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Mit Stunden Verspätung konnte der Ewer vor zehn Jahren zu Wasser gelassen werden – ein Kantholz blockierte den Weg. Foto: A/t&w

Ein Wahrzeichen feiert Geburtstag

Lüneburg. Alles war bestens vorbereitet: eine Helling gebaut, 30 Liter Schmierseife gut verteilt, doch dann wurde ein Balken zum regelrechten Bremsklotz. Nicht richtig weggeschlagen, verhinderte das Kantholz, dass der Ewer mühelos in die Ilmenau gleiten konnte. Stunden gefährlicher Arbeit vergingen, um das Hindernis zu beseitigen, statt am Nachmittag gegen 15 Uhr rutschte das zehn Tonnen schwere Boot erst gegen 19.30 Uhr ins den Fluss. Das ist zehn Jahre her. Der Ewer und sein kleiner Bruder, der Prahm, gehören vor der Kulisse von Altem Kaufhaus und Kran längst zu den Lüneburger Wahrzeichen.

Bürger spendeten Geld und Material

Die Idee, einen Ewer zu bauen, hatten der damalige Chef des Salzmuseums, Dr. Christian Lamschus, und der Ehrenvorsitzende des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt, Curt Pomp. In Michael Anders fanden sie einen segelbegeisterten Tischler, der das Projekt umsetzen konnte. Um aus der Vision Wirklichkeit werden zu lassen, brauchten sie Geldgeber und Menschen, die das Boot bauen konnten. So bekam das Ganze einen sozialen Aspekt: Gemeinsam mit 65 jungen Leuten, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben, entstand das kleine Schiff binnen zwei Jahren auf einer eigens eingerichteten Werft am Salzmuseum. Als Geldgeber kamen der Europäische Sozialfonds und die Arbeitsgemeinschaft Grundsicherung (Arge) hinzu, Job.Sozial betreute die jungen Erwachsenen, bei der Volkshochschule gingen sie zum Unterricht. 300.000 Euro gab der Sozialfonds der Europäischen Union dazu, 24.000 Euro der ALA, Bürger spendeten Geld und Material.

Heute gehört der Ewer, getauft auf den Namen De Sulte, also Sülze oder Saline, dem Förderverein des Salzmuseums. 18 Männer und Frauen zählen zur Mannschaft, alle arbeiten ehrenamtlich. Und es steckt eine Menge Arbeit in dem Projekt: „Wir haben kürzlich das Vorderdeck erneuert, demnächst steht der hintere Teil an“, sagt Fiedler. Regelmäßig holt die Crew den Kahn mit einem Autokran am Klärwerksgelände an Land, um dann die Planken beispielsweise zu kalfatern, mit Pech und Stoff werden die Zwischenräume geschlossen.

Auf Seite 1 der Bild-Zeitung

Der Ewer ging auf große Fahrt, er fuhr zum 2015 zum Hansetag nach Lübeck und zum Hafengeburtstag nach Bergedorf, er brachte Lüneburger Salz vor zwei Jahren zu einer großen Feier für den Hamburger Michel. Fiedler sagt stolz: „Da haben wir es in viele Medien geschafft, sogar auf Seite 1 der Bild-Zeitung.“

Doch inzwischen sind die Segelfreunde arg eingeschränkt. Bekanntlich hat das Wasser- und Schifffahrtsamt die angegriffenen Schleusen und Wehre der Ilmenau bei Bardowick, Wittorf und Fahrenholz gesperrt – der Weg zur Elbe ist verschlossen.

So können die Aktiven nur bis Bardowick fahren. Unterwegs zeigen sie Gästen auf dem Museumsschiff die uralte Methode des Treidelns, sie ziehen das Schiff. Im Mittelalter transportierten Ewer das Salz aus Lüneburg über Ilmenau, Elbe und die Stecknitzfahrt, ein Kanal, der in Lauenburg beginnt, nach Lübeck. Dort wurde das Salz teuer gehandelt und ins Baltikum verschifft.

Der Ewer erinnert an Lüneburgs große Zeit als Wirtschaftsmetropole. Und manchen an auch an die eigene Geschichte. Fiedler erzählt: „Manchmal kommen noch welche von den jungen Leuten, die damals am Ewer mitgebaut haben.“ An einem Stück Lüneburger Geschichte.

Von Carlo Eggeling