Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Rundgang durch den Barendorfer Forst: Revierförster Holger Kapell (l.) und sein Kollege Knut Sierk schauen sich die Trockenschäden in den Baumkronen an. (Foto: t&w)

Der Wald kämpft ums Überleben

Barendorf. Dicke Wolken verdunkeln den Himmel. Es riecht geradezu nach einem kräftigen Regenguss: Der Barendorfer Förster Holger Kapell und sein Kollege Knut Sierk, Pressesprecher der Niedersächsischen Landesforsten, wären wohl die letzten, die sich jetzt über einen ausgiebigen Landregen beschweren würden. Aber es ist wie verhext. Denn wieder lösen sich die Wolken im Nichts auf, strahlt die Sonne vom blauen Himmel. Schon wieder kein Regen!

Dabei wäre jetzt das Nass von oben so wichtig für den Wald. Denn nach zwei extrem trockenen Sommern sind die Folgen des Klimawandels auch in der Revierförsterei Barendorf nicht mehr zu übersehen. „Die Bäume leiden unter extremem Trockenstress, werfen vorzeitig Nadeln und Blätter ab“, beobachtet besorgt der Barendorfer Revierförster Holger Kapell. Untrügliches Zeichen dafür, dass der Wald ums Überleben kämpft – der Klimawandel längst kein theoretisches Konstrukt mehr ist. Doch wie reagiert die Forstverwaltung auf die Klima-Herausforderungen? Wie muss der Wald der Zukunft aussehen, um künftige Wetterextreme zu überstehen?

Große Sorgen um die Fichten

1800 Hektar Wald umfasst die Revierförsterei Barendorf – rund 50 Prozent davon sind Kiefernbestände. Den Anteil an Buchen und Eichen beziffert Kapell auf 30 Prozent, der Rest verteilt sich auf diverse andere Baumarten, unter anderem Lärche und Douglasie. Er sagt: „Insgesamt habe ich in meinem Revier recht gute Standorte.“

Sorge aber bereitet ihm vor allem der Zustand der Fichten – eine Baumart, die schon jetzt als der große Verlierer des Klimawandels betrachtet werden muss. Denn neben dem Wassermangel und Trockenstress machen zurzeit Heerscharen von Borkenkäfern ganzen Fichtenbeständen den endgültigen Garaus. Zu beobachten beispielsweise im Harz, wo sich ganze Fichtenwälder erst braun färben und schließlich ganz absterben. Auch im Barendorfer Forst fressen sich Buchdrucker und Kupferstecher mit größtem Appetit in die Borke der Bäume: Um das Problem mit den Käfern in den Griff zu bekommen, müssen befallene Fichten so schnell wie möglich aus dem Wald heraus. „Sonst nimmt die Borkenkäferkatastrophe immer weitere Ausmaße an“, mahnen Sierk und Kapell.

Kritik an „Holzplantagen“

„Selbst schuld…!“, halten Kritiker den Förstern vor. Durch die massenhafte Aufforstung mit Fichten sei das Problem schließlich erst von Menschenhand geschaffen worden. Für den bekannten Buchautor Peter Wohlleben beispielsweise sind große Teile des deutschen Waldes daher auch nichts anderes als „Holzplantagen“. Mit all ihren Problemen, die bei Monokulturen auftreten können.

Doch diesem Vorwurf widersprechen Sierk und Kapell vehement: „Der Aufbau unserer Wälder ist auch ein Spiegelbild der Geschichte und der Ansprüche vergangener Generationen an den Wald“, sind sich die beiden Forstexperten mit dem Deutschen Verband Forstlicher Forschungsanstalten (DVFFA) einig: Nach dem Krieg war der Holzhunger nicht nur im vom Bomben zerstörten Deutschland beim Wiederaufbau gewaltig. Dazu kamen die Reparationshiebe der Alliierten. Die so entstandenen Freiflächen wurden von sogenannten „Kulturfrauen“ wieder aufgeforstet – vorzugweise mit schnell wachsenden Fichten- und Kiefern.

Aus gutem Grund: Denn zwischen 1945 und 1950 wurde in den niedersächsischen Wäldern fast dreimal mehr Holz geschlagen als nachwuchs. „Das erklärt den hohen Flächenanteil der heute 60- bis 80-jährigen Fichten- und Kiefernreinbestände“, sagt Knut Sierk und fügt hinzu: „An den heutigen Klimawandel hat damals bei der Wiederaufforstung mit Sicherheit keiner gedacht.“

Mehr Artenvielfalt durch Waldumbau

Seit mehr als 25 Jahren wirtschaften die Förster in Niedersachsen nun nach dem LÖWE-Programm – die Abkürzung steht für „Langfristige Ökologische Waldentwicklung“: Das Ziel ist, wieder mehr Artenvielfalt in den Wald zu bekommen.

Holger Kapell ist mit dem LZ-Redakteur unterwegs auf Kontrollfahrt durch sein Revier. Auf einem Waldweg im „Bilmer Strauch“ macht er den ersten Halt und greift sich einen dicken Aktenordner vom Beifahrersitz. Die Standortkartierung enthält wichtige Informationen – angefangen vom vorhandenen Baumbestand, über Boden-, Nährstoff- und Wasserhaushalt bis hin zur Empfehlung, welche Baumarten an diesem Standort am besten wachsen.

1800

Hektar Wald  umfasst die Revierförsterei  Barendorf.

Noch stehen hier, links vom Waldweg, vor allem Kiefern, gepflanzt vor 67 Jahren. Kapell kann das in seinen Unterlagen nachlesen. In den nächsten Jahren werden hier die ersten Bäume hiebreif sein – wenn sie einen Stammumfang von 45 Zentimetern in 1,30 Meter Höhe erreicht haben. Künftig soll der jetzige Kiefernwald durch weitere Baum­arten aufgewertet werden. „Eichen werden hier gut wachsen“, liest Kapell aus seinen Unterlagen heraus, Douglasie auch. Keine Chance auf diesem Standort hätten dagegen Fichte oder Buche.

Werkzeug für die Waldentwicklung

So wie Kapell verfügen alle Förster in Niedersachsen über eine entsprechende Standortkartierung ihrer Reviere. Ein gutes Werkzeug für die Waldentwicklung. Doch was nutzt das, wenn der Klimawandel jetzt aufgrund seiner Intensität alle Berechnungsmodelle ad absurdum führt? „Wir wissen, dass die Temperaturen steigen werden, das Wasser künftig noch knapper wird“, sagt Knut Sierk.

Selbst wenn Deutschland seinen internationalen Verpflichtungen nachkommt und viele andere Länder diesem Beispiel folgen, werden die Versäumnisse der Vergangenheit noch Jahrzehnte nachwirken. Deshalb gelte es, den Fokus auf die Auswahl standortangepasster Baumarten zu legen: „ Heute gepflanzte Bäume müssen auch in mehr als 100 Jahren noch zu den dann geänderten Boden- und Klimaverhältnissen passen,“ weiß Sierk.

Holger Kapell ist derweil auf seiner Kontrollfahrt im Barendorfer Friedwald angekommen. Auch hier werfen die Bäume Laub wegen der Trockenheit ab – deutlich zu früh. Doch der Förster gibt die Hoffnung noch nicht auf: „Viele Bäume haben bereits ihre Knospen für das nächste Jahr angelegt“, berichtet er. Ein regennasser Herbst und Winter – das ist das, was er sich jetzt für den Wald am meisten wünscht.

Von Klaus Reschke