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Birgit und Dirk ter Horst mit ihren beiden Kindern Anne Elisabeth und Jan Willem. (Foto: fr)

Zwei kleine Wunder

Lüneburg. „Manchmal kommt das ganz große Glück in ganz kleinen Portionen.“ Das haben Birgit und Dirk ter Horst erlebt. Ihre Zwillinge Anne Elisabeth und Jan Wil lem kamen in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt. Der Spruch steht in ihrer Geburtsanzeige in der LZ vom 20. November 1999. Die LZ hat sie aus Anlass des Weltfrühgeborenentages besucht.

An den Tag der Geburt erinnern sich die Eltern, als sei es gestern gewesen. Es begann damit, dass sie im Bett lagen und merkten, dass etwas nicht stimmte. Sie fuhren ins Krankenhaus. Birgit ter Horst erzählt: „Als ich auf die Station kam, habe ich überhaupt nicht geahnt, wie ernst es ist.“ Am Tag zuvor sei sie noch beim Ultraschall gewesen, alles war wunderbar.

Erst als die Krankenschwester den Oberarzt rief, ahnte Birgit ter Horst, was los ist: Die Fruchtblase war geplatzt, es musste schnell gehen. Während sie schon im Kreißsaal war, suchte ihr Mann noch einen Parkplatz. Schließlich fragte er sich zu seiner Frau durch und musste „an der berühmten Tür“ vor dem Entbindungssaal anhalten. Und warten. Nach einer halben Stunde war es so weit: Um 1.04 und 1.05 Uhr, am 21. August 1999, erblickten Willem und Anne die Welt. 1130 und 1175 Gramm waren sie schwer – zusammen wogen sie nicht einmal so viel wie ein durchschnittliches Baby.

„Ich war ein stückweit geschockt“, erzählt der Vater. Ein Arzt habe ihm eine Polaroid-Kamera in die Hand gedrückt – „Beschäftigungstherapie“, wie ter Horst heute meint. Die Zwillinge lagen auf der Frühchen-Intensivstation in einem Inkubator. Die frischgebackene Mutter hatte sie noch nicht gesehen. „Als ich ihr das Foto gezeigt habe, wollte sie wissen, wer wer ist“, erinnert sich der Vater, „aber ich hatte es schon wieder vergessen“. Ohnehin: Namen hatten die Babys noch gar nicht. Schließlich wäre der Entbindungstermin erst drei Monate später gewesen, am 15. November.

Fast so lange wie bis zum eigentlichen Termin mussten Willem und Anne im Krankenhaus bleiben. „Für uns ging das unglaublich langsam“, sagt Dirk ter Horst. Es sei eine intensive Zeit gewesen. Jeden Tag fuhr seine Frau ins Krankenhaus, um ihre Kinder zu besuchen. Am 1. September konnte sie die Kleinen das erste Mal im Arm halten.

Schlimmste Befürchtungen bestätigten sich nicht

Sehr besorgt seien die ter Horsts gewesen, während ihre Kinder im Krankenhaus waren. Ob sie sich gesund entwickeln würden? Birgit ter Horst habe immer mit dem Schlimmsten gerechnet. Alle Details über ihre Kinder hielt sie in einem Tagebuch fest, jedes Gramm Gewicht, jeden Milliliter Nahrung. „Aber manche Sachen habe ich nicht aufgeschrieben. ,Sonst werden sie wahr‘, dachte ich“, erinnert sie sich.

Auch ohne sie aufgeschrieben zu haben, hat die Mutter eine Situation noch bildlich vor Augen: Sie erzählt, wie sie auf der Frühchenstation bei Willem stand, als der Arzt zu ihr kam. „Ich möchte, dass Sie mir mal Ihr Ohr leihen“, habe er gesagt. Das sei der Moment gewesen, in dem sie innerlich zusammensackte. Sie erfuhr, dass Willem eine Hirnblutung zweiten bis dritten Grades hatte. Ter Horst sagt: „Ich hatte Angst vor einer Behinderung.“ Doch nach vielen Aufs und Abs ging es bergauf. Die Hirnblutung baute sich komplett ab.

Anfang November war es soweit: Ein Luftballon hing an den Betten der Babys. Das Zeichen, dass sie nun 2000 Gramm wiegen und nach Hause dürfen. Ein paar Tage später erschien die Geburtsanzeige in der Zeitung. „Wir sind dankbar und glücklich“, stand darunter.

Heute sind Anne und Willem zwanzig Jahre alt. Sie sind gesund aufgewachsen, waren zusammen in der Grundschule und auf dem Gymnasium. Beide haben vor einem Jahr ihr Abitur gemacht. Willem beendet gerade seinen freiwilligen Wehrdienst und studiert nun in Braunschweig Physik und Geschichte auf Lehramt. Anne hat soeben ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin im Krankenhaus begonnen.

„Ich freue mich noch heute wie Bolle, dass alles so gut verlaufen ist“, sagt ihre Mutter. Zwei Wunder eben.

Lüneburger Zahlen

Ganze 318 Gramm

Im Städtischen Klinikum Lüneburg kamen im Jahr 2018 insgesamt 1735 Babys zur Welt. 224 davon kamen vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt und gelten damit als Frühgeborene, teilt Angela Wilhelm, Pressesprecherin der Gesundheitsholdung mit. Das entspricht einer Quote von 12,9 Prozent.

Das jüngste Frühchen kam in der 23. Woche plus 5 Tage zur Welt und wog 570 Gramm. Das leichteste Frühchen kam in der 24. Woche plus 0 Tage zur Welt und wog 318 Gramm.

Von Franziska Ruf