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Das diebische Trio stieg über ein Oberlicht in das Warenlager von Amazon in Winsen ein. Doch ein außergewöhnlicher Fehlbestand machte das Unternehmen misstrauisch, so dass die Männer aufflogen. Foto: t&w

Mysteriöser Schwund bei Amazon

Lüneburg. Begann der Raubzug der drei Mazedonier im Winsener Amazon-Lager schon früher als vermutet? Und brachte er deutlich mehr Beute ein? Diesen Verdacht nähren zumindest die Inventurzahlen des Onlinever-sandriesen, die der stellvertretende Werkschutzleiter Wolfgang K. am Donnerstag im Landgericht präsentierte. Waren im Wert von über einer Million Euro seien im Weihnachtsgeschäft 2018 verschwunden. „Das war schon außergewöhnlich hoch“, betonte der Zeuge.

Noch merkwürdiger: Die Handys und Uhren verschwanden samt Verpackungen – die sich aber von Mitarbeitern nicht durch die Sicherheitsschleusen schmuggeln lassen. Jemand muss unbeobachtet in großem Stil abgeräumt haben. So wie die drei Angeklagten – deren erster Einbruch nach eigener Aussage aber erst am 4. Februar erfolgt sein soll.

Konspiratives Treffen an der Binnenalster

Das Trio hatte Monate geplant. Im September 2018 „trafen wir uns im Alex am Jungfernstieg“, sagte Adis A. am Donnerstag aus, also in dem bekannten Hamburger Pavillon mit Blick auf die Binnenalster. „Wir redeten Albanisch, damit meine Freundin nichts mitbekommt.“ Denn schon von dieser Minute an waren die Männer auf kriminellen Abwegen. Atmir I. hatte 2017 in dem Winsener Lager gearbeitet. Jetzt überzeugte er seinen Landsmann Adis A., bei der von Amazon beauftragten Sicherheitsfirma anzuheuern. Als Schichtleiter könnte dieser die an Bewegungsmelder gekoppelte Alarmanlage ausstellen, damit er mit Nazif A., dem Onkel von Adis, einsteigen könnte. Adis A. schilderte seine Motivation, mitzumachen: „Atmir versprach mir, dass ich nie wieder Geldsorgen haben würde. Im Gegenzug müsste ich ihm einen Gefallen tun.“ Nämlich, eine Lücke in Amazons dichtmaschigem Sicherheitsnetz zu finden. Nazif A. machte mit, weil er bei Atmir I. in der Schuld stand. Dieser habe ihm 10 000 Euro geliehen, damit seine Mutter behandelt werden konnte, die auf Heimaturlaub in Mazedonien einen Schlaganfall erlitten hatte.

Zum Ausbaldowern chauffiert

Der Plan ging zunächst auf. Täglich wurde Adis A., der keinen Führerschein besitzt, von seinen Komplizen von Hamburg-Bramfeld nach Winsen zur Arbeit gefahren. Dort fiel er dem Werkschutz positiv auf. „Er hatte schon Erfahrung als Security-Mann, agierte selbstständig und vorbildlich – nur seine Uniform war nicht immer korrekt.“ Nicht wissend, dass auch die Gedanken des Neuen nicht immer korrekt waren, drängte der Amazon-Werkschutz, ihn schon im Dezember zum Schichtleiter zu machen. Damit hatte er Zugang zu der PIN-Zahl, die die Alarmanlage stumm schaltete, und konnte sich an Sonntagen mit spärlicher Belegschaft auf die Suche nach Schwachstellen machen. „Tor 80, Müllpresse,“ alles wurde ausbaldowert und verworfen. Damit sei der Einbruchsplan für seinen Onkel und ihn eigentlich erledigt gewesen, beteuerte Adis A. Doch Atmir habe ständig Druck gemacht. „Ich wusste mich selbst nicht mehr aus dieser Situation zu befreien, hatte Angst vor ihm.“

10 Millionen Artikel in 27.000 Regalen

Schließlich fand das Trio ein Oberlicht, das nicht an die Alarmanlage angeschlossen war. Atmir I. und Nazif A. stiegen ein, nachdem Schichtleiter Adis A. ihnen über WhatsApp mitgeteilt hatte, dass die Luft rein sei. Angeblich zum ersten Mal am 4. Februar, am 24. Februar und letztmals – dafür doppelt – am 10. März. In diesem Zeitraum war der Werkschutz bereits in Alarmstimmung, weil die Revision bereits am 4. Januar den Fehlbestand in Höhe von einer Million Euro gemeldet hatte. Die Befragung von 26 Mitarbeitern ergab keine weiteren Verdachtsmomente. Also durchforstete Wolfgang K. die Videoaufzeichnungen – und sah bei Aufnahmen vom 4. und 24. Februar zwei dunkel gekleidete Maskierte durchs Bild huschen. Als klar wurde, dass die Einbrecher zuschlugen, wenn Adis A. Dienst schob, stellte die Polizei bei dessen nächster Schicht eine Falle. Am 10. März überkletterte das Duo gegen 5 Uhr den Südzaun, stieg über eine Stahltreppe aufs Dach, ließ am Oberlicht eine Teleskop­leiter nieder und stieg ein. „Neun Stunden waren sie im Gebäude“, berichtete Wolfgang K., „bei uns liegen in 27.000 Regalen zehn Millionen Artikel.“ Unsortiert, deshalb dauerte es, bis die beiden ihre Taschen mit Waren im Wert von 178.000 Euro gefüllt hatten. „Die waren so schwer, dass sie sie über den Boden zum Zaun ziehen mussten.“ Dahinter wartete allerdings das MEK.

Ein Problem kann Wolfgang K. bei der Aufklärung des gewaltigen Schwundes im Amazon-Lager nicht lösen: Die Videoaufzeichnungen werden nur 30 Tage gespeichert. Vielleicht haben schon vor dem 4. Februar Maskierte die Tausende von Regalen durchsucht. Adis A. jedenfalls hatte an beiden Weihnachtsfeiertagen Dienst als Schichtleiter.

Von Joachim Zießler