Donnerstag , 12. Dezember 2019
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Der Angeklagte (r.) hat sich aus Sicht der Richter glaubhaft bei seinem Opfer entschuldigt. Mit seinem Verteidiger Dieter Axmann nahm er noch im Gerichtssaal das Urteil an. (Foto: t&w)

Opfer nimmt Entschuldigung an

Lüneburg. Für Zuschauer wirkten die Auftritte des Angeklagten nach viel Pathos, mehrmals kniete er sich vor sein Opfer, um so um Entschuldigung zu bitten. Der Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer, Michael Herrmann, sah darin keine Theatralik und kam in seiner Urteilsbegründung zum Schluss, man müsse den vietnamesischen Kulturkreis von Angeklagtem und der 28-Jährigen sehen: Einfach gesagt steht der ältere Mann hierarchisch betrachtet über einer jungen Frau. Sinke er vor ihr nieder, unterwerfe er sich – ein hoher Grad einer Bitte um Vergebung und ein tiefes Anerkenntnis der eigenen Schuld. Schuldig hat sich der 55-Jährige gemacht: In acht Fällen des versuchten, des einfachen und des schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, in einem Fall der Vergewaltigung. Das Urteil: zwei Jahre Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird.

Das Gericht sah es durch ein Geständnis des Angeklagten, Zeugenbefragungen und Aussagen des Opfers als erwiesen an, dass sich der Angeklagte mehrfach an der Frau vergangen hat, das erste Mal 1999, da war das Mädchen acht Jahre alt. Der Mann soll das Kind gezwungen haben, sich auf einem Computer einen Porno mit ihm anzusehen, es kam später zu Berührungen im Intimbereich, dann auch zu erzwungenem Verkehr auf unterschiedliche Art. Beim letzten Mal war das Mädchen 13 Jahre alt. Tatorte waren das Elternhaus in Bad Bodenteich, später Ibbenbühren, wo der Angeklagte zeitweilig wohnte.

Angeklagter und Opfer umarmten sich

Entscheidend für das eher milde Urteil war neben dem Geständnis, welches der Frau detaillierte Aussagen ersparte, ein Gespräch im Rahmen des sogenannten Täter-Opfer-Ausgleichs. Der Vorsitzende betonte, eben dort habe das Opfer seinem Peiniger Fragen nach dem Warum stellen können. Gleichzeitig habe der Angeklagte seine Vergehen anerkannt. Das geschehe in vielen anderen Verfahren nicht, da Täter entweder „in Selbstmitleid zerfließe oder die Schuld dem Opfer zuschiebt“.

Die junge Frau, die in dem Verfahren als Nebenklägerin auftrat, empfand es als Genugtuung, dass ihr geglaubt wurde. Sie nahm auch die Entschuldigung ihres einstigen Peinigers an, beide hatten sich an einem der Prozesstage umarmt. Wie sie zuvor unter der Erniedrigung litt, machte der Richter deutlich: Nachdem sie es als Heranwachsende zunächst geschafft habe, ihr Leid zu verdrängen – sie machte Abitur, eine Ausbildung, studierte nebenher und arbeitete erfolgreich –, kam das Grauen „wieder hoch“. Sie litt an „Panikattacken, Flashbacks, Albträumen“, musste ihren Job aufgeben. Es dauerte, bis sie sich Hilfe suchte und den Mut fand, zur Polizei zu gehen. Nach dem Prozess hoffe sie, so sagte sie es selber, das „Monster aufzulösen, das ich solange mit mir rumgeschleppt habe“.

Geld und Briefe als Sühne

Auch diese Aussage habe eine Rolle für das Urteil gespielt, sagte der Vorsitzende. Eben weil es eine Perspektive gebe. In seiner Urteilsbegründung fand er deutliche Worte für den Angeklagten, der zumindest damals pädophile Neigungen gehabt habe: Kindesmissbrauch gehöre zu den „abscheulichen Taten, an den schwächsten Gliedern der Gesellschaft: an einem Kind“. Durch die Übergriffe sei die „Saat gelegt worden, das Leben zweier Menschen zu zerstören“: das des Opfers, aber das des Angeklagten und darüber hinaus das jeweilige Umfeld. Die Familien des Angeklagten und der jungen Frau waren befreundet, eben diese Nähe und das Vertrauen, habe der Mann ausgenutzt.

Wie weit die Reue des Angeklagten gehen mag, aus Sicht der Kammer wohl sehr weit, wird nur er selber genau wissen. Der Mann, der inzwischen einen Imbiss betreibt und nach eigenen Angaben maximal 24 000 Euro pro Jahr als Gewinn erzielt, hatte 5000 Euro als eine Wiedergutmachung bei der Gerichtskasse eingezahlt. Das ist die materielle Seite. Eine andere sind zwei Briefe, die er an die Opferfamilie geschrieben hat und die während der Verhandlung verlesen wurden. Darin heißt es, er wisse nicht, warum er sich an dem Kind verging. All das sei „schändlich und niederträchtig“. Gleichwohl hoffe er, dass die Familie seinen eigenen Kindern nichts von den Taten erzähle. Es klang nach dem Selbstmitleid, das die Kammer in diesem Fall nicht sieht. Das Urteil ist rechtskräftig, alle Seiten nahmen es an.

Von Carlo Eggeling