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Der Grünkohl läutet für Fionn Ziegler (r.) und Lukas Heidelberg das Ende der zweiten Erntesaison im WirGarten ein. Foto: t&w

Weißt du, wo dein Gemüse wächst?

Lüneburg. Lukas Heidelberg und Fionn Ziegler sitzen auf der selbstgebauten Terrasse vor dem WirGarten-Bauwagen und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages . Am Donnerstag ist Abholtag beim WirGarten in Ochtmissen, ab und zu kommt jemand vorbei und holt sich seinen Ernteanteil ab, man grüßt sich freundlich, plaudert oder auch nicht. Für Heidelberg und Ziegler waren solche Momente Gründe, warum sie sich dafür entschieden haben, hier zu arbeiten: Selbstbestimmtheit. Arbeiten im Einklang mit der Natur. Frische Luft statt viereckiger Augen vor dem PC, wie in ihren alten Büro-Jobs.

Lukas Heidelberg hat Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana studiert, danach arbeitete er bei einer Umwelt- und Politikberatung in Hamburg. Forschungsprojekte, Abschlussberichte und dann wieder von vorne. „Den WirGarten kann ich langfristig begleiten. Hier habe ich das Gefühl, wirklich etwas bewirken zu können und etwas Sinnvolles zu tun“, sagt er. Seit 2017 ist er für die Pressearbeit der Gemüsegenossenschaft zuständig. Software-Entwickler Fionn Ziegler hat bisher in einem E-Commerce gearbeitet, seit September ist er für die IT-Entwicklung des WirGartens zuständig. „In meinem alten Job war alles total anonym und es ging nur um Gewinnmaximierung. Ich konnte mich nie wirklich damit identifizieren. Jetzt bin ich glücklich, in einem so tollen Team für eine Idee arbeiten zu dürfen, an der mein Herzblut hängt“, freut er sich.

Bedingungen sind bislang wirklich prekär

Angeschoben haben das Projekt der Unternehmensberater Matti Pannenbäcker und Gemüsegärtner- und Umweltwissenschaftler Richard Katz. Ihre Idee: Ökologischen Gemüseanbau mit kurzen Lieferwegen in Lüneburg zu bieten und ein Modell zu schaffen, in dem Leute wieder Lust haben, in dem Bereich zu arbeiten. „Die Bedingungen sind bislang wirklich prekär, davon kann man mehr schlecht als recht leben“, erklärt Heidelberg.

Das Konzept: Wer Gemüse haben will, kauft Genossenschaftsanteile und schließt einen Erntevertrag ab. Je nach Umfang des Vertrages erhalten die Genossen dann ihren Anteil an der gemeinsamen Ernte.

Der Traum vom gesunden Bio-Gemüse aus eigenem Anbau ist wahr geworden: Im März 2017 trafen sich rund 100 Gründungsmitglieder, sie alle waren bereit, allein in die bloße Idee Geld zu investieren, viel Geld: Die Kühllager, der Bauwagen und die Gewächshäuser wurden mit Genossenschaftskapital finanziert, der laufende Gemüsebaubetrieb wie z.B. die Gehälter der Angestellten werden mit dem Geld bestritten, das die Ernteverträge einbringen.

Solidarische Landwirtschaft ist im Trend

2018 wurde das erste Gemüse angebaut, das Ende der zweiten Ernte-Saison steht bevor. Inzwischen hat der WirGarten etwa 475 Mitglieder und mehr als 250 Ernteverträge, auf dem gepachteten Acker wachsen über 50 verschiedene Kulturen. „Alles was man für eine Grundversorgung braucht und ein paar Sachen, die einfach cool sind“, sagt Lukas Heidelberg schmunzelnd.

Solidarische Landwirtschaft ist in ganz Deutschland im Trend, das Besondere am WirGarten ist die Gesellschaftsform der Genossenschaft. „Davon gibt es nur etwa zehn deutschlandweit“, weiß Lukas Wagner. Durch die Rechtsform der Genossenschaft gehört der WirGarten allen Mitgliedern anteilig inklusive Mitbestimmungsrecht, wer möchte, kann sich an der Arbeit im Garten beteiligen, aber niemand muss. Das Mitgärtnern wird mal mehr, mal weniger genutzt, das hänge auch vom Wetter ab. „Neulich haben wir eine Kürbisernte groß angekündigt, da war richtig viel los, beim Unkraut jäten hält sich die Begeisterung meist in Grenzen“, sagt Lukas Heidelberg mit einem Augenzwinkern.

Die WirGärtner hoffen, dass es ihr Konzept in einigen Jahren auch an anderen Standorten gibt. „Wir schreiben derzeit ein Handbuch, eine Art Bedienungsanleitung für den Aufbau eines WirGartens“, erzählt Heidelberg.

Von Lea Schulze