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Die Herberge zur Heimat ist längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen, die Stadt hat zusätzlichen Wohnraum für Obdachlose angemietet. Foto: be

Kampf gegen Wohnungslosigkeit

Lüneburg. Gut Ding will Weile haben: Seit 2015 ringen die Stadt und der Lebensraum Diakonie um ein neues Konzept für das wachsende Problem der Wohnungslosigkeit . Nach etlichen Verhandlungen haben sie nun die Eckpunkte ihres Plans festgelegt. Ein neuer Vertrag soll im Frühjahr 2020 geschlossen werden.

Im Rahmen der sogenannten Gefahrenabwehr ist es die Pflicht der Hansestadt, obdachlosen Menschen eine Unterbringung zur Verfügung zu stellen. Seit 2001 bedient sie sich dafür des Lebensraums Diakonie (damals noch Herbergsverein Wohnen und Leben), der Wohnungslose in der Herberge Beim Benedikt und in anderen dezentralen Unterkünften unterbringt.

100 Obdachlose sind die Obergrenze

„Im Moment werden alle wohnungslosen Einzelpersonen gleich untergebracht, egal, welche Ressourcen oder auch Probleme sie mitbringen“, sagt Sozialdezernentin Pia Steinrücke. Schon im Februar 2015 beobachtete der Lebensraum Diakonie, dass erhebliche psychische Erkrankungen und Suchtprobleme sowie stark abweichendes Verhalten einzelner wohnungsloser Personen vermehrt zu Konflikten wie gewalttätigen Übergriffen gegenüber Mitarbeitern führten. Zudem begann die Zahl der Wohnungslosen ab 2016 stetig zu steigen.

„Auf diese Entwicklungen haben wir laufend reagiert“, sagt Michael Elsner, Leiter des Lebensraums Diakonie. Durch die Anmietung verschiedener Unterkünfte, unter anderem in Rettmer oder auf dem Zeltberg, konnte mehr Platz geschaffen werden, sodass der Lebensraum Diakonie mittlerweile um die 50 Personen beherbergt, obwohl vertraglich eine Höchstzahl von 35 festgelegt ist. Zudem hat die Stadt als Entlastung der Herberge in Gemeinschaftsunterkünften sowie in der Dahlenburger Landstraße weitere 50 Obdachlose untergebracht. „100 Wohnungslose – das ist die Obergrenze. Da müssen wir wieder runterkommen“, meint Pia Steinrücke.

Eine zielgruppenspezifische Unterbringung, die die unterschiedlichen Probleme der Bewohner berücksichtigt sowie mehr Wohnraum zur Entlastung der Herberge sind Ziel des neuen Konzeptes.

Netzwerkarbeit ist wichtig

Zunächst sieht der Plan vor, eine Präventionsstelle einzurichten. Diese soll verhindern, dass Menschen überhaupt in die Wohnungslosigkeit abrutschen. Bürger können sich dort im Vorfeld entstehender Schulden beraten lassen. Auch Vermieter oder Wohnungsbaugesellschaften sind dazu angehalten, sich bei drohender Zahlungsunfähigkeit ihrer Mieter dort zu melden. „Netzwerkarbeit ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts“, meint Pia Steinrücke. Je mehr Partner die Stadt habe, die sie auf Missstände aufmerksam macht, desto besser könne man der Wohnungslosigkeit begegnen.

In Zukunft soll es außerdem Notschlafstellen für Menschen geben, die sich gerade wohnungslos gemeldet haben. Der Aufenthalt dort soll vier Wochen möglichst nicht überschreiten. Die Hansestadt plant dafür bereits den Umbau eines Wohnhauses in der Goseburgstraße. Dort sollen zukünftig zehn Personen untergebracht werden können.

Michael Elsner macht klar, dass der Lebensraum Diakonie in den Verhandlungen zunächst gegen eine solche Notunterkunft war: „Das widerspricht unserem bisherigen Handlungsprinzip. Wir wollen jedem Menschen den ganzen Tag eigenen Wohnraum gewährleisten können, nicht nur nachts.“ Deshalb beinhaltet das neue Konzept zusätzlich die Errichtung eines Tagesaufenthalts, der von der Diakonie betrieben wird, erklärt Michael Elsner.

Für das Konzept wird Wohnraum benötigt

In der Notunterkunft soll außerdem ein sogenanntes Clearing stattfinden, bei dem ein individueller Hilfeplan aufgestellt wird. Bisher lief das über den Lebensraum Diakonie. „Nun hat sich die Stadt vorbehalten, dieses Clearing selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Michael Elsner. Dadurch erhofft sich Pia Steinrücke „eine stärkere Fallsteuerung“. Das Clearing soll zeigen, welche Hilfemaßnahmen es gibt, ob vielleicht noch Hilfe aus dem sozialen Umfeld zu erwarten ist und welche Ziele mit den obdachlosen Menschen erreicht werden sollen.

Danach sollen die Menschen möglichst schnell in das temporäre Wohnen und die aktivierende Hilfe übergehen. Derzeit findet diese Wohnform in der Herberge und den Gemeinschaftsunterkünften statt. Da dieser Platz nicht ausreicht, ist die Stadt im Gespräch mit der Housing Lüneburg e.V. und den Gemeinden Barendorf und Dahlenburg, um bereits vorhandenen Wohnraum nutzen zu können. Denn Pia Steinrücke betont: „Dieses Konzept kann ohne Wohnraum nicht funktionieren.“

In den kommenden Monaten planen die beiden Partner weitere Details, damit im Mai 2020 der neue Vertrag abgeschlossen werden kann.

Von Lilly von Consbruch