Donnerstag , 14. November 2019
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Zu Beginn des Prozesses verdeckten die Tankstelleneinbrecher Ceyhan Ö. (l.) und Mahsun D. noch ihre Gesichter. Im Verfahren legten sie die Karten allerdings auf den Tisch. Jetzt müssen sie in Haft. (Foto: Archiv/us)

Die eigene Freiheit verzockt

Lüneburg. Zur Urteilsverkündung wurden Ceyhan Ö. und Mahsun D. noch in Handschellen in den Saal 21 geführt. Nach dem Urteil konnten sie mit ihren weinenden Verwandten das Landgericht als vorübergehend freie Männer verlassen – obwohl sie beide wegen einer Serie von Tankstelleneinbrüchen zu je drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden waren. Bemerkenswertes Ende eines bemerkenswerten Prozesses.

„Nach Aktenlage“ hatte die 1. große Strafkammer „schwere Jungs“ auf der Anklagebank erwartet, wie Richter Dr. Michael Herrmann bei der Urteilsbegründung einräumte. Am 5. Juli 2018 war es zum ersten von elf gelungenen und vier missglückten Tankstelleneinbrüchen in Norddeutschland gekommen. Die Täter waren mobil und erfolgreich, erbeuteten Tabakwaren im Wert von 48 381,80 Euro, allein in Hitzacker rafften sie Zigaretten und Tabak für 4218,48 Euro zusammen. Bei einem Einbruch wurde ein Nachbar mit einer Pistole bedroht – einer Schreckschusswaffe, wie sich später herausstellte.

Die Polizei gründete eine eigene Ermittlungsgruppe und kam den Tätern schnell auf die Spur. Am 28. März 2019 nahm ein SEK-Kommando die beiden 25-jährigen Türken fest. Ein Szenario, das eine professionelle Einbrecherbande und organisierte Kriminalität erwarten ließ. Beim Prozessauftakt galt deshalb die höchste Sicherheitsstufe. Zuschauer mussten Metallscanner und eine Leibesvisitation hinter sich bringen.

Mit dem Handy am Tatort

Doch die Aktenlage hatte die Täter verzerrt dargestellt, wie Richter Hermann gestern schilderte. Tatsächlich hätten diese eine „gehörige Naivität“ an den Tag gelegt: Sie telefonierten mit ihren Handys noch von Tatorten aus, mieteten Autos mit ihren Klarnamen, mussten sich Geld für den notwendigen Sprit leihen, Mahsun D. drohte mit falsch gehaltener Waffe. Die Täter hatten zwar kriminelle Energie, aber keine Erfahrung, wie Rechtsanwalt Axel Rotter sagte, der Ceyhan Ö. verteidigte: „Es ist untypisch, dass wir es bei solchen Taten mit unbeschriebenen Blättern zu tun haben.“ Die Freunde haben keine Vorstrafen auf dem Kerbholz, Ceyhan studierte, Mahsun absolvierte eine Lehre. Warum kamen sie eines Tages in einer Shisha-Bar auf die Idee, Zigaretten zu stehlen, um sie an einen Hehler zu verkaufen?

„Wegen seiner Spielsucht“, sagte Verteidiger Rotter über Ceyhan Ö. „Mahsun sitzt hier, weil er in die Spielmaschinerie eingetaucht ist“, sagte Verteidiger Roman von Alvensleben. Das Duo zockte in Spielhallen, wettete auf alles, egal ob Rugby in Südafrika oder Hunderennen in England, zählte Richter Herrmann auf. Nachts stiegen sie in Tankstellen ein, morgens verspielten sie den Hehler-Erlös wieder. „Dabei haben Sie mit einem noch höheren Einsatz gezockt – und verloren“, mahnte der Richter, „Ihrer Freiheit“.

Bewaffneter Einbruch kann mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Dass das Duo seine Freiheit deutlich kürzer verlieren wird, verdankt es seiner Reue. Die diebischen Zocker legten ihre Karten offen auf den Tisch, gestanden auch, was ihnen nur schwer nachzuweisen gewesen wäre. „Er schämt sich“, sagte von Alvensleben über seinen Mandanten. Mahsun D. beteuerte in seinem Schlusswort, „ich will zeigen, dass ich als Mensch mehr drauf habe.“

Lob vom Richter für konstruktiven Umgang

Diese Chance eröffnete das Gericht, hoffend, „dass diese eruptive kriminelle Episode einmalig bleibt“, sagte Richter Herrmann. Trotz der verhängten Haftstrafen folgte das Gericht sogar den Anträgen von Staatsanwaltschaft und Verteidigern, die Haftbefehle aufzuheben. So können die Verurteilten vor ihrem Haftantritt noch ihre persönlichen Dinge regeln.

Unisono lobten alle Prozessbeteiligten den konstruktiven Umgang miteinander. So wurde eine Absprache ermöglicht, die das Verfahren verkürzte und am Ende allgemeines Händeschütteln auslöste. „Das habe ich in Gerichtssälen selten erlebt“, resümierte Richter Herrmann.

Von Joachim Zießler