Donnerstag , 24. Oktober 2019
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Durch die Tür des Landgerichts geht Benjamin Reimers nahezu täglich. Er beobachtet ganz unterschiedliche Prozesse. Aus seinen Eindrücken hat er ein Buch gemacht, sein zweites. Foto: t&w

Der Chronist der Justiz

Lüneburg. Benjamin Reimers ist im Landgericht ein so vertrauter Anblick wie die knarzenden Zuschauerbänke, die schwarzen Roben der Richter, die Wachtmeister, die die Gefangenen vorführen. Seit 13 Jahren sind vor allem die großen Säle 21 und 121, in denen spektakuläre Verfahren verhandelt werden, quasi Arbeitszimmer des Winseners. Ausgestattet mit Notizbuch und farbigen Stiften, in der Umhängetasche Urteile vergangener Fälle, ist er so etwas wie der Chronist der Justiz. Unermüdlich notiert und bewertet er. Ab und an verkauft er seine Recherchen als Artikel an Zeitungen, auch wenn er kein gelernter Redakteur ist. Allerdings dürfte wohl kein lokaler Journalist so viel Zeit in den Gerichten zubringen wie Reimers. Jetzt hat der 38-Jährige ein E-Buch ins Netz gestellt.

Eigene Theorien zu ehemaligen RAF-Terroristen

Der 38-Jährige vertritt darin die These: „Die Organisierte Kriminalität ist neben dem Terrorismus das wichtigste Thema bei der Debatte um Stabilität in Deutschland und Europa. Wir stellen uns Verbrecher gern als Dunkelmänner vor, die ihre Taten in aller Heimlichkeit begehen, weil sie das Urteil der Öffentlichkeit fürchten. Für die neue Generation von Verbrechern gilt das nicht mehr.“

Seit Langem beschäftigt sich Reimers mit Überfällen auf Supermärkte und Geldboten. Er spürt den ehemaligen RAF-Terroristen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Straub und Daniela Klette nach, die mehrfach in Niedersachsen zugeschlagen haben sollen. Die These der Polizei: Die Senioren des Terrors leben noch immer untergetaucht, doch ohne Rente ist das Leben schwer. Also versuchen sie, durch Überfälle Geld in die Kasse zu bekommen. Immer wieder schafften es die Täter, der Polizei zu entkommen.

Reimers zweiter Blick gilt der Clan-Kriminalität

Reimers glaubt, dass die Gruppe sich auf ein Unterstützernetzwerk verlassen kann, auch eine Zusammenarbeit mit kriminellen Gruppen hält er für denkbar. Allerdings bleibt die Frage nach dem Warum. Wo sollte der Vorteil für eine Bande liegen, wenn sie weiß, dass der Staat mit großem Aufwand nach den ehemaligen Terroristen sucht – da geraten die eigenen dunklen Geschäfte möglicherweise ins Scheinwerferlicht?

Reimers zweiter Blick gilt der Clan-Kriminalität. Die gibt es auch in Lüneburg. Die Polizei geht von zwei Dutzend Großfamilien aus, die in kriminelle Machenschaften verwickelt sind. Dass es neben dem Rote-Rosen-Idyll auch eine dornige Variante gibt, wurde der Stadt schlagartig klar, als es im Herbst 2014 nach einer Schlägerei in einem Fitnessstudio einen Tag später am Klinikum zu einer Schießerei zwischen zwei Clans kam.

Angeklagt war zunächst versuchter Mord, am Ende kam im Urteil für einige Beteiligte gefährliche Körperverletzung he­raus, andere gingen gar mit einem Freispruch nach Hause. Ermittler waren sich sicher, dass man sich hinter den Kulissen geeinigt hatte mit der Folge, dass die Kontrahenten sich plötzlich an vieles doch nicht mehr erinnern konnten. Reimers liest aus dem 76 Seiten umfassenden Urteil aber heraus, dass die Richter nicht tief genug gegraben und Erkenntnisse der Polizei somit nicht ausreichend gewürdigt hätten.

TV-Sendung entfachte seine Leidenschaft

Auch daraus leitet er die Forderung ab, dass die Organisierte Kriminalität mit „nachrichtendienstlichen Mitteln“ überwacht werden sollte. Sein ungewöhnlicher Vorschlag: Die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen sollte künftig länderübergreifenden Terrorismus und Organisierte Kriminalität ins Visier nehmen. Da sich das Thema der NS-Verbrecher juristisch betrachtet quasi biologisch auflöst, wären Kapazitäten vorhanden.

Reimers, der bis 2006 als Rechtsanwaltsfachangestellter gearbeitet hat und durch „Aktenzeichen XY …ungelöst“ seine Leidenschaft für die finsteren Seiten des Daseins und deren gerichtliche Aufarbeitung entdeckte, beobachtet Scheußlichkeiten und Abseitigkeiten der Seele weiter in den Sälen im alten Schloss am Markt. Und klar ist, dass noch ein Buch zum Thema folgen wird: „Ich konnte nicht alles in dem einen unterbringen.“

Benjamin Reimers: „Neue Bekämpfungsstrategien mittelgradiger- und schwerkrimineller Zirkel“, 28,99 Euro, E-Book

Von Carlo Eggeling