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Die Zuschauerbänke in Saal 12 waren wegen des Andrangs von Polizisten überfüllt. Die Urteilsverkündung wurde in den größeren Saal 121 verlegt. (Foto: be)

Koma-Attacke bleibt ungesühnt

Lüneburg. „Der Angeklagte wird freigesprochen.“ Als der Vorsitzende Richter Kay Lange am Freitag den zuvor zwei Mal verurteilten Lars Sören G. vom Vorwurf entlastete, einen Polizisten fast totgeprügelt zu haben, schluchzte die Ehefrau des Opfers auf. Weinend vergrub sie ihr Gesicht an der Brust ihres Mannes. Sie sollte ihren Kopf während der Stunde, die die Urteilsbegründung dauerte, nicht wieder erheben. Auch auf der Zuschauerbank sanken Köpfe. Knapp 60 Polizisten hatten ihrem Kollegen Giulio F. beistehen wollen. So viele, dass die Urteilsverkündung kurzfristig vom kleinen Saal 12 in den größeren 121 verlegt wurde.

„Prozess war nicht zufriedenstellend“

Verfahren und Ergebnis seien „absolut nicht zufriedenstellend“, resümierten unisono Staatsanwalt und Vorsitzender Richter nach dem mittlerweile dritten Prozess in dieser Sache. Vier Jahre und zwei Monate ist es her, dass Giulio F. ins Koma geprügelt wurde. Eine lange Zeit. Der Polizist nutzte sie, um sich wieder ins Leben zurückzukämpfen. Doch im Gedächtnis der Zeugen hinterließ die Zeit ein Durcheinander. Widersprüchliche Aussagen untergruben die Glaubwürdigkeit der Zeugen. So sehr, dass die 7. kleine Strafkammer die vorherigen Verurteilungen von Lars G. verwarf. Weil „nicht mehr mit Sicherheit nachzuweisen war“, so Richter Lange, dass der Angeklagte auf dem Dorffest in Meckelfeld den Fausthieb gegen die rechte Kinnseite des Polizisten geführt habe, woraufhin dieser ohnmächtig und ungebremst mit dem Kopf auf dem Asphalt vor dem Restaurant „Schnurr-Bart“ aufschlug.

Das Gericht folgte in seinem Urteil und der Argumentation dem Antrag des Staatsanwaltes. Es gebe „keine objektivierbaren Beweise für die Täterschaft“ von Lars G., so der Richter. Eine Hautabschürfung an allen vier Fingerknöcheln des Angeklagten hätte laut Gutachter auch vom Hieb auf einen Punchingball auf dem Volksfest stammen können.

Tragischerweise hat das Opfer nach Koma und schweren Operationen keinerlei Erinnerung mehr daran, was passierte, nachdem die Polizei wegen einer Prügelei zwischen Türstehern und Festbesuchern zu Hilfe gerufen wurde.

Lars G. machte eine Erinnerungslücke geltend. Diese passe laut Gutachter zwar nicht zum Grad der Alkoholisierung am Tatabend – Lars G. wies 2,1 Promille Alkohol im Blut auf. Doch selbst, wenn die Kammer von einem nur vorgeschützten Blackout ausgehen würde, brauche sie belastbare Beweise für eine Verurteilung, so Richter Lange.

Das Opfer leidet ein Leben lang

Als nicht belastbar hätten sich aus Sicht der Kammer die Zeugenaussagen erwiesen. So hatte der Hauptbelastungszeuge zunächst gesagt, freie Sicht auf das Geschehen gehabt und einen Fausthieb des Angeklagten gesehen zu haben. Bei der Neuauflage des Prozesses konnte er sich nur noch an Eindrücke aus dem Augenwinkel erinnern. Und an eine Schulterbewegung, die dem Schlag vorangegangen sei. Aus 80 Metern Abstand wurden zehn. Andere Zeugen erinnerten sich an einen blonden Schläger. Lars G. hat spärliche, dunkle Haare. Die – belastenden – Aussagen der Security-Firma, die damals bei dem Volksfest die Türsteher gestellt hatte, seien aus Sicht des Gerichts „durchsetzt mit Schlussfolgerungen, Spekulationen und Absprachen.“
In den Vorinstanzen war Lars G. noch zu vier Jahren, beziehungsweise dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Für die Revisionsinstanz war hingegen „nicht ersichtlich, welches Motiv er für einen hinterrücks ausgeführten Angriff auf einen Polizisten gehabt haben soll.“

Zu viele „unauflösbare Widersprüche verhinderten eine Verurteilung“, sagte der Vorsitzende Richter Kay Lange. Vielmehr sprach er Lars G. für die sieben Wochen, die er in Untersuchungshaft gesessen hat, sogar eine Entschädigung zu. Giulio F. wird nicht dafür entschädigt, dass sein Urteil „lebenslang“ lautet, weil er sein Leben lang an den Folgen der Kopfverletzungen leiden wird. Er ist zu 60 Prozent schwerbehindert und Epileptiker, seine Fremdsprachenkenntnisse sind verflogen. Er hat Wortfindungsschwierigkeiten und die linke Kopfhälfte ist entstellt. Und nun muss er damit leben, dass der Mensch, der ihm das antat, unbestraft bleibt.

Lars G. verzog während der gesamten Urteilsverkündung keine Miene. Giulio F. verließ das Gerichtsgebäude über einen Nebenausgang.

Der damalige Leiter der polizeilichen Ermittlungen, Jürgen Schubbert, saß auch im Gericht. Er äußerte Unverständnis, „dass Zeugenaussagen, die unmittelbar nach der Tat und auch in Ruhe nach Tagen wiederholt wurden“, entwertet werden, weil sie nach vier Jahren „diffuser sind“. Es sei „im Zweifel für den Angeklagten“ geurteilt worden, „die Vorinstanzen sahen diese Zweifel ganz offensichtlich nicht.“

Lorenz Hünnemeyer, Anwalt des Opfers, ließ gegenüber der LZ offen, ob er Revision einlegen wird. „Ich werde das mit meinem Mandanten besprechen. Aber die Verfahren über nun vier Jahre waren belastend für das Paar. Ich hätte Verständnis dafür, wenn beide nun nur noch ihre Ruhe haben wollen.“

Von Joachim Zießler