Donnerstag , 14. November 2019
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Zwei, die mit Leidenschaft ein Konzept verfolgen: Wirt Andre Hildebrandt (r.) und Koch Winne Marx tischen aus der Region für die Region auf. (Foto: t&w)

Das Duo vom Gelben Richard

Es war Donnerstag, 9. November 1989, als in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin verkündet wurde, dass die Mauer, die die beiden deutschen Staaten 28 Jahre lang geteilt hatte, offen ist. Unzählige DDR-Bürger strömten in den nächsten Tagen nach Westen, die Maueröffnung mündet in der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Anlässlich des 30-jährigen Jahrestags des Mauerfalls erzählen wir bis zum kommenden Sonnabend Geschichten, die sich in der Region rund um den Fall der Mauer und in der Zeit danach zugetragen haben.

Konau. Das Gute aus der Region für die Region auf den Tisch bringen, dafür brennen André Hildebrandt (35) und Winfried Marx (61). Das Duo setzt dazu im Hofcafé Gelber Richard in Konau seit April neue Akzente. Der Lüneburger Marx ist deshalb zum Pendler ins Amt Neuhaus geworden, einer von weiterhin wenigen, die den Weg zur Arbeit vom westlichen an das östliche Ufer der Elbe machen.

Fünf Jahre ist es her, dass das Café Gelber Richard, benannt nach der gleichnamigen alten Apfelsorte, an den Start ging. Die Sparkassenstiftung hatte das Gebäude-Ensemble von Konau 11 ab 2012 sensibel sanieren lassen, ansässig ist dort auch der Streuobstwiesenverein. Wer einmal dort eingekehrt ist, muss wiederkehren. Das geht Radlern, Wanderern und Konau-Freunden aus der Region so.

Pendeln kennt vor allem eine Richtung

Zur Arbeit in das weite Umland

Die Zahlen der Pendler beinhaltet eine Potenzialanalyse von Mai 2016, die der Landkreis Lüneburg für die Gemeinde Amt Neuhaus, in Auftrag gegeben hatte. Aufgrund des geringen Arbeitsplatzangebotes in der Gemeinde pendelten von 1832 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten immerhin 1347 Personen. Ein Großteil in den Landkreis Ludwigslust-Parchim (516), in die Nachbargemeinden des Landkreises Lüneburg (289) und auch nach Hamburg (133).

Trotz der mit 843 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen (Stand 30. Juni 2015) recht begrenzten Wirtschaftskraft pendelten zu diesem Stichtag täglich 359 Personen zur Arbeit nach Amt Neuhaus. Der größte Teil stammt aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim (271), gefolgt von den Landkreisen Lüneburg (29) und Lüchow-Dannenberg (17).

Ein-, zweimal sei er zuvor hier schon gewesen, bevor er als Koch im April hier angefangen habe, sagt „Winne“ Marx. Unter seinem Spitznamen ist der 61-Jährige über Jahrzehnte eine Institution in Lüneburg gewesen. In jungen Jahren als Tresenmann im Strawberry, einstige Kultkneipe auf dem Kauf, die nur noch alte Semester kennen. Von 1987 bis 2001 hat er die Bodega betrieben, spanischer Wein und lecker Essen, auch das war Kult in Lüneburg. Er war der eine von Römer & Marx Catering Schulverpflegung und Mittagstisch, die auch Veranstaltungen mit bis zu 500 Gästen belieferten, war für die Campus Management tätig, Koch und Produktentwickler im Orchideen-Garten Dahlenburg sowie für die Campus Stiftung auf dem Hof an den Teichen.

„Und dann hat mich Carsten angesprochen. Er sagte, man brauche einen Koch, einen guten, für den Gelben Richard“, erzählt Winne Marx an einem der wuchtigen Holztische im kuscheligen Café sitzend. Carsten Junge, Geschäftsführer der Sparkassenstiftung, und Marx kennen sich seit vielen Jahren. Doch immer nach Konau pendeln – knapp 45 Kilometer inklusive Fähre – schreckte Marx erst einmal ab. Und eigentlich habe er ein Hofrestaurant in Rettmer auf den Weg bringen wollen, doch da sich das nicht so schnell realisieren ließ, schlug er ein.

Piratenkopftuch und Kinn-Zwirbelbart, Markenzeichen von Winne Marx, sind hip. André Hildebrandt, seit April Pächter und Betreiber des Lokals, wirkt mit weißem Hemd und akkuratem Kurzhaarschnitt eher konservativ. Wie sie sich da am Holztisch gegenüber sitzen, denkt man einen klitzekleinen Moment: zwei Welten – und wird schnell belehrt. Das passt mit den beiden, sie haben die gleiche Philosophie.

Hildebrandt ist in Gülstorf, einen Kilometer von Konau entfernt, aufgewachsen. Der Vater Landwirt. Er hat Betriebswirtschaft erst in Lüneburg, später in Braunschweig studiert, in der Region gearbeitet. Mit seiner Familie wohnt er in seinem Elternhaus. „Die Region würde ich nie verlassen“, sagt er mit einem fast versonnenen Lächeln.

Der richtige Schritt über die Elbe

Und das Regionale verbindet die beiden. Lang ist die Liste der Produkte – von Gemüse, Kartoffeln, Fleisch, Eiern bis hin zu Forellen – , die sie von Höfen und Erzeugern aus einem 50-Kilometer-Radius kaufen. „Eine feste Karte gibt es nicht, sondern es richtet sich danach, was saisonal da ist“, sagt Marx. Frisch geerntet auf den Tisch, oder Gemüse und Obst wird eingeweckt oder fermentiert.

Aus der Region für die Region, ist außerdem ihr Motto. Die Tenne wurde umgebaut für Veranstaltungen, sie wird inzwischen gut angenommen für Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder Taufen – auch von Gästen jenseits der Elbe. Das ist ein wesentliches Standbein neben dem Fahrrad-Tourismus, „der unser Angebot zwar sehr schätzt, aber nicht das ganze Jahr ernährt“, sagt Hildebrandt.

So wie sie Betrieb und Küche aus gemeinsamer Überzeugung gestalten, ist es für Marx der richtige Schritt gewesen, „über die Elbe zu gehen“. Immer von Donnerstag bis Montagmorgen bezieht er seine Zweiraum-Wohnung in Konau 11, um am Herd kreativ zu sein oder auch Eigenprodukte wie Apfelsenf, Essig-Sorten, Wildschweinsülze oder Trester-Brote herzustellen. „Hüben und drüben“, diese Denke habe ihn nie wirklich bewegt. Damals zu DDR-Zeiten habe ihn eher die Improvisionskunst seiner Verwandten im Osten fasziniert.

Ost – West, auch für Hildebrandt ist das kein Thema. Für ihn zählt, verwurzelt in der Region zu sein. „Und das ist der Landkreis Lüneburg.“ Aber etwas Verbindendes fehle doch, da sind sich die beiden einmal mehr einig: die Brücke. Besonders für Pendler, die bei Niedrigwasser erhebliche Umwege fahren müssen, sei die wichtig. Und dazu zählen diejenigen, die von Amt Neuhaus zum Beispiel zur Arbeit nach Bleckede, nach Lüneburg oder Hamburg fahren. Aber eben auch für Pendler Winne Marx.

Von Antje Schäfer