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Seit einigen Monaten produziert das HEYHO-Team in eigenen Räumen – sehr zur Freude der Mitgründer Christian Schmidt (l.) und Stefan Buchholz (3.v.r.). Foto: t&w

Der gute Start in den Tag für alle

Lüneburg. Der Duft nach Frischgebackenem liegt in der Luft, laute Musik dringt durch die noch etwas sterilen Produktionsräume. Eminem, Modern Talking, Mr. President, die Ramones. Musik, so unterschiedlich wie die Menschen, die hier bei HEYHO arbeiten.

Als Stefan Buchholz (52), Timm Duffner (42) und Christian Schmidt (33) 2017 ihre soziale Müsli-Rösterei gründeten, hatten die drei eine Vision: Menschen, die sonst niemand einstellt, eine berufliche Teilhabe zu ermöglichen. Dieses Ziel verfolgend, brütete das Trio über kreativen Müsli-Kreationen. „Müsli ist als Produkt sehr dankbar in Lagerhaltung und Haltbarkeit“, erklärt Stefan Buchholz. „Und es ist für Menschen, die nicht qualifiziert sind, relativ einfach herzustellen.“ Müsli stehe außerdem stellvertretend für das, was die Gründer anstoßen wollten, ergänzt Schmidt: „Einen guten Start in den Tag für alle.“

Seit dem Verkaufsbeginn der vier Sorten handgemachten Granolas – also Knuspermüsli –vor zwei Jahren hat sich einiges getan. Standen die drei Granola-Aktivisten, wie sie sich selbst nennen, früher selbst für einige Stunden in der Woche in der Mensa-Küche, die sie mieten konnten, produzieren sie seit einem Monat mit einem zehnköpfigen Team in eigenen Räumen im Lüneburger Industriegebiet. 100 bis 150 Kilogramm Müsli werden täglich hergestellt und abgefüllt.

Drei festangestellte Mitarbeiter

„Dass das, was da drüben passiert, real ist, können wir manchmal immer noch nicht glauben“, sagt Christian Schmidt und zeigt auf die Produktionshalle nebenan. „Wir können den Leuten ein Gehalt zahlen, Kunden kaufen unser Produkt“, resümiert er. „Auf das, was wir bislang mit unserem Team erreicht haben, sind wir schon auch ein bisschen stolz. Trotzdem liegt noch richtig viel Arbeit vor uns.“ Drei festangestellte Mitarbeiter hat HEYHO inzwischen, alle haben eine besondere Vergangenheit. Drogen, Kriminalität und Gefängnisaufenthalte säumen ihren Weg, Berufsausbildung Fehlanzeige. Es sind Biographien von Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben.

„Aber da, wo andere die Türen zuschlagen, wollen wir bei HEYHO sie aufmachen“, betont Stefan Buchholz, der auch für den Lebensraum Diakonie e.V. und in der Wohnungshilfe arbeitet. Er kennt die Leute, die durchs Raster gefallen sind. Als Betriebswirt Timm Duffner mit der Idee eines sozialen Unternehmens auf Buchholz zukam, hatte dieser gerade das Buch eines Zen-Meisters gelesen, in dem es um ein Projekt mit Wohnungslosen in New York ging. „Dort ist die Greyston Bakery entstanden, eine Bäckerei, in der ehemalige Gefängnisinsassen und Obdachlose arbeiten. Die haben wir uns zum Vorbild genommen“, sagt Stefan Buchholz.

„Wir brauchen seelisch stabile und belastbare Leute“

Der Idealismus hat mit knapp 7 Euro pro 300-Gramm-Glas seinen Preis. Dafür werden die Mitarbeiter deutlich über dem Mindestlohn bezahlt und das Müsli mit Zutaten aus der Region zubereitet. So werden die Brezeln für die „Late Night Breakfast“-Variante in einer Pralinen-Manufaktur in der Nähe schokoliert, die Haferflocken stammen von einer Biomühle im Landkreis Uelzen.

Die drei Unternehmer-Pioniere müssen aber auch wirtschaftlich arbeiten. Deshalb sollen nur 30 Prozent ihrer Mitarbeiter aus der schwer vermittelbaren Klientel kommen. „Wir brauchen auch seelisch stabile und belastbare Leute, um unseren Traum von der sozialen Revolution zu verwirklichen“, weiß Buchholz.

„Wir sind auf einem guten Weg“

Langfristig möchten die Granola-Aktivisten 50 Menschen beschäftigen, von denen 20 sonst keine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt gehabt hätten. Menschen wie Romano. 26 Jahre lang war er arbeitslos, 14 davon heroinabhängig. Inzwischen ist er substituiert. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Anfang 50 und meiner Vergangenheit nochmal einen festen Vertrag bekomme. HEYHO bietet mir eine echte Perspektive“, sagt er. „Mit der 32-Stunden-Woche ist mein Tag ausgefüllt, ich habe einen geregelten Ablauf, das hilft mir sehr. Außerdem ist hier in der Backstube jeder gleich, es gibt keine Hierarchien.“

Menschen wie Torsten, der früher alkoholabhängig war und sich nun etwas dazuverdient. „Das tut ihm gut. Er ist pünktlich, fragt was zu tun ist und ist glücklich, mit anpacken zu können“, sagt Christian Schmidt, der vorher in einer Werbeagentur gearbeitet hat. „Es ist cool zu sehen, wie die Menschen sich entwickeln, aufblühen, weil sie gebraucht werden.“

Noch trägt sich HEYHO nicht selbst, so arbeiten Stefan Buchholz und Timm Duffner für ihr finanzielles Auskommen bislang weiter in ihren alten Berufen. Buchholz: „Wir sind auf einem guten Weg. Der Antrieb und die ganze Arbeit, die wir in unsere Vision gesteckt haben, zahlen sich langsam aus.“

Von Lea Schulze