Donnerstag , 5. Dezember 2019
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Das Bioenergiedorf Ellringen - hier die Biogas-Anlage - hat in Japan Aufmerksamkeit erregt. Die Uni Nagasaki versucht zu ergründen, warum die Energiewende in Ellringen gelang, in Japan aber nicht. (Fotos: jz)

Nagasaki blickt nach Ellringen

Ellringen/Nagasaki. Hätte am 11. März 2011 vor Japans Küste die Erde um 14:46:23 Uhr nicht gebebt, würde Professor Minoru Hosaka an diesem Donnerstag nicht um 8 Uhr morgens im Gasthaus Trapp sitzen. Wäre damals nicht in 32 Kilometer Tiefe ein verheerender Tsunami ausgelöst worden, würden heute nicht vier Ellringer dem japanischen Umweltsoziologen erklären, wie Ellringen zum ersten echten Bioenergiedorf werden konnte. Wäre damals die Reaktorhülle von Fukushima nicht geborsten, wären die Gärbehälter von Ellringen uninteressant. So aber stellt der Forscher der Universität Nagasaki in Ellringen die Frage, warum die Umweltbewegung in Deutschland so erfolgreich ist und in Japan nicht.

Sportverein und Feuerwehr als Motoren der Bewegung

„Ein Grund, warum heute 90 bis 95 Prozent der Haushalte in Ellringen Nahwärme von der Biogasanlage beziehen“, antwortet deren Betreiber Thomas Koch, „ist der Zusammenhalt im Ort.“ Die „Motoren“ auf dem Weg zum Bioenergiedorf seien der Sportsvereinsvorsitzende Hermann Kraake und Ortsbrandmeister Ulrich Schulz gewesen. „Bei der ersten Versammlung, in der das Projekt vorgestellt wurde, war fast das ganze Dorf dabei“, erinnert sich Schulz und ergänzt: „Mein Antrieb ist Lokalpatriotismus. Damit die Heimat profitiert, muss man die Nachbarn mitnehmen.“

Ellringen
Zwei Stunden lang ergründeten Professor Minoru Hosaka von der Uni Nagasaki und Dolmetscherin Rie Ogino, warum das Projekt Bioenergiedorf in Ellringen erfolgreich ist. Rede und Antwort standen (v.r.) Bürgermeisterin Christina Haut, Ortsbrandmeister Ulrich Schulz, Sportsvereins-Vorsitzender Hermann Kraake und Biogasanlagenbetreiber Thomas Koch.

Diese Form des dörflichen Zusammenhalts gebe es in Japan nicht mehr, bedauert Dolmetscherin Rie Ogino. Als das japanische Kaiserreich 1937 seinen Eroberungsfeldzug begonnen habe, seien die Japaner angehalten worden, die Nachbarn zu bespitzeln. „Das zerstörte die Gemeinschaft. Und ein Vereinswesen wie in Deutschland ist in Japan unbekannt.“

Doch Zusammenhalt nützt nichts, wenn entsprechende Strukturen fehlen. „Unser Energieversorger EVDB setzt auf regenerative Energien“, sagt Dahlenburgs Bürgermeisterin Christina Haut, „die Samtgemeinde ist durch Wind, Biogas und Sonne quasi autark.“

Der Gast aus Fernost staunt. Der Anteil regenerativer Energien in seiner Heimat liege bei 5 Prozent, so Prof. Hosaka.

In Japan ist die Energiewende eine Schnecke

Im Land der aufgehenden Sonne ist die Energiewende eine Schnecke. Nach dem GAU von Fukushima wurden zunächst alle Kernreaktoren vom Netz genommen. Nun sollen sie nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums aber bis 2030 noch 20 Prozent des Gesamtstroms liefern. Allerdings will die Insel, die über keine eigenen fossilen Ressourcen verfügt, die Abhängigkeit von Energieimporten verringern. Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Energien auf 22 bis 24 Prozent ausgebaut werden.

Dafür will man auch das deutsche Know-how anzapfen. Minoru Hosaka plant ein Buch über die grüner werdende Bundesrepublik. In den vergangenen Jahren erforschte er den Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und das Aufbegehren der Winzer gegen das Atomkraftwerk Wyhl. Nun will er herausarbeiten, welche Rolle Mentalitätsunterschiede zwischen Süd- und Norddeutschland spielen.

„Das waren Bewegungen gegen etwas“, sagt Hermann Kraake, „wir haben uns für etwas eingesetzt.“ Allerdings gebe es auch in Ellringen ein Kontra, räumt er ein. Die geplante Schweinzezuchtanlage spalte das Dorf.

Ob die Religion den Ellringern gebiete, die Schöpfung zu bewahren, will der Gast aus Japan wissen. Ihre Kindheit sei noch durch eine religiöse Erziehung geprägt, sagt Christina Haut. Doch heute würden eher unbewusst gelebte Werte wirken, ergänzt Kraake. Kochs Motivation war Krümmel. „Ich lebte in Lauenburg lange im Schatten des Meilers. Nach dem GAU in Tschernobyl habe ich als Feuerwehrmann die Radioaktivität in der Umgebung gemessen.“ Aus der Religion bezieht der Betreiber der Bioenergieanlage für sich die Maxime, „selbst Verantwortung zu übernehmen, mich nicht auf andere zu verlassen“.

Individualität wird in Japan eher versteckt

Eine Haltung, die sich nicht so leicht nach Japan exportieren lasse, wie Übersetzerin Rie Ogino verdeutlichte: „Bei uns wird die Individualität eher versteckt. Das Erstrebenswerteste ist es, wie alle anderen zu sein.“

Ohne tatkräftige Vorreiter wie in Ellringen könnte es schwer werden, Japans Potenzial für Biogenergie zu heben, das vom Bundeswirtschaftsministerium mit 13 Milliarden Kilowattstunden veranschlagt wird, mit denen 2,8 Millionen Haushalte versorgt werden könnten.

Von Joachim Zießler