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Katrin Konert
Hoffen auf neue Hinweise (v.l.): Stefanie Lerche, Leiterin des Polizeikommissariats Lüchow-Dannenberg, Steffen Grimme, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes bei der Polizeiinspektion, Annegret Dau-Rödel, die neue Leiterin der Ermittlungsgruppe Konert, sowie Carsten Schütte vom Landeskriminalamt. (Foto: A/gel)

Der ungesühnte Mord

Clenze. Annegret Dau-Rödel war sich sehr sicher, den Mörder Katrin Konerts zu fassen: „Wir werden ihn kriegen.“ Das sagte sie vor knapp einem Jahr. Die Leiterin der Ermittlungsgruppe hatte sich und ihre acht Kollegen mit ähnlichen Sätzen sehr unter Druck gesetzt – und Hoffnungen geweckt. Bis heute konnte die Oberkommissarin ihr Versprechen nicht einlösen. Der mutmaßliche Täter ist nicht gefasst, die Leiche des Mädchens nicht gefunden. In der lokalen Polizei war der selbstbewusste Auftritt der Kollegin nicht nur auf Anerkennung gestoßen. Denn in einem der tragischsten Kriminalfälle der Region hatten die Beamten zu viele Rückschläge hinnehmen müssen.

DNA-Spuren können nach Jahrzehnten zu Tätern führen

Katrins Geschichte beginnt am Neujahrstag 2001. Die damals 15-Jährige wollte am Abend von ihrem doppelten so alten Freund aus Bergen/Dumme nach Groß Gaddau bei Clenze trampen. Sie wurde noch an einer Bushaltestelle gesehen, danach verliert sich ihre Spur. Schon im März 2001 hatte der damalige Pressesprecher der Polizei in Lüchow, Ulrich Constabel, gesagt und es zweieinhalb Jahre später wiederholt: „Es ist der typische Anhalterfall. Das Mädchen ist weg, und wir haben nichts.“ Es sei eine „verzweifelte Suche“.

Eben zu diesem Ergebnis kam die Ermittlungsgruppe vor ein paar Monaten erneut, verkaufte es nun aber als neuen Ansatz. Im März hieß es: „Aufgrund der Aussage eines bislang unbekannten Zeugen, den die Ermittler bei der Anwohnerbefragungen vor einigen Wochen ausfindig machten, konnten insbesondere nochmals zeitliche Abläufe zum Tramperverhalten von Katrin Konert konkretisiert werden.“ Katrin sei wahrscheinlich in ein Auto gestiegen. Es sei ihr nicht wichtig gewesen, ob sie den Fahrer kannte oder es ein Fremder war: „Sie hätte auf jeden Fall die Mitfahrgelegenheit genutzt. Im weiteren Verlauf ist es dann vermutlich zu einem Tötungsdelikt gekommen.“ Parallel gehen die Ermittler davon aus, dass der Autofahrer einen regionalen Bezug hatte.“

„Wir haben keine heiße Spur, keine Leiche. Wir gehen von einem Tötungsdelikt aus. Ob es ein Unfall war, ob ein sexueller Übergriff eine Rolle spielte, bleibt offen.“ – Kai Richter , Pressesprecher der Polizei

Aktuell klingt die Bilanz eher bescheiden. Pressesprecher Kai Richter sagt: „Wir haben keine heiße Spur, keine Leiche. Wir gehen von einem Tötungsdelikt aus. Ob es ein Unfall war, ob ein sexueller Übergriff eine Rolle spielte, bleibt offen.“

Dass die Polizei alte Fälle wieder aufgreift, gehört zum Geschäft. Oft erfolgreich, DNA-Spuren können auch nach Jahrzehnten zu Tätern führen. Eine neue Ermittlungsgruppe kann sinnvollerweise eben auch einen ganz anderen Blick auf lange bekannte Fakten werfen, entdeckt neue Ansätze.

Den Täter unter Druck setzen

Im Fall von Katrin Konert nutzen die Ermittler bei ihrem neuen Anlauf überdies die Zusammenarbeit mit dem NDR. In einer mehrteiligen Reportage fanden das Schicksal des Teenagers und die Arbeit der Polizei unter anderem im Radio sozusagen einen großen Resonanzboden. Immerhin rund 100 neue Hinweise gingen ein. Offenbar aber kein entscheidender.

Vermutlich hat sich die Chefermittlerin nicht nur aus Engagement so zuversichtlich geäußert, sondern auch, um einen möglichen Täter unter Druck zu setzen. Allerdings hatte das schon in der Vergangenheit nicht geklappt.

Die Polizei in Lüchow hatte sich seit 2001 immer wieder ins ins Zeug gelegt: Die Bundeswehr stieg mit Tornados samt Wärmebildkameras auf, große Plakataktionen gab es. Namentlich Andreas Rusche hatte über Jahre jeden Hinweis verfolgt. Vergeblich.

Von Beweisen kann keine Rede sein

Und manches erwies sich nicht als besonders glücklich. Im Februar 2002 geht die Polizei an die Presse: „Wir sind dem Täter dicht auf den Fersen.“ Ein ungewöhnlicher Schritt, denn im Normalfall wenden sich Ermittler erst nach einer Verhaftung an die Öffentlichkeit. Diesmal benutzt die Polizei die Medien, um den Verdächtigen aus der Reserve zu locken: „Man muss mal gegen ein Wespennest treten“, räumt Constabel im Gespräch mit der LZ im Herbst 2003 ein. Doch der Tritt scheucht niemanden auf. Von Beweisen gegen einen Beschuldigten kann keine Rede sein.

Die Ermittlungsgruppe arbeite noch weiter, sagt Polizeisprecher Richter. Die Hoffnung bleibt, den Täter doch noch zu finden. Oder zumindest die Überreste Katrin Konerts. Dann gäbe es für die Familie die Möglichkeit, sie zu bestatten und einen Ort der Trauer zu haben.

Von Carlo Eggeling