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Hannah Lübbert, 18 Jahre alt, studiert seit einigen Wochen in Lüneburg. Heute erscheint ein Buch, an dem sie mitgeschrieben hat: „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!“ (Foto: t&w)

„Ihr habt keinen Plan“

Lüneburg. Hannah Lübbert ist 18 Jahre alt und macht sich Sorgen. Um ihre Zukunft, die ihrer Generation – und die der nachfolgenden. „So wie jetzt kann es nicht weitergehen“, sagt die Studentin und Neu-Lüneburgerin. Deshalb hat sie zusammen mit anderen jungen Menschen des Berliner „Jugendrats der Generationenstiftung“ ein Buch geschrieben. Die Botschaft ist klar: „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen!“ prangt in großen, schwarzen Lettern auf dem Buchdeckel. Darunter steht: „10 Bedingungen für die Rettung unserer Zukunft“. Eine 200-seitige Ansage, laut Autoren klimaneutral auf Recyclingpapier gedruckt. Heute wird das Buch in Berlin veröffentlicht.

„Dürfen andere Krisen nicht vergessen“

„Wir haben eine massive Klimakrise, die wir mit allen Mitteln bekämpfen müssen,“ sagt Lübbert. „Doch dürfen wir nicht die anderen Krisen vergessen.“ In ganz vielen Bereichen müsste sich massiv etwas ändern. „Wir haben ein völlig veraltetes Bildungssystem, ein Wirtschaftssystem, das Ungleichheit fördert, im Sozialsystem gibt es auch noch Luft nach oben“, zählt sie auf, „das dürfen wir nicht ignorieren“. Weil das aber eben doch viele täten und die Missstände nicht genügend Aufmerksamkeit erhielten, kam die Idee, die Probleme in einem Buch zu formulieren – aber nicht ohne Lösungsvorschläge. Die haben die Autoren zusammen mit Wissenschaftlern erarbeitet, der Astrophysiker Harald Lesch schrieb das Vorwort. „Uns war es wichtig, das auf eine fundierte Grundlage zu stellen, eben damit unsere Forderungen nicht als Utopie der Jungen und Naiven hingestellt werden können.“

Hannah Lübbert redet schnell, sehr schnell, als ob die Zeit nicht ausreichen würde, all das auszudrücken, was sie vermitteln möchte. Und sie jede Sekunde ausnutzen muss, die man ihr und ihren Altersgenossen zuhört. Vielleicht stimmt das ja auch. „Viele Ältere verstehen nicht, dass die Gedanken an die Klimakatastrophe und die Folgen der Globalisierung vielen in meiner Generation wirklich Panik bereiten. Nur, weil wir jung sind, werden wir nicht ernst genommen.“

Geboren in Kalifornien, aufgewachsen in Berlin

Dabei hat die 18-Jährige durchaus schon viel zu erzählen. In Berkeley, Kalifornien, geboren, wuchs sie in Berlin auf. Im Wedding ging sie zur Grundschule, ein Stadtteil mit hohem Migrationsanteil. „Toleranz und Umweltschutz spielten bei uns immer eine große Rolle.“ Als Teenagerin ging es mit ihrer Familie noch einmal für drei Jahre in die USA, diesmal nach New York. Toll, um den Horizont zu erweitern, sagt sie. Noch schöner, wieder zurück zu sein. „Es läuft dort ziemlich viel schlecht.“ Viel mehr Leistungsdruck, Karrieredrang, Ungerechtigkeiten. „In den USA ist mir bewusst geworden, wie wichtig ein gutes Sozialsystem ist.“ Seit Sommer letzten Jahres ist sie wieder hier, half Geflüchteten beim Deutschlernen und engagierte sich im „Jugendrat der Generationenstiftung“. Dass sie sich politisch so engagiert, ist auch den großen Klimaprotesten der „Fridays for Future“-Bewegung geschuldet. „Da merkte ich: Ganz viele in meiner Generation haben die gleichen Sorgen!“

Und jetzt verschlägt es sie nach Lüneburg. „Ich kannte die Stadt vorher nicht, ich bin wegen des Studiengangs hier“, gibt sie zu. Umweltwissenschaften, genauer „Global Environmental Studies“, ist ihr Fach. Doch die Hansestadt gefällt ihr sehr, gerade nach ihren Erfahrungen in den größten Metropolen der Welt. „Hier ist alles so gut erreichbar!“ Insbesondere mit dem Fahrrad. Dass sie vegetarisch lebt, aufs Auto verzichtet – Ehrensache. Allerdings, erklärt sie, könne man eh nur ein Drittel des eigenen CO2-Fußabdrucks durch Verhalten reduzieren. „In der Industrienation Deutschland ist es so: Wir wachen auf – und unsere CO2-Bilanz pro Kopf ist bereits höher, als sie sein sollte.“ Natürlich sei es wichtig, dass jeder sein Verhalten überdenkt. Aber: „Die Veränderungen müssen viel massiver und grundlegender sein.“

Beschimpfungen und Drohungen im Internet

Nicht jeder sieht das so. Dessen ist sich auch Lübbert bewusst, und im Netz haben Aktivistinnen wie sie schon üble Beschimpfungen und Drohungen erfahren. An diese Leute richten sie und ihre Co-Autoren zu Beginn des Buches aber klare Worte. „Was wir euch vorwerfen, ist nicht nur euer zerstörerisches Handeln, sondern vielmehr euer zerstörerisches Unterlassen. Wir werden nicht mehr tatenlos zusehen, wie ihr unsere Zukunft gegen die Wand fahrt, während ihr behauptet, ihr hättet einen Plan.“

Von Robin Williamson