Aktuell
Home | Lokales | lokale Wirtschaft | Ein Poker um Geld und Jobs
Yanfeng
In schnellem Takt fertigen Mitarbeiter an der Lünerrennbahn Instrumententafeln. Ihr Know how ist im neuen Konzern Yanfeng gefragt. (Foto: t&w)

Ein Poker um Geld und Jobs

Lüneburg. Die Stimmung bei Yangfeng ist im Keller. Die Betriebsräte Jürgen Oldenettel und Michael Smolnik berichten, dass viele Kollegen fürchten, der chinesisch-amerikanische Konzern könnte in Lüneburg massiv Jobs streichen. Beschäftigte in der Produktion des Zulieferers der Autoindustrie sind zudem sauer, weil die Geschäftsleitung ihnen übertarifliche Zulagen und Pausenzeiten gestrichen hat. Das mache brutto in bestimmten Lohngruppen pro Monat ein Minus von rund 500 Euro aus. Mit Unterstützung der Gewerkschaft IG BCE klagen laut Gewerkschaftssekretär Hans-Werner Svensson 220 Kollegen vor dem Lüneburger Arbeitsgericht gegen das Vorgehen des Unternehmens. Ein Gütetermin ist gescheitert, am 5. Dezember soll das Verfahren weitergehen.

Parallel dazu versuchen die Arbeitnehmer, ein Einigungsstellenverfahren einzuleiten. Einfach gesagt bedeutet das, dass ein Gremium aus je drei Vertretern von Arbeitnehmern und Arbeitgeber und einem Vorsitzenden einen Kompromiss aushandelt. Der Vorteil: Man hätte schneller eine verbindliche Vereinbarung. Eine Entscheidung des Arbeitsgerichts könnte angefochten werden und in der nächsten Instanz landen.

Übertarifliche Leistungen gestrichen

Das Yanfeng-Management scheint den Mitarbeitern nicht entgegenkommen zu wollen. Unternehmenssprecherin As-trid Schafmeister sagt: „Wir haben die Betriebsvereinbarung gekündigt, aufgrund derer übertarifliche Leistungen erbracht werden, die entsprechenden Leistungen eingestellt. Daran halten wir fest.“ Fragen zum Verfahren und der Einigungsstelle wolle sie nicht kommentieren.

Der Hintergrund für das Vorgehen dürfte darin liegen, dass der Standort tiefrote Zahlen schreiben soll. Bei einer Betriebsversammlung im Frühjahr war die Rede von einem Minus von 16 Millionen Euro. Den Betriebsrat ärgert, dass Lüneburg als zu teuer gegenüber anderen Standorten präsentiert wird. Sie halten dagegen: Werke in Osteuropa würden mehr Ausschuss produzieren, zudem seien die Löhne auch dort geklettert.

Für die Beschäftigten ist 2025 ein entscheidendes Jahr: Die Betriebsgelände an der Lüner Rennbahn und in der Goseburg sind verkauft, dann laufen die Pachtverträge aus. In der Belegschaft ist lange rum, dass es nur noch einen Auftrag geben soll, der über das Jahr 2025 hinausreicht. Der wird mit einer Spritzgussanlage erledigt. Die Arbeiter wissen: „Die ist schnell abgebaut und steht dann woanders.“

„Die Stimmung ist am Boden. Wir werden hingehalten.“ – Jürgen Oldenettel, Betriebsrat

Astrid Schafmeister entgegnet: „Das entspricht nicht den Tatsachen, denn beim Seriengeschäft geht es auch um Monta-geinhalte, nicht nur um Spritzguss. Auch das Ersatzteilgeschäft beinhaltet komplexe Montagen und anspruchsvolle Fertigungsprozesse. Wir haben Seriengeschäfte über 2025 hinaus sowie Ersatzteilverpflichtungen, die über 2040 hinausgehen. Wenn wir uns jetzt um neue Programme bewerben und diese gewinnen, erfolgt der Serienstart in der Regel nicht vor Ende 2021 bis Mitte 2022. Es ist also zum jetzigen Zeitpunkt viel zu früh, Aussagen zu Neuaufträgen zu tätigen, die über 2025 hinausgehen.“

Smolik bleibt skeptisch: „Die Lage der Automobilindustrie ist angespannt. Das merken wir, hier wird weniger Ware abgerufen.“ Eben darum versucht man, Garantien zu erhalten. Auch wenn es Gewerkschaft und Betriebsrat nicht einräumen, ist der Ansatz naheliegend: Besitzstände werden verteidigt. Sie könnten Teil einer Verhandlungsmasse sein. Devise: Wir verzichten auf Geld, ihr sichert uns zu, den Standort zu erhalten.

Nur noch ein Dutzend Mitarbeiter in der Goseburg

Klar ist auch, dass Yanfeng Außenstandorte in Lüneburg abgeben will, um Kosten zu sparen. Seit Monaten arbeitet weniger als ein Dutzend Mitarbeiter in der Goseburg. Auch Lagerkapazitäten auf dem ehemaligen Edeka-Gelände in der Vrestorfer Heide sollen abgegeben werden. Das bestätigt die Sprecherin: „Unser Ziel ist es, die Wirtschaftlichkeit des Werkes zu steigern. Dazu gehört, dass wir in Betracht ziehen, angemietete Flächen aufzugeben und die eigenen Bereiche auf unserem Werksgelände zu nutzen.“

All diese Antworten kennt Betriebsrat Oldenettel aus internen Runden. Er sagt: „Die Stimmung ist am Boden. Wir werden hingehalten.“

Chinesen haben seit vier Jahren das Sagen

Größter gewerblicher Arbeitgeber der Stadt

Vor Jahren standen noch 1100 Kollegen auf der Gehaltsliste von Yanfeng in Lüneburg, heute sind es nach Unternehmensangaben 940, dazu kommen 85 Zeitarbeiter. Diese Zahl soll laut Betriebsrat reduziert worden sein, auch die Stammbelegschaft sei reduziert worden. Yanfeng Automotive Interiors ist seit 2015 ein Zusammenschluss aus dem US-Konzern Johnson Controls und der chinesischen Yanfeng-Gruppe, die Chinesen haben die Mehrheit.

Konzernsprecherin Astrid Schafmeister sagt: „Wir produzieren in Deutschland in Neustadt und Lüneburg, sind zudem in Neuss präsent. Darüber hinaus haben wir in den letzten beiden Jahren zwei neue Werke in Tschechien und in Serbien errichtet und mehrere Standorte in Spanien, Ungarn und der Slowakei erweitert. Das neue Werk in Serbien wird ausschließlich unsere anderen Fertigungsstätten in Osteuropa beliefern.“

Von Carlo Eggeling