Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Das Wohnen in Wilschenbruch hat sich Hans-Joachim Klumpart anders vorgestellt. Er lebt über einer Wohnung, die unter anderem auf der Plattform Airbnb angeboten wird und ziemlich nachgefragt zu sein scheint. (Foto: t&w)

Eine trügerische Idylle

Lüneburg. Idyllisch wirkt es in Lüneburgs kleinstem Stadtteil, hier, wo die Ilmenau sich ihren Weg durch den Wald bahnt, Natur und Wohnen in direkter Nachbarschaft liegen. Friedlich ist es im Wilschenbruch. Sollte man meinen. Vor mehr als 30 Jahren sind Hans-Joachim und Iris Klumpart an den Stadtrand gezogen, haben die Ruhe am Reiherstieg genossen – bis im April vergangenen Jahres die Wohnung unter ihnen an Touristen vermietet wurde. Und damit der Ärger begann.

Ein Hamburger Mediziner hatte die Einheit unterhalb des Ehepaars gekauft, wollte sie – so die Absprache – gelegentlich seinen Eltern bei deren Besuch überlassen. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: „Die Wohnung wird sowohl über Airbnb, als auch auf booking.com allen Interessenten angeboten“, sagt Hans-Joachim Klumpart, „und das, obwohl sowohl bei der Teilungserklärung des Hauses festgelegt wurde, dass hier kein Gewerbe betrieben werden darf, als auch der Wilschenbruch als reines Wohngebiet ausgewiesen ist“.

Er habe diese Erfahrungen gemacht, als er vor Jahren einen Raum zum Arbeitszimmer umfunktionieren wollte: „Das an sich war kein Problem“, so der Biologe, „nur der Publikumsverkehr war nicht zulässig“. Was für die untere Wohnung nicht zu gelten scheint: „Dort wechseln die Mieter im Schnitt rund dreimal pro Woche“, hat das Ehepaar registriert – und damit verbunden viele Unannehmlichkeiten.

„Auch nach 22 Uhr ist es häufig noch sehr laut“, berichtet Iris Klumpart, die mit ihrem Mann Lärm- und Bewegungsprotokolle verfasst hat. „Da werden Räder durch den engen Flur geschleppt, Diskussionen geführt, der Badventilator läuft die ganze Nacht.“ Der Müll liege vor der Tür, schwallartiges Erbrechen im Treppenhaus und eine Fäkalüberschwemmung im Keller seien nur einige der Nebenwirkungen. „Und dann steht die Haustür bis morgens offen, und ständig gehen fremde Leute ein und aus.“ Die Kontaktaufnahme mit dem Hamburger Mediziner gestaltet sich offenbar schwierig. Bislang hatten die Klumparts nach eigenen Aussagen keinen Erfolg.

Die Stadt kann dem Ehepaar nicht helfen

Wiederholt hat sich das Ehepaar an die Stadt gewandt. „Ende vergangenen Jahres hat der Mediziner wohl einen Antrag auf Nutzungsänderung gestellt“, sagt Hans-Joachim Klumpart. „Was daraus geworden ist, wissen wir nicht.“ Helfen konnte die Behörde nicht: „Wir können nichts nachweisen, heißt es.“

Pressesprecherin Suzanne Moenck sagt: „Grundsätzlich ist die Frage, ob das Vermieten einer Ferienwohnung ein Gewerbe darstellt, kompliziert zu beantworten.“ Das müsse immer im Einzelfall geprüft werden. Baurechtlich ermögliche der Paragraf 13a der Baunutzungsverordnung seit 2017 bundesweit den Betrieb von Ferienwohnungen in nahezu allen Baugebieten. „Wir haben darum in einzelnen, seither beschlossenen Bebauungsplänen entsprechende Ausschluss-Regelungen formuliert. Und es gilt neu bei uns das Zweckentfremdungsverbot – beides mit dem Ziel, dass Wohnungen auch in erster Linie für Wohnungssuchende zur Verfügung gestellt werden.“ Für das Objekt am Reiherstieg habe der Eigentümer einen Bauantrag deutlich vor Inkrafttreten der Satzung gestellt und daher einen Anspruch auf Genehmigung erhalten, dafür gelte Bestandsschutz.

Auch die Beschwerden über Lärm seien der Stadt bekannt: „Der Vorgang ging an das Rechtsamt, dieses hat das Verfahren im Sommer eingestellt, weil es kein Fall ist, den wir klären können.“ Es lasse sich nicht zweifelsfrei klären, inwieweit der Lärm über normale Wohnungsgeräusche hinausgehe. „Wir haben den Eigentümer darauf hingewiesen, dass dieser seine Gäste auf die Einhaltung der normalen Gepflogenheiten aufmerksam macht.“

Ehepaar Klumpart ist damit wenig geholfen. Auszuziehen, so der Rat des Mieterbundes, hält es inzwischen für gar nicht mehr so abwegig. „Zum Glück haben wir das Objekt damals nicht gekauft.“

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Von Ute Lühr