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Millimeterarbeit: Mit dem Fluxgate-Magnetometer erfassen Cynthia Marti und Björn Wagner Störungen im Erdmagnetfeld auf einem Acker in der Nähe der Oldendorfer Totenstatt. Foto: be

Weitere Gräber gesucht

Oldendorf. Aus der Ferne wirkt es, als wollten Björn Wagner und Cynthia Marti das bäuerliche Arbeiten aus längst vergangenen Zeiten nachstellen. Zu sehr erinnert das wuchtige Metallgestell mit den überdimensionalen Rädern, das die Studenten Zentimeter für Zentimeter über den feuchten Ackerboden schieben, an einen altertümlichen Handpflug oder ähnliche Gerätschaften von einst. Erst beim näherem Hinsehen wird klar, hier ist modernste Technik im Spiel – um Historie geht es aber trotzdem.

Fluxgate-Magnetometer heißt das sperrige Gerät, das die Studenten aus Hamburg und Bern über den Ackerboden nahe der Oldendorfer Totenstatt schieben. Mit fünf Sonden ausgestattet erfasst das Gerät Veränderungen des Erdmagnetfeldes in bis zu etwa einem Meter Tiefe. Die Messungen ermöglichen den Archäologen einen Blick ins Erdreich, ohne dabei graben zu müssen. „Wir sehen Störungen im Erdmagnetfeld durch Öfen, Wände oder Steine die darin liegen. Anhand dessen können wir etwa den Grundriss eines Hauses oder eines Steingrabs erkennen, ohne, dass wir in die Erde buddeln mussten. Denn Grabungen bedeuten immer auch eine Zerstörung der archäologischen Denkmäler“, erklärt Dr. Julia Menne, Projektleiterin von der Uni Hamburg.

Hobby-Archäologe löste die Untersuchungen aus

Drei Tage lang nehmen die Wissenschaftler von den Universitäten in Hamburg und Bern den Ackerboden und den unsichtbaren Untergrund Stück für Stück unter die Lupe. Es sind die ersten archäologischen Untersuchungen auf diesem Gebiet und dennoch ist das Team um Julia Menne optimistisch, etwas zu finden. Nicht zuletzt, weil sich der Acker direkt neben der Oldendorfer Totenstatt befindet, in der Grabanlagen aus nahezu allen vor und frühgeschichtlichen Epochen aufgetan wurden. „Wir vermuten, dass unter dem Acker weitere Gräber liegen. Luftbilder haben uns schon gezeigt, dass die Untersuchungen vielversprechend sind. Aber das Feld wird seit vielen Jahrzehnten beackert, natürlich finden sich da oberflächlich keine archäologischen Spuren mehr“, so Menne. Zumindest keine Spuren von Gräbern, denn andere Funde, wie steinzeitliche Pfeilspitzen, gab es in den vergangenen Jahren viele.

Neugierig blickt Helmut Borkowski vom Feldrand aus auf die Arbeit der Archäologen. „Es freut mich, dass das Gelände jetzt wissenschaftlich untersucht wird“, sagt er ein bisschen stolz. Seit rund 20 Jahren begeht der Hobby-Archäologe wieder und wieder die Ackerfläche hier in Oldendorf, stets auf der Suche nach Funden der Vergangenheit. Moderne Technik braucht der Geschichtsfan dabei nicht: gut trainierte Augen und ein Bambusstock mit Gabelspitze helfen dem Amelinghausener zuverlässig beim Suchen. So fand der 80-Jährige zwischen Gräsern und Steinen bereits zahlreiche steinzeitliche Werkzeuge, Querschneider oder Mikroliten, kleine Absplitterungen steinzeitlicher Klingen. Diese Funde waren es, die die Wissenschaftler aufhorchen ließen.

20.000 Quadratmeter Ackerfläche

Mario Pahlow, Leiter des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege, erinnert sich: „Die Idee, hier an der Totenstatt mehr zu machen, ist eigentlich schon sehr alt, ist aber immer bei dem ‚man könnte mal‘ hängengeblieben. Dann hat Herr Borkowski seine Funde online gestellt und ich habe einfach mal an die Uni Hamburg geschrieben, ob das nicht etwas wäre. Es ist schade, dass diese Funde gesammelt werden, mit viel Herzblut, sehr viel Zeit und dann nicht wahrgenommen werden.“

Mit konzentriertem Blick und ruhigem Schritt schiebt Cynthia Marti das Magnetometer entlang der Markierung über den Boden. Für die 25-jährige Archäologie-Studentin aus Bern ist es die erste Teilnahme an einer geomagnetischen Prospektion, wie das Verfahren genannt wird. „Der Boden ist ein bisschen uneben, man muss darauf achten, gleichmäßig zu gehen und auf der Linie zu bleiben“, erklärt die Studentin. Ist eine Bahn vermessen, wird das Maßband um genau 1,25 Meter verrückt – und nochmals gelaufen. Insgesamt 20.000 Quadratmeter Ackerfläche wollen die Wissenschaftler auf diese Weise kartieren. Parallel suchen erfahrene Mitarbeiter jeden Zentimeter des Bodens nach Spuren ab. Ein paar interessante Stücke wie Klingen, Abschläge und steinzeitliches Werkzeug sind dabei schon entdeckt worden. „Die Funde deuten darauf hin, dass hier sehr viele Aktivitäten seit der Steinzeit stattgefunden haben“, schlussfolgert Julia Menne.

„Das wollen wir gerne herausfinden“

Was genau hier vor Tausenden Jahren vor sich gegangen sein mag und welche Spuren davon noch im Erdreich zu finden sind – das können die Wissenschaftler erst nach weiteren Tests und Auswertungen sagen.

Bis dahin bleibt die vielversprechende Hoffnung, „dass wir Klarheit finden, ob sich die Totenstatt noch in den Bereich ausdehnt und wenn ja, wie weit. Wir haben ja viele Sammelfunde von der Fläche und niemand weiß, warum sind die da überhaupt. Das wollen wir gerne herausfinden“, sagt Mario Pahlow.

Von Anke Dankers