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Wasser marsch heißt es auch für Ismail Semo, er kennt sich inzwischen auch mit der Technik im Feurerwehrauto bestens aus. Foto: phs

Hauptsache helfen

Bienenbüttel. Als kleiner Junge hüpfte Ismail Semo manchmal stundenlang über die grünen Wiesen Nordostsyriens, als Jugendlicher traf er sich mit Freunden abends auf der Straße. In seiner Erinnerung sind die Tage immer sonnig und die Nächte immer sternenklar – bis 2012. Das Jahr, als die Terroristen in sein Dorf kamen. „Nie zuvor hätte ich gedacht, dass mich jemand töten will“, sagt der 21-Jährige und zupft mit betretener Miene an seiner orangefarbenen Feuerwehrjacke herum. Dann flüstert er kaum hörbar: „Jetzt ist alles zerstört.“

Das Haus, in dem er lebte, die Felder, die seine Eltern beernteten, Bücher, Fotoalben, Andenken – alles einfach weg. Wie oft hatte Ismail Semo im Keller gesessen, wenn draußen wieder Bomben fielen, und auf Hilfe gehofft – irgendjemand, der kommen würde, um ihn und seine Familie zu retten. Es kam niemand.

Sie kamen – und blieben

Wenn heute in Bienenbüttel jemand ernsthaft in der Klemme steckt, dann ist es gut möglich, dass Ismail Semo durch die Tür eilt oder durchs Fenster steigt, um zu helfen, denn inzwischen ist er Feuerwehrmann. Nach zwei Jahren, in denen er und seine Eltern von einer Stadt in die nächste zogen, beschlossen sie im Sommer 2015, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und eine Bleibe bei Verwandten in Bienenbüttel zu suchen.

Sie kamen – und blieben. Ismail Semo hat hier seinen Schulabschluss gemacht, Deutsch gelernt, eine Berufswahl getroffen und in diesem Jahr erfolgreich die Grundausbildung zum Feuerwehrmann bestanden. Klar, dass ihm hin und wieder Kameraden geholfen haben – bei all den Fremdwörtern: „Gott sei Dank“, sagt Ismail Semo und grinst. Auch Redewendungen sind ihm also inzwischen gut geläufig.

Dass er so fließend Deutsch spreche, habe er vor allem dem Unterstützerkreis der Gemeinde zu verdanken. Ach ja, und dem Nachbarn, der bei Papierkram half, den wollte er auch noch erwähnt wissen und natürlich die Kameraden. Ginge es nach Ismail Semo, würden die folgenden Zeilen ausschließlich mit Danksagungen gefüllt. „Wenn man sich gegenseitig hilft, ist das eine tolle Sache“, findet er. Darum habe er auch etwas zurückgeben wollen. „Ich hatte meinem Deutschlehrer erzählt, dass ich etwas ehrenamtlich leisten möchte – und der gab mir den Tipp mit der Feuerwehr.“

Ein Mensch, der helfen möchte

Kurz darauf folgte ein Treffen mit Ortsbrandmeister Carsten Buhr. Der will aus der Geschichte eigentlich keine große Sache machen, will, dass sich Ismail Semo nicht anders fühlt, sondern als Teil der Gemeinschaft. „Er muss sich genau dieselben Sprüche anhören wie alle anderen jungen Kameraden.“ Ismail sei für sie einfach ein Mensch, der helfen möchte – Feuerwehrmitglied eben. „Und vielleicht ist er für andere in der Situation auch ein Vorbild.“

Tatsächlich hat sich Ismail Semos Cousin bereits von der Begeisterung für die Feuerwehr anstecken lassen. Der ist in der Jugendgruppe aktiv, während Ismail Semo seine Übungs- und Ausbildungsdienste ableistet. Immer wieder steigt Ismail Semo auf sein Rad und fährt zum Feuerwehrhaus.

Theoretisch könnte er sich noch weiterbilden – zum Beispiel zum Sprechfunker oder Maschinisten. „In ein paar Jahren – klar, warum nicht“, sagt Carsten Buhr und nickt seinem neuen Kameraden aufmunternd zu. Der lächelt schüchtern. In ein paar Jahren, weiß er, kann viel passieren.

Von Anna Petersen