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Mattea Weihe (vorne) aus Lüneburg hat bei der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer geholfen. Foto: Sea-Watch

„Ich sollte das nicht tun müssen“

Lüneburg. „Du kommst näher und näher und plötzlich siehst du, wie unfassbar voll diese Boote sind.“ 150 Menschen quetschen sich auf ein schwimmendes Konstrukt, nicht selten sind sie seit 17 Stunden ohne Trinkwasser in der prallen Sonne unterwegs: Das hat Mattea Weihe als „Cultural Mediator“ bei der zivilen Seenotrettung oft erlebt. Zweimal fuhr sie mit der Sea-Watch 3 aufs Mittelmeer. Für die 28-Jährige ist klar: Diese Menschen müssen gerettet werden. Sie sieht darin jedoch eine Aufgabe der Staaten.

Die gebürtige Lüneburgerin hat Islamwissenschaften studiert und währenddessen Arabisch gelernt. „Ich wollte diese Sprachkenntnisse irgendwie nutzen“, meint Weihe, die nun im Master Friedens- und Konfliktforschung in Hamburg studiert. Sie bewarb sich deshalb Anfang 2018 als Crew-Mitglied auf der „Sea-Watch 3“, zwei Monate später ging es auch schon an Bord.

Zwei weitere Einsätze folgten: Im November 2018 fuhren sie erneut aufs Mittelmeer, im April 2019 wurde das Schiff beschlagnahmt und durfte den Hafen nicht verlassen. „Die vierte Mission, für die ich eingeplant war, wurde abgesagt.“ Das war im August 2019, einen Monat nachdem die Kapitänin Carola Rackete die „Sea-Watch 3“ trotz eines Verbots der italienischen Behörden in den Hafen der Insel Lampedusa einlaufen ließ und dafür vorerst festgenommen wurde.

Über 600 Menschen bei einer Mission gerettet

Mattea Weihe klingt ganz ruhig, wenn sie von ihren Einsätzen erzählt. „Vom Hafen aus fährt man in Richtung libysche Küste. Von offiziellen Seenotrettungsstellen bekommt die ,Sea-Watch 3` dann Koordinaten von einem Boot, das in Seenot ist“, erklärt sie. So schnell es geht macht sich dann die Schnellbootcrew auf den Weg dorthin – das Mutterschiff kommt langsam hinterher.

Mattea Weihe gehörte mit zu dieser Crew, da sie als „Cultural Mediator“ die Aufgabe hatte, mit den Menschen in Seenot den ersten Kontakt aufzunehmen. „Es ist ganz wichtig, dass keine Panik ausbricht“, erklärt sie. Auch wenn sie Arabisch und Französisch spricht, hätte sie die Menschen immer zuerst auf Englisch angesprochen: „Sonst denken die in ihrer Verzweiflung, dass wir aus Libyen kommen und sie zurück bringen wollen.“

Nach dem Erstkontakt sei das A und O, die Menschen mit Schwimmwesten zu versorgen. „Wenn du 50 Personen mit Schwimmwesten hast, kannst du 50 retten. Hast du keine Schwimmwesten, schaffen es vielleicht 10“, verdeutlicht Mattea Weihe. Für die 28-jährige Studentin war vor allem der Anblick der „klassischen“ Schmugglerboote prägend: „Die ziehen den Menschen die Schuhe aus, um Gewicht zu sparen. Wie ekelhaft kann die Welt sein?“

Gibt es vielleicht schon Tote?

Bis die „Sea-Watch 3“ den Ort erreicht hat, prüft die Schnellbootcrew die allgemeine Konstitution der Geflüchteten und verschafft sich einen Überblick: Wie viele Kinder, Schwangere und Kranke befinden sich auf dem Boot? Gibt es vielleicht schon Tote? Über 600 Menschen konnten so bei Weihes erster Mission gerettet werden.

Diese Erfahrungen haben die Lüneburgerin dazu veranlasst, sich weiterhin bei Sea-Watch zu engagieren. Mittlerweile ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, hält Vorträge und organisiert Rettungsmissionen.

Angefeindet wird die Studentin nicht, häufig ist sie aber bei Veranstaltungen mit Gegnern der Seenotrettung konfrontiert. Doch das ist kein Problem, meint Weihe: „Jedes Argument gegen zivile Seenotrettung kann ich juristisch widerlegen – und moralisch sowieso.“ Die letzten Ereignisse würde zeigen, dass es absurd sei, überhaupt über die Legitimität von Seenotrettung zu diskutieren. Allerdings hat Weihe eingesehen, dass sie nicht jeden Menschen von ihrer Position überzeugen kann: „Du kannst keinem Menschen eine gute Moral in den Kopf pflanzen.“

„So etwas macht niemand freiwillig“

Aufgeben wird sie deshalb aber nicht. Besonders wichtig ist der 28-Jährigen, dass über die Situation im Mittelmeer und in Libyen gesprochen wird. „Zivile Seenotrettung ist doch nur eine Antwort auf das Nichtstun der europäischen Politik“, meint sie. Es müsse sichergestellt werden, dass die Menschen nicht zurück nach Libyen gebracht werden.

Außerdem fordert Mattea Weihe, dass die europäischen Staaten diese Aufgabe übernehmen. „Ganz ehrlich: So etwas macht niemand freiwillig. Wo habe ich denn gelernt, einem Jungen zu sagen, dass sein Bruder gerade ertrunken ist? Ich sollte das, verdammt nochmal, nicht tun müssen.“

Die junge Lüneburgerin will für ihr Engagement keinen Dank: „Ich sehe mich nicht als Heldin.“ Ihr ist bewusst, dass nicht jeder über den Mut, die Risikobereitschaft und die Ressourcen verfügt, um an einer Mission teilzunehmen. Aber ihrer Meinung nach könne trotzdem jeder etwas tun: „Gerade in so einer Stadt wie Lüneburg hat man so viele Möglichkeiten, um etwas zu bewegen.“ Man könne sich bei der Initiative Seebrücke einbringen, Spenden sammeln oder aber mit Menschen reden, die Entscheidungen treffen. „Das ist das Wichtigste: Über das Thema reden – auch wenn es unangenehm wird.“

Ein Gespräch mit Mattea Weihe gibt es unter www.instagram.com/landeszeitung

Von Lilly von Consbruch