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Thomas Mitschke zeigt besorgt auf das trockengefallene Moor: Auch wenn jetzt aufgrund jüngster Regenfälle einige Wasserlachen zu sehen sind, beschreibt der Nabu-Vorsitzende die Situation als „äußerst dramatisch.“ (Foto: kre)

Der Kreis trocknet aus

Radbruch. Thomas Mitschke ist ein Mann deutlicher Worte: Zu deutlich finden manche – vor allem, wenn der Nabu-Kreisvorsitzende Misstände im Naturschutz anprangert. Auch jetzt schlägt Mitschke wieder Alarm: Der Nabu-Chef sorgt sich um den Zustand des Rundmoores im Hohen Holz bei Radbruch. „Das ist seit zwei Jahren trockengefallen“, klagt er an. Doch all seine Bemühungen, die entsprechenden Stellen auf die Problematik hinzuweisen, seien bislang ohne Erfolg geblieben. Der Nabu-Vorsitzende spricht von einen ‚multiplen Komplettversagen‘ bei den Behörden“.

Ortstermin in Radbruch. In den vergangenen Tagen hat es geregnet, auf dem moorigen Boden haben sich Wasserlachen gebildet. Also doch alles gut? „Wie kommen Sie denn darauf…? fragt Mitschke erstaunt und erklärt, dass das Wasser nur oberflächlich stehe. „Darunter sei es viel zu trocken für eine Moorlandschaft.

Immer noch kein Monitoring

Sauer ist der Nabu-Chef, dass es bislang offenbar versäumt wurde, ein Monitoring durchzuführen, um die Auswirkungen der Grundwasser-Entnahme durch die Landwirtschaft, aber auch andere Nutzer auf die Ökosysteme zu untersuchen. „Wir erleben zurzeit das größte Artensterben in der Geschichte“, klagt Mitschke an: Doch niemand reagiere. „Die Naturschutzbehörden nicht, die Landesforsten nicht, und die Untere Wasserbehörde ebenso wenig.“ Und einmal in Rage geredet, setzt Mitschke noch einen drauf: „Konsequent wäre es, den Grundwassernotstand auszurufen und einen runden Tisch mit den Wasserbehörden, der Unteren Naturschutzbehörde, der Landwirtschaft, den Landesforsten und den Waldbesitzern ins Leben zu rufen.“

Moore und Feuchtgebiete sind große Kohlendioxid-Speicher, fallen sie trocken, wird das klimaschädliche Co₂ in die Atmosphäre freigesetzt. Für Mitschke ist es daher höchste Zeit, dass bei den Behörden ein Umdenken einsetzt, „denn so können wir nicht weitermachen.“

Da stellt sich die Frage, wie viele Moore es außer dem bei Kirchgellersen im Landkreis insgesamt gibt? „Da können wir derzeit keine Zahlen liefern“, lautet die Antwort aus der Pressestelle des Landkreises auf eine entsprechende LZ-Anfrage. Allerdings verweist man im Kreishaus auf die Internetseite www.moorwissen.de. Demnach waren mehr als fünf Prozent der Landfläche Deutschlands ursprünglich von Mooren bedeckt. Durch Eingriffe des Menschen ist diese Fläche auf aktuell 1 280 000 Hektar (3,6 Prozent Flächenanteil) zurückgegangen. Die verbleibenden Flächen – mehr als 95 Prozent – seien zum überwiegenden Teil entwässert und werden durch die Landwirtschaft (72 Prozent), die Forstwirtschaft (14 Prozent), für Infrastruktur (7 Prozent), Torfabbau (1,5 Prozent), beziehungsweise anderweitig (1,5 Prozent) genutzt. Nur etwa vier Prozent der verbleibenden Moorfläche seien Naturschutzflächen

Das Rundmoor im Hohen Holz ist eine Fläche der Niedersächsischen Landesforsten mit Sitz in Sellhorn: Förster und Waldökologe Oliver Richter sagt auf LZ-Anfrage: „Die von Herrn Mitschke beschriebene Situation ist uns bekannt und wir sind damit auch nicht zufrieden“. Aber man wolle das Problem angehen. Zurzeit sei man dabei, einen Managementplan zur Wiedervernässung des Moores im FFH-Gebiet aufzustellen. Die geplanten Maßnahmen seien allerdings nicht billig. Der Waldökologe spricht von einer sechsstelligen Summe.

Die Notwendigkeit eines runden Tisches, wie von Mitschke gefordert, sieht Richter nicht. Auch mit dem Begriff „Grundwassernotstand“, kann der Waldökologe nicht viel anfangen. „Die Maßnahmen, die in Folge eingeleitet werden, erfolgen ohnehin in Zusammenarbeit mit der Unteren Wasserbehörde des Landkreises.“

Absage an generelle Lösung

Und aus dem Kreishaus heißt es: „Der Schutz der Moore bedarf individueller Entscheidungen – eine generelle Lösung kann es hier nicht geben. Vielmehr muss man sich die genauen Standorte und Verhältnisse ansehen. Fällt ein Moor trocken, ist das meist ein natürliches Ereignis. Anders verhält es sich, wenn daraus Grundwasser abgepumpt worden wäre. Dann ist zu erwägen, ob die Nutzung eingeschränkt werden sollte.“

Für Mitschke aber ist jetzt schon unumstößlich klar: „Grundwasser darf nur entnommen werden, wenn anhängende Ökosysteme davon nicht betroffen werden. Wir beobachten schon jetzt im Landkreis ein massives Sterben sämtlicher Oberflächenwässer, Tümpel, Teiche und Flüsse.“

Von Klaus Reschke