen können und sei dabei aber auch immer wieder auf Überraschungen gestoßen: „Da finde ich dann Objekte, in denen vor wenigen Jahren noch Freunde und Bekannte von mir gewohnt haben und die nun komplett zu Touristenapartments umgestaltet wurden.“

„Es gibt eben auch solche, die ganze Gebäude oder Wohnungen kaufen, um diese dann für viel Geld an Touristen zu vermieten. Das darf nicht sein.“ – Karen Prehn, Hostel-Betreiberin

Der Wohnraum in Lüneburg sei hart umkämpft – und das gelte auch für Studenten oder Berufsanfänger mit schmalem Geldbeutel: „Seit Eröffnung des Hostels beherberge ich auch Gäste, die auf Wohnungssuche sind – sei es, weil sie hier einen Studienplatz bekommen haben oder aber einen Job. Auch dadurch beobachte ich den Markt.“ Dass Menschen ein Zimmer oder auch eine Etage in ihrem Haus Gäste anböten, um sich etwas dazu zu verdienen oder einfach, weil sie Spaß daran hätten, Fremde zu beherbergen, könne sie ja völlig verstehen, „aber es gibt eben auch solche, die ganze Gebäude oder Wohnungen kaufen, um diese dann für viel Geld an Touristen zu vermieten“. Da werde dann dringend benötigter Wohnraum Urlaubern überlassen, weil man mit denen weniger Ärger habe und mehr Profit erwirtschaften könne. „Das darf nicht sein.“

Das sagt Airbnb

„Keinen negativen Einfluss“

Das Unternehmen Airbnb steht schon seit Jahren in der Kritik. In Großstädten wie Hamburg wurden neue Stellen geschaffen, um die Vermieter zu entlarven, deren Wohnräume zwar registriert sind, die aber manchen Mieter verschweigen. Airbnb verweist auf Nachfrage auf Studien: Das Bundeswirtschaftsministerium hat im September 2018 eine Untersuchung veröffentlicht, danach hat Airbnb keine nennenswerten Auswirkungen auf die deutschen Wohnungsmärkte. Ein Meinungsforschungsinstitut ist zu demselben Ergebnis gekommen.

Das „Home Sharing“ ermögliche den Menschen in Lüneburg und in ländlichen Regionen, am Tourismus teilzuhaben, sagt eine Airbnb-Sprecherin. Die meisten Gastgeber seien Privatpersonen, „die einzelne Zimmer in ihrem Zuhause oder gelegentlich die ganze Wohnung an Reisende aus aller Welt vermieten, wenn die Gastgeber auf Dienstreise oder im Urlaub sind“.

290 aktive Unterkünfte gab es nach Angaben von Airbnb in der Hansestadt zum Jahresende 2018 (siehe Grafik), davon 60 Prozent Wohnungen und 40 Prozent Privatzimmer. „Aktiv“ bedeutet, dass diese Unterkünfte über die Suchfunktion auffindbar sind, jedoch nicht, dass sie auch vermietet wurden. Die Gastgeber stellen ihren Kalender für ihre Unterkunft individuell ein, je nachdem wann sie verreist sind oder vermieten möchten.

Von Ute Lühr