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Einen Schirm als Symbol des Schutzes formten einige Teilnehmer der gestrigen Demo. Geschützt werden soll nicht nur das Klima, sondern auch Kinder – der Lüneburger Kinderschutzbund feierte gestern parallel sein 50-Jähriges Bestehen. (Foto: t&w)

Klimastreik der Rekorde

Lüneburg. „Das hört ja gar nicht mehr auf!“ sagt eine ältere Dame, als sie An den Brodbänken in die Straße „Am Berge“ lugt. Ein kilometerlanger Tross aus Demonstranten zieht an ihr vorbei, eine Ende kaum absehbar. Viele von ihnen mit den bekannten, selbst gebastelten Pappschildern, auf denen Sprüche wie „Es gibt keinen Planeten B“ steht oder „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Ein Protestmarsch durch alle Generationen, vom Baby bis zu den Urgroßeltern – organisiert von einer kleinen Gruppe Teenager.

Es ist die größte „Fridays for Future“-Demo, die Lüneburg je gesehen hat. 4000 Teilnehmer waren bei der Anfangskundgebung dabei, schätzt die Polizei. Die Veranstalter selbst kamen nur auf 3600 – das passiert wohl selten auf Demonstrationen, die von ihren Anmeldern gerne eher großzügig geschätzt werden.

Schon lange vor dem eigentlichen Start der Aktion sind Marktplatz und Bäckerstraße gut gefüllt: Hier feiert der Lüneburger Kinderschutzbund ab 10 Uhr mit Ständen und kleineren Aktionen sein 50-Jähriges Jubiläum, woanders malen Schüler dder 7d von der IGS Lüneburg mit Kreide Todesanzeigen für Inseln auf die Pflastersteine – durch den steigenden Wasserspiegel seien diese besonders gefährdet, unterzugehen, berichten sie. An der anschließenden Demo nehmen sie natürlich auch teil – „Das ist als Klassenausflug angemeldet“, erklärt ihr Tutor und Lehrer Jörn Kühl.

Schulleiter spricht „inkognito“ von der Bühne

Denn um 12 Uhr – dem offiziellen Start Aktion – haben die meisten Schüler noch Unterricht. Doch während viele früher wegen „Fridays for Future“ Freitag mittags den Unterricht nicht besuchten, hatten für diese Großdemo einige mit Lehrern und Schulleitern gemeinsame Lösungen erdacht. So führt etwa Lehrerin Inga Henkel mit ihrer Klasse von der Oberschule Adendorf einen „Stadtrundgang in Lüneburg unter besonderer Berücksichtigung der Förderung des umweltpolitisch-gesellschaftpolitischen Engagements“ durch, die Schüler der IGS Embsen etwa wurden von ihrer Schulleitung gestern komplett freigestellt. Die 15-Jährige Anna von der Herderschule berichtet: „Einige Lehrer von uns nehmen Entschuldigungen der Eltern für die Demonstration an, andere nicht.“

Tausende Demonstranten quetschten sich in die engen Straßen der Lüneburger Innenstadt. (Foto: t&w)
Trotz oder wegen des Beamtenstreikverbotes zeigen etwa 40 Lehrkräfte der Herderschule ihre Unterstützung der „Fridays for Future“-Bewegung und stellen sich geschlossen mit einem Transparent mit der Aufschrift „Solidarisch mit FFF“ vor die Schule. Besonders gewieft geht Stefan Schulz, Schulleiter des Gymnasiums Oedeme vor: Offiziell in seiner Funktion als beratendes Mitglied des Melbecker Jugendhilfeausschusses spricht er während der Kundgebung auf der Bühne zu den Demonstranten. „Ich habe drei Töchter, und ich wünsche mir, dass sie noch eine gute Erde haben, und ihre Enkel auch noch. Als Privatperson war ich von Anfang an ein Befürworter dieser Bewegung.“

Arbeitnehmer und Arbeitgeber demonstrieren gemeinsam

Andere Arbeitnehmer hingegen müssen weniger kreativ werden, um an der Demo teilzunehmen. So fallen etwa 20 Mitarbeiter der Firma Deerberg mit gelben Polohemden auf, sie hatten eine Freistellung für den Tag erhalten – schließlich war Firmengründer und Chef Stefan Deerberg mit unter ihnen. Ein großer Teil der mitdemonstrierenden Erwachsenen hatte sich ganz klassisch freigenommen, und manche verbrachten nur ihre Mittagspause bei „Fridays for Future“.

In dem Meer aus Schildern und Plakaten tauchen auch immer wieder Gewerkschaftsfahnen auf – etwa von Verdi, deren Chef Frank Bsirske ebenfalls zur Teilnahme an der Demo aufgerufen hatte. Ortsgruppenleiterin Gertrud Brunnotte-Schütte ist vor Ort, für sie eine Herzensangelegenheit. „Ich versuche schon lange, so umweltbewusst wie möglich zu leben.“ Den Umstieg auf eine nachhaltigere Energiewirtschaft hält sie nicht für eine Gefahr für Arbeitsplätze, was Kritiker der Bewegung oft befürchten. „Es werden ja auch neue geschaffen – der Bedarf an Energie bleibt bestehen.“

Wie bei vorherigen Großdemonstrationen ist der Andrang während den Startkundgebungen auf dem Marktplatz am größten. Während des gut einstündigen Protestzugs durch die Stadt verlassen nicht wenige die Aktion, zum Schluss am späten Nachmittag wirkte der Markt deutlich lichter. Doch die Botschaft wurde klar – die aktuelle Politik macht immer noch zu wenig fürs Klima. Und so lange sich das nicht ändert, werden auch die Lüneburger Jugendlichen mit den Demos nicht mehr aufhören.

von Robin Williamson