Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Eine Rotte Wildschweine unterwegs auf Futtersuche: Jetzt soll ihnen auch aufgrund der ASP-Gefahr mit Fallen nachgestellt werden. (Foto: Koltermann)

Falle zu, Wildschwein tot

Lüneburg. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) breitet sich immer weiter aus in Europa– und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis das erste infizierte Wildschwein auch in Deutschland nachgewiesen wird. Um das zu verhindern, sollen die Jäger die Schwarzkittel konsequent ins Visier nehmen. Denn nur wenn die Bestände reduziert werden, besteht Hoffnung, die Infektionskette zu durchbrechen. Deshalb hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium jetzt auch einen Großversuch mit Lebendfallen – sogenannten Saufängen – gestartet.

Berufsjäger eingestellt

Doch dieses Projekt stößt nicht überall auf Zustimmung: „Wir sind Jäger und keine Totschießer“, übt der Vorsitzende der Lüneburger Kreisjägerschaft, Christian Voigt, scharfe Kritik: Sauen in Fallen zu locken, um sie dort zu schießen, das habe nichts mit Jagd-Ethik und Waidgerechtigkeit zu tun, mahnt er. Im Gegenteil: Aus tierschutzrechtlicher Sicht sei das „moralisch höchst bedenklich“.

Zum Versuchsgebiet gehören der Heidekreis, der Landkreis Rotenburg/Wümme – und eben der Landkreis Lüneburg. Das Land hat eigens einen Berufsjäger eingestellt, der das auf vier Jahre angelegte Projekt betreut wird. Wo genau er die Fallen platziert hat, will er nicht verraten. Der 61-Jährige würde sich aber wünschen, dass den Kritikern in der Jägerschaft der Ernst der Lage bewusst wird, sie erkennen, wie gefährlich die Situation ist: „Wenn die ASP erst einmal bei uns ausgebrochen ist, ist Schluss mit lustig. Dann reden wir nicht mehr von Waidgerechtigkeit, sondern von Tilgung“, mahnt der Berufsjäger, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Wohlwissend, dass nicht alle seine Arbeit so pragmatisch sehen wie er. Der gebürtige Hesse verteidigt daher diese besondere Form der Schwarzwildjagd: „Laut Jagdrecht stehen wir in der Verpflichtung, das Wild vor Wildseuchen zu schützen“, erinnert er – der Einsatz von Saufängen sei eine Möglichkeit.

„Der Fallenfang von Schwarzwild ist in der Regel kein Instrument der konventionellen Jagdausübung, aber die weiterhin näher rückende Afrikanische Schweinepest macht es dringend erforderlich, die Schwarzwildbestände unter Anwendung aller verfügbaren Jagdmethoden zu reduzieren“, sagt Natascha Manski, Sprecherin im Landwirtschaftsministerium.

Fallenjagd auch in anderen Bundesländern

Die Fallenjagd wird laut dem Berufsjäger auch in anderen Bundesländern praktiziert, um die Schwarzwildpopulation zu minimieren: „In Hessen, in Brandenburg, Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, in Thüringen und in Schleswig-Holstein“, listet der 61-Jährige auf.

Christian Voigt überzeugt das nicht: „Jede Form der Einzelbejagung ist besser als diese Methode“, bleibt der Lüneburger Jägerschafts-Vorsitzende bei seiner Kritik. Da sei selbst der Einsatz von Nachtsichtzielgeräten fürs Gewehr noch vorzuziehen, obwohl auch die wenig mit Waidgerechtigkeit zu tun hätten und derzeit für die Jagd nicht genutzt werden dürften.

Doch wie funktionieren die Saufänge überhaupt? Die Tiere werden mit Mais oder Eicheln in die mit Wildkameras überwachten Fanganlagen gelockt. Die Falle selbst wird nicht automatisch, sondern per Hand vom Jäger geschlossen. Nur so könne sichergestellt werden, dass erstens kein Schwarzkittel durch das plötzliche Herunterklappen des Tors verletzt wird und zweitens sich auch wirklich alle Tiere aus der Rotte in der Falle befinden. Die Aufgabe des Berufsjägers ist es dann, die in der Falle sitzenden Schwarzkittel durch Fangschuss zu erlegen. Gerade deshalb sind die Fallen umstritten, weil die Tiere in Panik geraten, sobald der erste Schuss fällt. „Wir müssen alle Mittel und Wege nutzen, um den Sauenbestand noch in der seuchenfreien Zeit zu regulieren“, verteidigt der Berufsjäger die Fallenjagd.

Sperrzonen und Bergeteams

Denn sollte die ASP tatsächlich bis in unsere Region vordringen, greifen ganz andere Szenarien: Dann werden Sperrzonen eingerichtet. Eigens ausgebildete Bergeteams in Schutzanzügen werden dann die erlegten Sauen aus dem Wald holen und zu eigens aufgestellten Kühlcontainern auf Sammelplätzen in den Samtgemeinden bringen, damit die Tiere untersucht werden können. Ganze Gebiete werden eingezäunt, um zu verhindern, dass infizierte, noch nicht erlegte Wildschweine ausbrechen können. Diese Areale dürfen dann nur noch Jäger und Bergeteams betreten. Für Spaziergänger, Reiter, aber auch für Landwirte sind diese Sperrzonen tabu. „Wir können nur Beten, dass dieser Fall bei uns niemals eintreten wird“, hofft Voigt.

Höchste, jemals erzielte Strecke

Der Deutsche Jagd Verband (DJV) hat die Jagdstatistik für Wildschweine ausgewertet: Danach haben die deutschen Jäger in der Jagdsaison 2017/18 insgesamt 836 865 Tiere erlegt. Das sind 42 Prozent mehr als in der Saison davor und die höchste, jemals erzielte Strecke.

In Niedersachsen kamen im gleichen Zeitraum 68 992 Sauen und im Landkreis Lüneburg 3716 Schwarzkittel zur Strecke. Schwarzwild kommt landesweit fast flächendeckend in jedem Revier vor. Bei einer Reproduktion von 250 bis 300 Prozent und bei gutem Futterangebot explodieren die Bestände geradezu. Hinzu kommt, dass die Frischlinge im Alter von acht Monaten bereits an der Reproduktion der Bestände teilnehmen. Daher fordert der DJV eine intensive Bejagung der Sauen, vorzugsweise der Frischlinge. ol

Von Klaus Reschke