Donnerstag , 14. November 2019
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Rainer Junker hat damals deutsche Geschichte „gesichert“: Er nahm das Hohheitszeichen der DDR von einem Grenzpfahl ab. (Foto: ca)

Rainer Junker klaute ein Stück DDR-Geschichte

Lüneburg. Wenn Rainer Junker Besuch hatte, ist er immer gern an die Grenze gefahren. Gebürtig in Dannenberg, war es nicht weit, um auf das e ingezäunte Stück Deutschland zu gucken. „Ich bin dann nach Kapern und Gummern gefahren“, erzählt der Lüneburger. Die verträumten Dörfer liegen nahe Schnackenburg an der Elbe, dem östlichsten Elbzipfel im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

„Da bin ich gern hin, da war nicht viel los“, erinnert sich Junker. „Einmal war ich mit einem Freund aus Österreich da, der konnte sich die Grenze gar nicht vorstellen.“ Die DDR hatte sich mit Zäunen, Wachtürmen, Minenstreifen und Kolonenwegen eingeigelt. Auch in Richtung Westen war das System tückisch, weder der Zaun noch ein rund zehn Meter davor aufgestellter schwarz-rot-gold bemalter Pfeiler markierten die wirkliche Grenze. Das war Aufgabe eines Schlagbaums. Der Österreicher ignorierte den Schlagbaum. „Da waren sofort Grenzer da, die haben ihn aufgefordert, dass ‚Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik‘ zu verlassen.“ Der Freund ging zurück.

Das war klug. In Grenzmuseen erzählen Mitarbeiter davon, wie die DDR Menschen, die nicht gleich gehorchten, als „Grenzverletzer“ festnahm und tagelang festhielt, bevor sie wieder in Richtung Bundesrepublik abgeschoben wurden.

Geschenke von den Grenzern

Für Rainer Junker, der heute mit seinem Mann in Lüneburg zu Hause ist und lange Jahre als Aufsicht am Bahnhof arbeitete, war am 9. November 1989 klar, dass er an die Grenze wollte, um zu sehen, wie es in seiner alten Heimat ausschaut.

„Wir sind einen Tag später nach Gummern gefahren“, erzählt der 69-Jährige. Er wollte sich aus dem Grenzpfahl das Staatszeichen der DDR mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz holen. Mit einer Zange marschierte er los: „Da kamen zwei Grenzer und fragten, was ich mache. Ich habe gefragt, ob sie nicht mitbekommen hätten, dass die Mauer Geschichte ist.“ Junker machte weiter, um eine Trophäe zu ergattern.

Die Situation habe sich entspannt als drei weitere Grenzer dazukamen: „Die haben gelacht. Einer hat mir seine Mütze und Schulterstücke der Uniform geschenkt.“ Es wirkt wie die frühe Einsicht, dass der real existierende Sozialismus keine Überlebenschance hatte. Junker schnitt auch noch ein Stück Zaun aus dem „antifaschistischen Schutzwall“, so hieß die Grenze in der DDR. Die Männer ließen es geschehen. Heute hängt die Erinnerung der deutsch-deutschen Geschichte bei ihm zu Hause.

Im Frühjahr war Carlo Eggeling mit dem Fahrrad unterwegs an der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze. Seine Erlebnisse, Fotos und Videos sind im Netz zu finden auf www.landeszeitung.de/Grenzerfahrung.

Von Carlo Eggeling