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Grit Richter vor dem Schild in der Nähe des Fähranlegers Darchau, das an die deutsche Teilung erinnert, die hier am 25. November 1989 um 12.30 Uhr endete. Foto: phs

Geschichte erlebt und gestaltet

Es war Donnerstag, 9. November 1989, als in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin verkündet wurde, dass die Mauer, die die beiden deutschen Staaten 28 Jahre lang geteilt hatte, offen ist. Unzählige DDR-Bürger strömten in den nächsten Tagen nach Westen, die Maueröffnung mündete in die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls erzählen wir bis zum kommenden Sonnabend Geschichten, die sich in der Region rund um den Fall der Mauer und danach zugetragen haben.

Neuhaus. Sie hat Geschichte geschrieben – als erste Frau auf dem Bürgermeistersessel in der Einheitsgemeinde Amt Neuhaus. Acht Jahre – von 2011 bis zum 31. Oktober 2019 – stand Grit Richter an der Spitze der Verwaltung. Eine Karriere, von der sie 1987, zu DDR-Zeiten, nicht zu träumen gewagt hätte, als sie aus Neubrandenburg in die Nähe und ein Jahr später direkt nach Neuhaus zog. Der Liebe wegen.

Als noch die DDR existierte, die deutsch-deutsche Wiedervereinigung nur eine schöne Utopie war und die Menschen an der Elbe im Sperrgebiet leben mussten. Mit Blick auf Grenzanlagen und Todesstreifen. Die LZ hat Grit Richter besucht und mit ihr über ihre Zeit als Bürgermeisterin gesprochen, über die Wiedervereinigung und die Rückgliederung nach Niedersachsen – und über die feste Elbquerung, auf die die Bürger noch immer warten müssen.

Was sollte ihr Nachfolger im Amt beachten?

„Nein“, sagt Grit Richter, sie hege keinen Groll, obwohl sie gern Bürgermeisterin geblieben wäre. Doch die Wähler haben es am 26. Mai anders entschieden und Andreas Gehrke gewählt. Was sollte ihr Nachfolger im Amt beachten? „Dass er das Wohl der Bürger nicht aus den Augen verliert und wichtige Entscheidungen nicht nur von den Finanzen abhängig macht!“ Mit dieser Problematik nämlich musste sich Richter immer auseinandersetzen. Die Kassenlage der Kommune ist mehr als angespannt, Neuhaus ist Bedarfsgemeinde, hängt am Tropf des Landes.

Trotzdem blickt Richter dankbar auf ihre Zeit im Rathaus zurück, das insgesamt fast 31 Jahre ihr Arbeitsplatz war. Die gelernte Krippen-Erzieherin war zunächst Schulsekretärin in der Oberschule Neuhaus, gehörte nach der Wende zum Verwaltungsteam im Rathaus und arbeitete dort in der Meldebehörde. 2002 wurde sie Leiterin des Haupt- und Ordnungsamtes und bereits ein Jahr später qualifizierte sie sich für den höheren Verwaltungsdienst, 2011 wurde sie Bürgermeisterin. „Da wurden auch bei mir erst einmal die Knie weich“

Über sich sagt Grit Richter, dass sie sich neuen Aufgaben nie verschlossen habe, solche immer auch als Herausforderungen verstanden habe. Diese Eigenschaft half ihr, als im Herbst 2015 das Telefon klingelte. Es meldete sich Dr. Alexander Götz aus dem niedersächsischen Innenministerium, er teilte ihr mit, dass man im ehemaligen „Bürodorf“ in Sumte eine Unterkunft für 1000 Flüchtlinge einrichten wolle.

„Da wurden auch bei mir erst einmal die Knie weich“, gesteht sie. Was kommt damit auf die Gemeinde und die Bürger zu? Kann so ein Projekt im kleinen Sumte funktionieren? Fragen, die sie und ihre Mitstreiter im Rathaus und in Sumte intensiv beschäftigten. Heute kann sie sagen: „Wir haben das hinbekommen!“ Und das vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Denn in Sumte gaben sich damals Journalisten aus aller Welt die Klinke in die Hand.

Es war das zweite große Ereignis, das sich bei Grit Richter im Gedächtnis einbrannte. Das erste erlebte sie am 25. November 1989 in Neu Darchau. Als „Volkskorrespondentin“ für die Schweriner Zeitung beobachtete sie, wie die Mauer Löcher bekam, die Grenze um 12.30 Uhr geöffnet wurde. „Da habe ich auch zum ersten Mal den Zaun gesehen“, sagt sie. Erst viel später sei ihr bewusst geworden, wie „bedrohlich“ die Grenzanlagen waren. „Ich bin ja selbst nicht an der Grenze groß geworden. Bei uns wurde die Grenze zu DDR-Zeiten nie groß thematisiert.“

Familie, Kinder und Enkel

Doch erst der Bau der Elbbrücke mache die Wiedervereinigung komplett. Ob die feste Elbquerung je realisiert wird? Richter: „Da glaube ich nach wie vor fest dran.“ Für die wirtschaftliche Entwicklung, für den Erhalt und die Schaffung neuer Arbeitsplätze und nicht zuletzt für die Neuhäuser selbst sei der Bau notwendig. An dem Projekt müsse jetzt ihr Nachfolger als Bürgermeister dran bleiben.

Grit Richter dagegen will sich erst einmal mehr um Familie, Kinder und Enkel kümmern und sich verstärkt ehrenamtlich engagieren: „Das ist in meiner Zeit als Bürgermeisterin zu kurz gekommen.“ Sie verlasse das Rathaus ohne Bitternis und mit einem guten Gefühl und natürlich werde sie die Entwicklung der Kommune weiter verfolgen. Nicht auszuschließen also, dass man sie auch bei Ratssitzungen trifft. „Warum auch nicht?“, fragt sie verblüfft. „Ich will doch als politisch interessierter Mensch auch künftig wissen, wie es mit der Gemeinde vorangeht.“

Von Klaus Reschke