Donnerstag , 14. November 2019
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Über Jahrzehnte war die Elbewerft ein wichtiger Arbeitgeber in Boizenburg, 1998 wurde der Betrieb wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt. Foto: A/Behns

Auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal

Es war Donnerstag, 9. November 1989, als in einer Pressekonferenz in Ost-Berlin verkündet wurde, dass die Mauer, die die beiden deutschen Staaten 28 Jahre lang geteilt hatte, offen ist. Unzählige DDR-Bürger strömten in den nächsten Tagen nach Westen, die Maueröffnung mündet in der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Anlässlich des 30-jährigen Jahrestags des Mauerfalls erzählen wir bis zum kommenden Sonnabend Geschichten, die sich in der Region rund um den Fall der Mauer und in der Zeit danach zugetragen haben.

Boizenburg. Boizenburg zeigt sich auch bei Regen von seiner schönsten Seite. Mit ihren schmucken Bürgerhäusern aus dem frühen 18. Jahrhundert wirkt die Elftausend-Einwohner-Stadt wie aus dem Ei gepellt, kaum eine Fassade, deren Anstrich dringend erneuert werden müsste, kaum ein Dach, das nicht frisch eingedeckt worden ist. Viel wurde gemacht seit dem Mauerfall. Und doch steht nicht alles zum Besten in der verträumten Elbestadt, die zu DDR-Zeiten noch als bedeutender Wirtschaftsstandort glänzen konnte.

„Wir sind eine Auspendlerstadt geworden“, sagt Harald Jäschke, und im Tonfall des Boizenburger Bürgermeisters schwingt Ernüchterung mit. Rund 70 Prozent der in Boizenburg lebenden Erwerbstätigen pendeln in den Westen, sie haben Jobs in Lüneburg, Lauenburg, Winsen, Hamburg, manche sogar im südlichen Niedersachsen.

Viele versuchten sich mit neuen Konzepten

Dieser „Mitarbeiter-Abfluss“, wie Jäschke die berufliche West-Orientierung seiner Pendler nennt, setzte schon kurz nach der Wende ein. Von den drei großen bis dahin hier ansässigen Betrieben, die allein es damals auf 5000 Beschäftigte brachten – die Elbewerft und die Fliesenfabrik mit jeweils 2000 Mitarbeitern und das metallverarbeitende Unternehmen Both mit damals 1000 Mitarbeitern –, konnte sich nur die traditionelle Fliesenproduktion im harten Wettbewerb des plötzlich real existierenden Kapitalismus behaupten. Mit heute 250 Beschäftigten.

Und selbst das sei keine Selbstverständlichkeit, wie Jäschke fast dankbar ergänzt. So hätten sich seit der Wende fünf Geschäftsführer an der Fortführung des früheren DDR-Exportschlagers „Boizenburger Fliese“ versucht, „alle mit unterschiedlichen Konzepten“. Dass es nun „gut laufe“, seit vor zweieinhalb Jahren ein Winsener Unternehmer die Sache in die Hand genommen hat, liege daran, dass er auch Eigentümer und nicht nur Manager sei. „Dann geht man so etwas anders an“, ist Jäschke überzeugt.

Die Elbewerft konnte sich nur bis 1997 über Wasser halten. Am 19. Dezember lief mit der Bau-nummer 234 der letzte Rohbau vom Stapel, ein Jahr später war nach eingeleiteter Insolvenz endgültig Schluss.

Mit der Wiedervereinigung setzte aber auch eine gegenläufige Bewegung ein. West-Unternehmen erkannten schnell, dass im Osten nicht nur neue Absatzmärkte warteten, sondern auch reichlich Fördermittel für Ansiedlungen – zum Leidwesen von Orten wie Lüneburg, das selbst viele Jahre in Zonenrandlage um Gewerbeansiedlungen kämpfen musste und sich nach der Wende plötzlich vor neue Herausforderungen gestellt sah. Denn die bisherige Zonenrandförderung, ein gewichtiges Steuerlockmittel mit Investitionskostenzuschüssen von 23 Prozent, fiel quasi von einem auf den anderen Tag weg. „Plötzlich saß ich da, eine Ansiedlung von größeren Firmen war vorbei“, erinnert sich Klaus Dützmann. Vor 30 Jahren war er für die Wirtschaftsförderung in Lüneburg zuständig und hatte sich bis dahin erfolgreich um Ansiedlungen bemüht. Unternehmen wie Panasonic, Konica, Funai ebenso wie Jungheinrich oder Nordson waren gekommen, „natürlich auch wegen der steuerlichen Vorteile“.

Lüneburg litt, half aber trotzdem

Damit war vorerst Schluss. Und es kam noch schlimmer: Auch bereits angesiedelte Unternehmen wie die Fleischfabrik für den Edeka-Großhandel an der Lüner Rennbahn kehrten Lüneburg den Rücken und „machten rüber“, dieses Mal nur in die andere Richtung. Besonders gern ging es nach Zarrentin, wo nur wenige Hundert Meter hinter der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein neues Gewerbegebiet aus dem Boden gestampft worden war. „Direkt an der Autobahn und mit neuen Steuervorteilen, da konnten wir nicht mithalten“, sagt Dützmann. Auch andere, wie der Fensterhersteller Drinkuth, zogen ab, und die fast eingetütete Ansiedlung von Fisch-Friedrich in Lüneburg wurde unternehmensseitig kurzfristig gen Osten verschoben.

Groll oder Missmut, nein, das habe er damals nicht empfunden, sagt Dützmann. Im Gegenteil: „Wir haben versucht, mit unserem Know-how zu helfen“, berichtet der 79-Jährige. Man lud das Neue Forum nach Lüneburg ein, erklärte, wie Marktwirtschaft funktioniert und aus Produkten Gewinne entstehen können. „Viele ehemalige DDR-Ingenieure wollten sich selbstständig machen, die waren sehr interessiert.“ Ebenso die neue Landesregierung in Schwerin, zu der es auch Lüneburger Wirtschaftsdelegationen zog.

„Klar gab es auch Wende-Gewinnler“

Auf den Weg machten sich aber auch andere, Leute, die lieber eigene Interessen verfolgten und in der Unwissenheit vieler Ost-Bürger eine Chance für persönliche Bereicherung sahen. „Klar gab es auch Wende-Gewinnler“, weiß Dützmann. Mehr mag er dazu aber nicht sagen.

Von den zahlreichen Kontakten, die in der Wendezeit zwischen Ost und West zumindest auf kommunaler Ebene entstanden sind, ist aber nur wenig übrig geblieben, wie Bürgermeister Jäschke feststellt. „An der Landesgrenze hören die Kontakte heute auf“, sagt der 63-Jährige und erklärt dies mit den unterschiedlichen politischen Strukturen der drei Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Selbst zur Partnerstadt Lauenburg sind die Beziehungen inzwischen abgekühlt, „es bewegt sich auf Alltags-Nivieau“, beschreibt Jäschke die Stimmung. Die Kontakte zur polnischen Partnerstadt Czersk hingegen seien „weitaus herzlicher“, Begegnungen mitunter feucht-fröhlich.

Die guten Startbedingungen, die der Osten nach der Wende erfuhr, konnte Boizenburg allerdings noch nicht in dauerhaft sprudelnde Steuereinnahmen umsetzen. Zwar seien die Gewerbesteuereinnahmen im vergangenen Jahr mit 2,6 Millionen Euro so hoch wie noch nie gewesen, „für eine Stadt mit elftausend Einwohnern ist das aber zu wenig“, sagt Jäschke. Ohnehin seien diese Einnahmen flüchtig, schon in diesem Jahr werden sie auf nur noch 2,1 Millionen Euro sinken. Und selbst der kontinuierliche Zuwachs bei der Einwohnerzahl ändere nur wenig an der Einnahmesituation. „Viele unserer Pendler geben ihr Geld oft dort aus, wo sie arbeiten.“

Sogar fürs Kino gibt die Stadt Zuschüsse

Jäschke, gebürtiger Spandauer, der 1998 als Sozialamtsleiter von Lauenburg nach Boizenburg wechselte und dort zunächst als „Beauftragter in der Funktion des Bürgermeisters“ antrat – sein Vorgänger musste wegen Stasi-Problemen sein Amt ruhen lassen –, seit 2000 aber als parteiloser Bürgermeister stets wiedergewählt wurde, verschweigt die Probleme seiner Stadt nicht. „Wir müssen die Menschen in die Stadt holen und ein Sterben von Handel, Hotellerie und Gastronomie verhindern.“ Doch mit Zuschüssen für kulturelle Einrichtungen – selbst das Kino erhält in diesem Jahr 45.000 Euro – ist es auf Dauer nicht getan.

„Wir brauchen ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Jäschke. Seit anderthalb Jahren arbeitet man an einem Konzept, einen Namen gibt es schon, unter dem Motto „Unglaublich real“ soll schon bald für Boizenburg geworben werden. Was genau sich dahinter verbirgt, verrät er aber noch nicht.

Allein auf das neue Werbekonzept will sich Boizenburg aber auch künftig nicht verlassen, man hofft auch weiter auf Ansiedlungen. So wurde das Gewerbegebiet um 75 Hektar erweitert, 25 davon sind noch frei. Die stattlichen Fördermittel aus der Nachwendezeit aber gibt es nicht mehr, der Förderstatus der Region wurde inzwischen von I auf III gesenkt.

Von Ulf Stüwe