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Andreas Steinle (49) lebt in Brietlingen. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Trend- und Zukunftsforschung und hat die Zukunftsinstitut Workshop GmbH gegründet. Sein neues Buch „30 Minuten Zukunftsmut“ ist im Gabal-Verlag erschienen. Foto: privat

Die Mutigen werden belohnt

Wie würden Sie Pessimisten davon überzeugen, dass die Zukunft besser aussieht, als sie es befürchten?
Andreas Steinle: Es ist schwierig, denn ein eingefleischte r Pessimist ist nicht von heute auf morgen umzustimmen. Aber das Erleben und Erkunden von positiver Veränderung ermöglicht oft einen Perspektivwechsel. Statistik hilft auch. Wenn wir uns mehr mit den Fakten auseinandersetzen würden, würden wir sehen, wie sehr sich die Welt zum Guten verändert hat. Die medizinische Versorgung ist besser geworden, die Alphabetisierungsquote hat in Deutschland und der Welt zugenommen, der Anteil derer, die unter extremer Armut leiden, hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als halbiert, Wohlstand hat zugenommen.

Gehen Sie mutig in die Zukunft?
Definitiv, weil es mein Beruf ist, Unternehmen dahingehend zu beraten, wie sie ihre Zukunft mit Innovationsprojekten und Strategien, die wir gemeinsam mit ihnen entwickeln, besser gestalten können. Und wenn ich dann nicht optimistisch wäre, dass wir prinzipiell die Ressourcen zur positiven Veränderung in uns tragen, würde mein Beruf überhaupt keinen Sinn machen. Meine Erfahrung zeigt, dass wir mehr verändern können, als wir denken.

Gilt das auch für das Privatleben?
Da haben wir noch viel mehr Möglichkeiten, weil uns nicht so viele Leute reinreden und wir keinen Chef haben, der uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir sind eigentlich viel freier in unseren Entscheidungen.

Sie schreiben in Ihrem Buch über Zukunftsmut. Was sind gute Beispiele dafür, dass dieser sich auszahlt?
Es gibt ein persönliches Beispiel. Ich habe vor etwa einem Jahr mein Leben hier in den Norden verlagert. Allerdings nicht ausschließlich, weil meine Firma weiterhin in Frankfurt ist und ich seitdem zwischen Stadt und Land pendle. Der Schritt war mit einer gewissen Unsicherheit verbunden. Ich stellte mir natürlich die Frage, ob es funktionieren kann, zum Beispiel mit meinem beruflichen Alltag. Aber ich war zuversichtlich und habe es probiert. Ich bin sehr froh, diesen Schritt getan zu haben. Ich finde diese Balance zwischen Stadt und Land wundervoll, die Gegend und die Menschen hier im Norden sind ganz bezaubernd. Und von daher hat sich dieser Zukunftsmut gelohnt.

Kann man Zukunftsmut lernen?
Meine prinzipielle Haltung ist, dass man alles lernen kann. Auch den Zukunftsmut. Dieser ist ja keine genetische Anlage, sondern unsere Perspektive macht ihn aus. Unseren Blickwinkel können wir jederzeit verändern. Wir können nach allem Schlechten suchen, wir können das Haar in der Suppe suchen, wir können unsere komplette Aufmerksamkeit auf das lenken, was nicht funktioniert. Oder aber wir lenken unseren Blick darauf, was gut läuft und was uns in der Vergangenheit geglückt ist. Daran können wir anknüpfen und Mut für die Zukunft schöpfen. Ich kann also Optimismus daraus schöpfen, indem ich erkenne, was in der Vergangenheit gut gelaufen ist und wie mein Anteil daran war, dass es gut gelaufen ist.

Warum ist Zukunftsmutwichtig?
Er ist deshalb wichtig, weil er uns ermöglicht, aus Ideen Taten zu machen. Kreative und gute Ideen zu haben, fällt uns sehr leicht. Aber diese umzusetzen, fällt uns schwer. Das ist die Kluft zwischen der Idee und der Veränderung. Da hakt es dann. Wir haben häufig Angst, tatsächlich in die Veränderung zu gehen, weil wir nicht genau wissen, ob sie von Erfolg gekrönt sein wird. Genau dafür benötigen wir den Zukunftsmut. Die Zuversicht zu sagen, es lohnt sich, etwas auszuprobieren. Wenn ich diesen Zukunftsmut nicht habe, werde ich gar nicht erst etwas Neues versuchen.

Welche Folgen kann das haben?
Meistens trauern wir nicht den Dingen nach, die wir ausprobiert haben, sondern denen, die wir nicht ausprobiert haben. Ich glaube, viele Menschen sind häufig in der Situation, in der sie gerne etwas in ihrem Leben verändern würden. Die einen bringen den Mut auf, wagen die Veränderung und sind hinterher glücklich. Andere bringen den Mut nicht auf, und bleiben dann meist eine ganze Zeit lang unglücklich, obwohl sie es gar nicht sein müssten.

Warum verlieren viele den Glauben an die Zukunft?
Weil wir zu viel Apokalypse in unserem gesellschaftlichen Diskurs haben. Denn die Apokalypse sagt ja nichts anderes, als dass ohnehin alles verloren ist. Es ist nichts mehr zu retten. Das aber verhindert den Blick auf die wirklichen Lösungen. Und diese sind da. Ich glaube, das vergessen wir häufig. Es gibt ohne Frage die Klimakrise, die sich aber nicht durch Symbolhandlungen lösen lässt. Wir werden sie nur mithilfe kluger Technologien meistern können.

An was denken Sie?
Ein Beispiel: Wir können das wichtige Pflanzen von Bäumen, die das CO2 natürlich speichern, mit dem Einsatz moderner Technologie unterstützen. Beispielsweise durch den Abwurf von Baumsamen mithilfe von Drohnen, die weitflächige Gebiete auf diese Weise kostengünstig bepflanzen können. Das passiert gerade in den USA zur Wiederaufforstung nach Waldbränden. Auch gibt es bereits Anlagen, die aus der Atmosphäre CO2 herausfiltern und dieses über energetische Aufarbeitung in Energie oder synthetische Treibstoffe umwandeln. Das sind Ansätze, in die es sich lohnt, zu investieren. Aber leider sind wir, gerade in Deutschland, sehr technologiefeindlich. Viele haben nicht gerade ein positives Verhältnis zur Technologie, obwohl wir so sehr davon profitieren.

Das sieht aber nicht jeder so.
Es gibt ein wundervolles Projekt mit Namen Gapminder des 2017 gestorbenen schwedischen Professors für Internationale Gesundheit Hans Rosling. Er hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die am besten ausgebildeten Menschen eine totale verzerrte Wahrnehmung von der Wirklichkeit haben. Das haben zahlreiche Tests mit seinen Studenten, Nobel-Preisträgern und Mitgliedern des Davoser Weltwirtschaftsforums ergeben. Sie ordnen Dinge vollkommen falsch ein. Sie glauben etwa, dass die Armut extrem zugenommen hat, obwohl sie sich radikal reduziert hat. Sie glauben nicht, dass wir eine Alphabetisierungsquote von 80 Prozent weltweit haben. Sie glauben nicht, dass viele positive Entwicklungen stattgefunden haben, weil sie sich die Zahlen dazu nie angeschaut haben. Rosling hat eine Aufbereitung von Weltstatistiken in Angriff genommen, um die Menschen davon zu überzeugen, dass die Welt viel besser ist, als sie denken (www.gapminder.org).

Von Stefan Bohlmann