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Helfen, wo Hilfe gebraucht wird: Mit dieser Idee ist Bernhard Böhnke am Steuer des Bürgerbusses unterwegs. Ein Glück, sagt Katrin Reimann. Foto: phs

Glück auf Rädern

Bienenbüttel. Früher war Bernhard Böhnke im Außendienst tätig. Da war er der, der ganz Mecklenburg-Vorpommern mit Putzmitteln versorgte, der alle Straßen kannte und alle Blitzer, nur nicht alle Menschen. Heute ist Bernhard Böhnke der, den jeder kennt – nicht oben an der Ostsee, sondern in Bienenbüttel. Nicht bloß als Herrn Böhnke, sondern als Engel, Seelentröster, oder… „Mein Herzi!“ Katrin Reimann seufzt, als sie sich hinter ihm auf den Autositz fallen lässt. „Wenn ich dich nicht hätte, wär‘ ich aufgeschmissen.“ Denn Bernhard Böhnke fährt inzwischen nicht mehr für Geld, sondern für die gute Sache – mit dem Bürgerbus durch Bienenbüttel.

Das ganze Jahr über, montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr, sorgen er und seine ehrenamtlichen Mitstreiter dafür, dass auch ältere und beeinträchtigte Menschen mit geringem Einkommen am Leben teilhaben können. So wie Katrin Reimann. Nachdem ihr Mann ins Seniorenheim gezogen war, fuhr sie ihn fast täglich besuchen. „So ein Heim wird ja immer teurer. Das frisst die Rente und noch ein bisschen mehr“, erzählt die 76-Jährige. Wie da noch Geld für ein Taxi aufbringen? Keine Chance. Wenn sie der Bürgerbus nicht bis vor die Tür gefahren hätte – für 24 Euro pro Jahr – dann hätte sie ihren Mann im Heim kaum besuchen können, dann käme sie heute auch nicht zum Supermarkt. Den Führerschein hat sie schon vor Jahren abgegeben.

140 Mitfahrer nutzen den Dienst

Während Katrin Reimann erzählt, lotst Bernhard Böhnke den Bus durch den Verkehr. Ein Navi braucht er nicht, der 66-Jährige hat Routine: Zwischen 120 und 200 Kilometern am Tag legt er mit dem Bürgerbus zurück, zweimal im Monat. Viele der insgesamt 20 Fahrer sind Rentner, so wie Böhnke, das Durchschnittsalter liegt bei 70 Jahren. „Für mich sind diese Menschen alle Sandkörner, die ich gefunden habe“, sagt Katrin Reimann. „Ein Haufen Glückssand.“

Der Bus hält. Bernhard Böhnke öffnet seiner Mitfahrerin die Tür, hilft ihr hinaus und kehrt lächelnd zurück ans Steuer. Nach 38 Jahren im Außendienst, da habe er etwas „zurückgeben“ wollen, erzählt er. So kam er zum Bürgerbus.

Das Angebot schließt eine Lücke im System – und zwar rein ehrenamtlich, organisiert durch einen Verein. „Bienenbüttel hat viele Ortsteile und die Entfernungen sind zu Fuß, vielleicht sogar noch mit einer vollen Handtasche nach dem Einkauf, nicht zu bewältigen“, weiß Vorsitzender Gerd Richter. Die Menschen sollten von A nach B kommen, ohne abhängig zu sein von Nachbarn oder Angehörigen. Denn oft geht es um essenzielle Dinge: vom Einkauf über den Friseurtermin bis hin zum Besuch beim Arzt. Die Kosten für Sprit, Reparaturen und Versicherungen tragen die rund 200 Mitglieder des Vereins Bürgerbus Bienenbüttel. Zusammen mit Spenden kommen so jährlich zwischen 6000 und 7000 Euro zusammen. Und wenn alle fünf Jahre ein neuer Wagen her muss, dann hilft unter anderem die örtliche Bürgerstiftung.

Eine Art Gemeinderundfahrt

Seit zehn Jahren funktioniert das nun schon so, inzwischen rollen Bürgerbusse durch viele Kommunen in der Heide – und so manch einer habe sich bei den Bienenbüttelern schlau gemacht, weiß Richter. Kein Wunder, denn der Erfolg gibt ihnen recht: Aktuell zählt der Verein 140 Mitfahrberechtigte.

Bernhard Böhnke hat es eilig. In wenigen Minuten muss er in Eitzen I sein, bei Ilse Müller. Die zierliche 89-Jährige wartet bereits vor der Tür. „Zum Salon, richtig?“, fragt Böhnke, eher der Form halber. Sie nickt: „Ja, und wenn noch Zeit ist, dann auch zur Bank.“ Ihr Mann verstarb vor sieben Jahren, seitdem lebt sie allein auf ihrem Hof. Bis vor drei Jahren fuhr sie noch Auto – sehr gern sogar. Den Abschied vom eigenen Wagen habe sie zunächst als heftigen Einschnitt in ihre Flexibilität empfunden, erinnert sich Ilse Müller, die Nachbarn könne man ja schließlich auch nicht jeden Tag um Hilfe bitten. „Ich bin sehr dankbar, dass es den Bürgerbus gibt.“

Der muss heute einen Umweg machen, auch andere Gäste warten. „Macht aber nichts“, sagt Böhnke. „Viele fahren gern eine Weile mit, das ist dann eine Art Gemeinderundfahrt.“ Da wird gequatscht, gelacht und auch geweint. „Man ist ein bisschen Kummerkasten“, erzählt der Fahrer. „Da laufen auch mal Tränen.“ Es ist ein Bus voller Geschichten, der durch Bienenbüttel rollt. Bernhard Böhnke kennt viele von ihnen. Und wenn er eines Tages selbst den Führerschein abgibt, dann will er seine eigene erzählen, vom Rücksitz aus.

Von Anna Petersen