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Hochwasserschutz
Beim schweren Elbe-Hochwasser 2013 waren Notdeiche entlang der Elbe wie hier bei Neu Darchau eher Regel als Ausnahme. (Foto: A/rg)

Hochwasserschutz unter der Lupe

Scharnebeck. Der Leiter der TEL, der Technischen Einsatzleitung für den Krisenfall im Landkreis Lüneburg, Uwe Hauschild, und Deichhauptmann Hartmut Burmester vom Artlenburger Deichverband sind sich einig: „Das gefährlichste im Katastrophenschutz ist die Katastrophendemenz.“

Das sagten beide unisono am Rande der Vorstellung der wissenschaftlichen Studie „RISK_M: Soziale Mobilisierung eines Risikomanagements bei extremen Hochwasserereignissen“ in der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Scharnebeck.

Professor Dr. Michael Stricker, Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule (FH) Bielefeld, und sein Kollege Professor Dr. Wolfgang Beelmann, Psychologe an der FH, sowie zahlreiche ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter werteten in den vergangenen vier Jahren 35 große Studien aus, woraus sie Daten sammelten und eine Meta-Analyse mit 35 000 von Hochwasser betroffenen Menschen erstellten. Zudem befragten sie Bürger in Artlenburg, Hohnstorf und Echem zu ihren Erfahrungen und Erlebnissen mit dem Elbehochwasser.

Feuerwehrmann Hauschild und Deichschützer Burmester wissen nur zu genau, was passiert, wenn das letzte Hochwasser an der Elbe in der Erinnerung der Menschen langsam immer mehr verblasst, weil die Jahre ohne Überschwemmungen zunehmen. „Dann wird es schwerer, Vorsorge für das nächste Mal zu treffen, weil viele keinen akuten Handlungsbedarf sehen, die Bilder vom letzten Mal langsam verschwunden sind.“ Dabei sei die Notwendigkeit ständig gegeben, sich vor einer drohenden Naturkatastrophe an der Elbe zu schützen, denn der Fluss sei unberechenbar und das nächste Hochwasser kommt gewiss.

Private Vorsorge ist unabdingbar

Genau da setzt die wissenschaftliche Studie an. „Uns geht es nicht um den technischen Hochwasserschutz, sondern darum, die Widerstandsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern und damit die private Vorsorge“, sagte Stricker. Die Wissenschaftler befragten Einsatzkräfte und Anwohner. „Wir wollen die Schnittmengen zwischen professionellen Helfern und betroffenen Bürgern finden, um so die Kooperation der verschiedenen Gruppen für den Katastrophenfall zu verbessern“, erklärte Beelmann. Einige der Ergebnisse sind: Angst- und Schreckensszenarien tragen nicht zur erfolgreichen Aufklärungsarbeit bei und motivieren Menschen auch nicht, sich vor Hochwasser zu schützen. Informationen zum Thema Hochwasserschutz lassen sich besser über Workshops, Rollenspiele oder mit Computerspielen, die jedoch noch entwickelt werden müssten, transportieren. Vor allem bei jungen Leuten hätten diese Ideen bei Versuchen Erfolg gehabt.

Überhaupt wünschten sich die Bürger vor Ort regelmäßige Informationen, erläuterte der wissenschaftliche Mitarbeiter Timon Heuser, der selbst die Menschen an der Elbe im Landkreis Lüneburg interviewt hatte. „Unsere Empfehlung lautet, userfreundliche Internetseiten und Apps zu entwickeln, und im Krisenfall Infomaterial in Form von Broschüren zu verteilen, da mit Stromausfällen und dem Zusammenbruch des Internets gerechnet werden muss“, legte Heuser regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit nahe.

Gute Nachrichten mitgebracht hatte er den Zuhörern, unter anderem von Feuerwehr, Bundeswehr, DRK, ASB, THW, DLRG, Deichverband und Kreisverwaltung, die dem Abschlussbericht aufmerksam lauschten. Die Befragung der Einsatzkräfte hatte ergeben, dass zwei Drittel von ihnen die Zusammenarbeit der Profis als positiv bewerten. „Das Ergebnis ist im Vergleich zu anderen Regionen nicht selbstverständlich. Es zeigt, dass, wenn man schon einmal zusammengearbeitet hat, man sich kennt und sich aufeinander verlassen kann“, meinte Heuser.

Ein ziemlich kurzes Jahrhundert

Und Möglichkeiten miteinander zu kooperieren, hatten die Hilfsorganisationen an der Elbe in den vergangenen Jahren oft, auch mit der Zivilbevölkerung, betonte Harald Kreft, Geschäftsführer des ASB-Kreisverbandes Lüneburg. „Wir hatten anfangs geglaubt, dass das Hochwasser 2002 ein Jahrhundertereignis war. Allerdings wussten wir nicht, wie kurz ein Jahrhundert sein kann. Denn die nächsten Extremhochwasser folgten 2003, 2006, 2011 und 2013.“

Hintergrund

Projekt von FH Bielefeld und ASB

Die Studie „RISK_M“ hat an drei hochwassergefährdeten bzw. hochwassergeschädigten Standorten die Situation beim Hochwasserschutz unter die Lupe genommen. Als Ergebnis der Bestandsaufnahme in den Kreisen Lüneburg und Leipzig sowie in Magdeburg wurden Risikomanagement-Ideen ausgearbeitet. Es soll ein Leitfaden entstehen. Die Forschungsergebnisse sind ein Kooperationsprojekt von Fachhochschule Bielefeld und Arbeiter-Samariter-Bund (ASB).

Von Stefan Bohlmann