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Dr. Gisela Gille ist Aids-Beraterin beim Lüneburger Gesundheitsamt. Foto: t&w

„Aids ist noch nicht besiegt“

Lüneburg. Am Welt-Aids-Tag, der alljährlich am 1. Dezember begangen wird, geht es ums Sensibilisieren für das Thema. Dazu gehört auch die Botschaft: Wird die HIV-Infektion rechtzeitig behandelt, ist Aids vermeidbar. Dr. Gisela Gille, Aids-Beraterin beim Lüneburger Gesundheitsamt, mahnt deshalb, im Zweifel einen Test machen zu lassen.

Frau Dr. Gille, in den 80er- und 90er-Jahren wurde viel über Aids und HIV berichtet. Inzwischen ist das Thema nicht mehr so präsent. Woran liegt das?
Dr. Gisela Gille: Aids hat seinen Schrecken als nicht heilbare und tödlich verlaufende Erkrankung verloren. Heilbar ist Aids noch nicht, aber die Infektion mit HIV verläuft schon lange nicht mehr tödlich, wenn sie denn möglichst früh erkannt und therapiert wird. Dank Medikamenten haben die meisten eine fast normale Lebenserwartung und können ihr Leben gestalten wie andere auch. Ja, 95 Prozent dieser Therapien verlaufen so erfolgreich, dass die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze gedrückt werden kann und so die Infektion auch beim Sex nicht mehr weitergegeben wird.

Gibt es Grund zur Entwarnung?
Aids ist noch nicht besiegt! In Deutschland leben rund 90.000 Menschen mit HIV und Aids, geschätzte 12.000 Menschen sind in Deutschland infiziert, ohne bisher davon Kenntnis zu haben – es gibt also zurzeit keinen Grund zur Entwarnung. Und etwa 30.000 Menschen sind bisher in Deutschland an den Folgen von AIDS gestorben.

Wie wichtig sind Tests und wer sollte sie wann machen?
Die aktuellen Daten legen die Schlussfolgerung nahe, dass der Ausbau von zielgruppenspezifischen Testangeboten und ein früherer Behandlungsbeginn auch in Deutschland Erfolge zeigen. Dieser Weg sollte konsequent weiter umgesetzt werden, insbesondere durch niederschwellige Testangebote und die Gewährleistung des Zugangs zur Therapie für alle in Deutschland mit HIV lebenden Menschen. Wer sollte einen HIV-Test machen und wann? Wenn denn ungeschützter Sex der häufigste Übertragungsweg von sexuell übertragbaren Infektionen und damit auch von HIV ist, dann sollte jede / jeder 6 Wochen nach Sex mit unbekannten Partnern oder bei Untreue in einer Beziehung sich seines HIV-Status versichern. Auch bei Beginn einer Beziehung oder dem Wunsch nach kondomlosem Sex lassen sich viele Menschen testen.

Wo kann man den Test machen und ist das anonym?
Den HIV-Test kann jeder Arzt durchführen, allerdings ist das nicht anonym und auch nicht kostenlos. Das Gesundheitsamt des Landkreises Lüneburg bietet deshalb seit 1987 dienstags von 14 bis 17 Uhr eine spezielle AIDS-Beratung an, in dieser Zeit stehe ich für Gespräche zu diesem Thema zur Verfügung und teste anonym und kostenlos auf HIV.

Durch Ihre Arbeit als Aids-Beraterin haben Sie sicher auch Einblick, ob HIV-Infizierte beziehungsweise an Aids Erkrankte noch eine gesellschaftliche Ausgrenzung erleben…
Ich denke, dass aufgrund der hervorragenden Therapieerfolge, die es mittlerweile gibt, die gesellschaftliche Ausgrenzung von HIV-Infizierten oder an Aids Erkrankten weit weniger präsent ist als in den ersten Jahren nach Bekanntwerden dieser damals neuen, unbekannten, tödlichen und deshalb furchteinflößenden sexuell übertragbaren Infektion. Trotzdem wirbt das Motto des Welt-AIDS-Tages 2019 wieder um Toleranz und will Solidarität mit Menschen mit HIV und Aids fördern und Diskriminierung entgegenwirken.
Aber natürlich sind Menschen immer wieder im höchsten Maße verstört, wenn sie mir als Anlass für ihren Testwunsch berichten, dass ihre Partnerin / ihr Partner durchaus auch erst nach einer längeren Beziehung ihnen mitgeteilt habe, dass sie/er HIV-positiv sei.

Von Antje Schäfer

Daten & Fakten

Weltweit leben etwa 37,9 Millionen Menschen mit HIV.

  • 61,5 Prozent der Betroffenen haben bislang Zugang zu den lebensnotwendigen Medikamenten.
  • Seit Anfang der 80er Jahre bis 2013 haben sich etwa 74,9 Millionen Menschen mit HIV infiziert; allein 2018 starben weltweit 770.000 Menschen an den Folgen von Aids.
  • Mit fast etwa 54 Prozent aller HIV-Neuinfektionen ist Ost- und Südafrika am stärksten betroffen.
  • Besonders in Ost-Europa und Zentralasien ist die Zahl der Neuinfektionen deutlich gestiegen, 2018 allein um 150.000.
  • In Deutschland leben heute rund 90.000 Menschen mit HIV.
  • Etwa 30.000 Menschen sind bisher in Deutschland an den Folgen von Aids gestorben. BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)