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„Auch ein Schock gehört zum Lernprozess dazu“ – Claudia Schmidt (r.) weiht Sabine Bußmann seit einigen Wochen in die Geheimnisse der Kommunalpolitik ein. Foto: t&w

Demokratie lebt vom Machen

Frau Bußmann, wie kam es dazu, dass Sie in die Kommunalpolitik einsteigen wollen?
Sabine Bußmann: Den Ausschlag gab das LZ-Forum zur Landratswahl. Das habe ich im Mai mit meiner ältesten Tochter besucht, die Erstwählerin war. Wir waren uns beide unsicher, wen wir damals wählen sollten. In der Schule hat dann einige Tage später unsere Gleichstellungsbeauftragte eine Mail für dieses Mentoring-Programm rumgeschickt. Ich fand das Wortspiel des Titels ansprechend. Und Politik hat mich schon immer interessiert. Jetzt, wo die Kinder größer sind, war ich ohnehin auf der Suche nach einem anderen Input und Output. Da passte das einfach.

Frau Schmidt, wie war das bei Ihnen, als Sie begonnen haben, sich politisch zu engagieren?
Claudia Schmidt: Mein Mentor war der damalige Lüneburger Grünen-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete Andreas Meihsies. Ich habe zunächst gar gewusst, ob ich das kann. Aber er hat mir Mut gemacht. So habe ich 2006 erfolgreich für den Ortsrat von Ochtmissen kandidiert.
Wenn man sich das erste Mal zur Wahl stellt, man hat ja keine Ahnung. Zum einen weiß man überhaupt nicht, ob man gewählt wird. Dann es ist etwas völlig anderes, wenn man nicht nur sagt, was ich wähle, sondern dass ich auch zur Wahl stehe.
Ich glaube, es braucht immer Menschen, die einen mitnehmen. Deswegen ist dieses Mentoring-Programm so wichtig.
Bußmann: Und es ist niedrigschwellig. Drei Klicks im Internet – dann war ich dabei.

Wie ging es dann weiter?
Bußmann: Ich habe mich für die Grünen entschieden, denen stand ich auch vorher schon nahe. Vor zwei Monaten haben wir uns erstmals getroffen. Ich kann Claudia Schmidt alles fragen. Sie erläutert mir viele Hintergründe und gibt mir Tipps. Ich war seitdem auf mehreren Fraktionssitzungen, einer Gruppensitzung und bei der Ratssitzung.

Wie ist Ihr erster Eindruck?
Bußmann: Bei der Ratssitzung habe ich mich schon gefragt, ist das eigentlich Politik? Es war schon ausgesprochen peinlich, wie dort miteinander umgegangen wird. Das war schon ein einschneidendes Erlebnis, was man sich so nicht vorstellen kann, wenn man es nicht erlebt.

Es hat Sie aber nicht abgeschreckt?
Bußmann: Nein. Es ist eher Ansporn, für einen anderen Ton zu sorgen. Den kann man nur hinbekommen, wenn man mitmacht
Schmidt: Auch ein Schock gehört zum Lernprozess dazu. Und man sagt sich dann: Das kann es nicht gewesen sein.
Bußmann: Ich war auch bei der neuen Arbeitsgemeinschaft Bildung und Soziales der Grünen, um mich zu fragen, ob es ein Gremium ist, in dem ich inhaltlich etwas bewirken kann. Ich muss aber auch gucken, wieviel Zeit ich überhaupt habe.

Wieviel Zeit haben Sie denn?
Bußmann: Mein Beruf als Lehrerin nimmt mich schon über die Arbeitszeit hinaus in Anspruch. Wir hatten mal über zehn Stunden pro Woche gesprochen. Das ist aber das absolute Maximum. Vor fünf Jahren hätte ich da noch ein Problem gehabt, da die Kinder jünger waren. Aber nur drei Stunden funktioniert sicher nicht.
Schmidt: Ich denke, auch drei Stunden können wertvoll sein. Mein Limit sind zehn Stunden. Man muss ohnehin lernen, auch Nein zu sagen. Ich appelliere aber auch immer an junge Menschen, dass es wichtig ist, auch in dieser Lebensphase einen Beitrag zu bringen. So finde ich es wichtig, dass auch Studierende im Rat sind, um ihren Blick auf die Themen reinzubringen, auch wenn sie in fünf Jahren nicht mehr da sind. Je nach Lebensphase lässt sich der Aufwand ja anpassen. Rentner können dann Aufgaben übernehmen, wie etwa ein Protokoll zu schreiben. Das muss die Mutter mit den drei Kindern nicht machen.

Wenn Sie sich zurückerinnern – was hat Sie damals besonders geprägt?
Schmidt: Ich hatte vorher viel gelesen. Nun wollte ich in Aktion kommen. Dabei habe ich sehr viel gelernt: Man braucht einen langen Atem, bis etwas umgesetzt ist. Die Öffnung der Lüner Straße als Einbahnstraße hat 20 Jahre gedauert. Über die Bepflanzung des Reichenbachplatzes reden wir schon Jahrzehnte. Ich denke, das geht doch schneller. Oder wie lange man manchmal warten muss, bis ein Schild aufgestellt ist. Unglaublich.
Bußmann: Da kann man dran arbeiten, dass es etwas flüssiger ist.
Schmidt: Man muss auch immer die Gesellschaft mitnehmen. Ich habe in den 1980er Jahren gegen Atomkraft demonstriert, es hat dann in Deutschland noch Jahrzehnte bis zum Ausstieg gedauert. Es ist immer ein Prozess der Entwicklung
Bußmann: Klar, das gehört ja auch zu einem demokratischen Prozess.

Was haben Sie schon „gelernt“?
Schmidt: Na?
Beide lachen
Bußmann: Ich glaube, es ist unglaublich wichtig, sich kurz und präzise auszudrücken und sich wirklich daran zu halten. Da muss ich dran arbeiten, sehr konkret zu sein. Ich habe gelernt, dass man Position beziehen muss, es aber auch wichtig ist, sich auch mal zurückzunehmen.

Warum sind Frauen in der Politik unterrepräsentiert?
Schmidt: Meine Erfahrung ist, Frauen wollen gefragt werden. Wenn sie gefragt werden, sind sie oft besser als die Männer.

Was machen Frauen anders?
Bußmann: Sie bringen andere Sichtweisen ein, weil Frauen anders ticken als Männer. Frau ist auch etwas ehrgeiziger und leistungsbewusster, auch weil Mann ihr nicht so viel zutraut.
Schmidt: Das spornt an (lacht).

Frau Schmidt, kann man in Lüneburg Spuren entdecken, die sich auf eine feminine oder auch feministische Politik zurückführen lassen?
Schmidt (überlegt): Ich glaube, man kann das nicht festmachen. Männer tendieren dazu, ja auch gerne mal etwas zu bauen. Es geht eher um das Miteinander. Das ist eher ein kontinuierlicher Prozess.
Bußmann: Ich denke, es geht darum, Frauenhaltung mehr in die Gesellschaft zu bringen. Ich könnte mir vorstellen, dass grüne Verkehrspolitik, wie mehr Fahrrad zu fahren, ein Thema ist, was viele Frauen interessiert. Da sind Frauen auch ein Stück weit offener.
Schmidt: Frauen brauchen weniger Prestigeobjekte.

Wozu würden Sie Frauen beim Einstieg in die Politik raten?
Schmidt: Mut machen ist immer die Grundvoraussetzung: Sie können das. Demokratie braucht Menschen, die Demokratie leben. Wir stehen an einem Punkt, wo man immer wieder sagen muss, Demokratie lebt vom Mitmachen.
Bußmann: Für mich gilt: Entweder halte ich mich bedeckt oder ich mache es. Das ist Demokratie.
Schmidt: Dieses Politiker-Bashing gefällt mir daher gar nicht. Zumal dabei oft vergessen wird, dass die Kommunalpolitik ein reines Ehrenamt ist.

Frau Bußmann, wie geht es bei Ihnen jetzt weiter?
Bußmann: Ich bin seit gestern Mitglied.
Schmidt: Glückwunsch!
Bußmann: Ich bin noch auf der Suche, welches Politikfeld das richtige für mich ist und wo ich mich sinnvoll einbringen kann. Hier will ich auch gucken, wo ein Bedarf in der Partei ist.

2021 sind Kommunalwahlen – wo wird man Sie dann finden?
Bußmann: Auf einem der Wahlplakate.

Zur Person

Mentorin und Mentee

Sabine Bußmann ist Kulturwissenschaftlerin und Reiseverkehrskauffrau. Als Quereinsteigerin arbeitet sie seit vier Jahren als Lehrerin an einer Oberschule. Die Lüneburgerin ist 51 Jahre alt und hat drei Kinder zwischen 16 und 21 Jahren.

Claudia Schmidt ist seit 2006 bei den Grünen. Zunächst saß sie im Ortsrat von Ochtmissen, seit 2011 gehört sie dem Stadtrat an. 2014 kandidierte sie bei der Oberbürgermeisterwahl. Die 58 Jahre alte Übersetzerin war mehrere Jahre Kreissprecherin der Grünen.

Mentorin-Programm

Frau.Macht.Demokratie.

Frauen für ein Mandat in der Politik zu begeistern, ist das Ziel des niedersächsischen Mentoring-Programms „Frau.Macht.Demokratie.“ Am 30. August gab Sozialministerin Carola Reimann den Startschuss dazu.

Das Programm setzt auf die Erfahrungen von Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern. Sie unterstützen Frauen, die sich politisch engagieren wollen. Ein Jahr lang haben sie die Möglichkeit, ihrem Mentor oder ihrer Mentorin beim politischen Alltagsgeschäft über die Schulter zu schauen und es kennenzulernen.

Elf Frauen aus dem Landkreis Lüneburg beteiligen sich an dem Programm.