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Zunächst haupt-, dann ehrenamtlich setzt sich Gudula Heintzmann seit der Wende für den Erhalt der Dörfer Darchau, Popelau und Konau ein. Foto: ape

Eine Reise in die Vergangenheit

Es war Donnerstag, 9. November 1989, als in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin verkündet wurde, dass die Mauer, die die beiden deutschen Staaten 28 Jahre lang geteilt hatte, offen ist. Unzählige DDR-Bürger strömten in den nächsten Tagen nach Westen, die Maueröffnung mündet in der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Anlässlich des 30-jährigen Jahrestags des Mauerfalls erzählen wir bis zum kommenden Sonnabend Geschichten, die sich in der Region rund um den Fall der Mauer und in der Zeit danach zugetragen haben.

Konau. Wenn Gudula Heintzmann mit Fähre Tanja die Elbe überquert, dann ist es immer auch eine Fahrt in die Vergangenheit – ein bisschen, wie nach Hause kommen. Man kennt sich, man grüßt sich. Kaum einer kann die Geschichte der Elbranddörfer Darchau, Popelau und Konau so gut erzählen wie die 79-Jährige: Als Kultur- und Rechtsdezernentin des Landkreises Lüneburg war sie es, die sich nach der Grenzöffnung maßgeblich für die Rettung der teilweise verlassenen und maroden Gehöfte einsetzte. Der Auftrag ist längst erfüllt, Zehnerkarten für „Tanja“ braucht Heintzmann trotzdem noch.

Aufwendige Genehmigungsverfahren

Wenige Tage nach der Grenzöffnung fuhr sie das erste Mal ins ehemalige Sperrgebiet – sah verlassene und verfallene Höfe, die sich wie Perlen auf einer Schnur am Altdeich zur Elbe entlang reihten. „Wir wussten am Anfang gar nicht, was wir damit anfangen sollen“, sagt Heintzmann. „Immer, wenn ich kam, sah ich, wie die Niedersachsenhäuser weiter verfielen. Katastrophal war das.“ Ihre erste Aufgabe, nach der Rückgliederung des Amtes Neuhaus nach Niedersachsen: Notdächer errichten. Mit Planen wurden Häuser vor Regen und Wind geschützt.

Die Dörfer an der Elbe gehörten zu dem 1952 von der DDR erklärten Sperrgebiet – einem fünf Kilometer breiten Streifen, der nur mit besonderer Erlaubnis betreten werden durfte. Selbst Besuche von Verwandten erforderten aufwendige Genehmigungsverfahren, oftmals waren sie ergebnislos. Die Bewohner der Grenzdörfer waren damit nicht nur vom Westen abgeschnitten, sondern auch innerhalb der DDR weitestgehend isoliert.

Dörfer-Geschichte wird in Scheunen gezeigt

Die Landwirtschaft wurde kollektiviert, die Gemarkung um Konau und Popelau von der LPG weiter bewirtschaftet. Glück im Unglück, sagt Heintzmann: Aus diesem Grund wurden die meisten Gebäude, anders als in Nachbardörfern nicht abgerissen.

In dieser Zeit kam es auch zu Zwangsaussiedlungen. In einer ortstypischen Durchfahrtsscheune in Popelau werden die Schicksale der Betroffenen interaktiv vermittelt. Dafür hat sich Gudula Heintzmann mit dem von ihr initiierten Förderverein Konau eingesetzt. Zwei weitere Scheunen in Konau dienen heute als Ausstellungsräume, in denen an die Geschichte der Orte erinnert wird. Frühere Pläne für ein Museumsdorf wurden bald wieder verworfen.

„Eigentlich ist es viel besser, wenn es hier wirklich lebendig ist“, findet sie – und schwärmt von der gesunden Dorfkultur, den Betrieben, den Festen und Veranstaltungen.

Tränen rollen über ihre Wangen

Während Heintzmann, inzwischen Ehrenmitglied des Vereins, von der turbulenten Zeit nach der Grenzöffnung berichtet, von der Rückgliederung 1993, wie sie als Landkreismitarbeiterin um Geld warb und die Menschen mit nur 10.000 Mark begannen, die landwirtschaftlichen Gebäude zu retten, erscheint auf einem Bildschirm in der Popelauer Scheune eine ältere Dame. Mit zittriger Stimme erzählt sie von dem Tag, als sie und ihre Kinder im Zuge der Zwangsaussiedlung ihren Hof räumen mussten. Tränen rollen über ihre Wangen. Heintzmann hat das schon oft gesehen, „aber es berührt mich immer noch“, sagt sie.

Weiter geht es nach Konau. In dem denkmalgeschützten Dorf sind Bilder und Gegenstände aus der Zeit nach dem Mauerbau ausgestellt, ein Stück Grenzzaun, ein Schild, das auf den ehemaligen Schutzstreifen hinweist, Schlüssel der Grenzer… Vor einem alten Holzfuttertrog für Schweine macht Heintzmann Halt. „Der wurde benutzt, um über die Elbe zu schippern: Fußballschuhe besorgen“, erzählt sie. „Damals, als das alles noch lockerer war…“ Eine kurze Zeit.

Das alles lernte Heintzmann erst Jahrzehnte später, nach der Grenzöffnung. Da wurde Konau, Außenprojekt der Expo 2000. „Damit wurde es leichter, an Fördermittel zu kommen.“ Jahrelang war sie vor allem damit beschäftigt, um Gelder für die Sanierung der maroden Gebäude zu werben. Damals hatte sie zum Beispiel der Treuhand auferlegt, die Dächer zu flicken. „Das war grenzwertig, vielleicht auch gar nicht erlaubt – aber erfolgreich.“ Sie lächelt. „Das war einfach eine mordsmäßig spannende Zeit.“

Von Anna Petersen

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Grenzenlos

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