Donnerstag , 5. Dezember 2019
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Noch füllt Karoline Glabas die Milch in Kruses Molkerei per Hand ab. Das soll sich bald ändern. Foto: t&w

Wertvolle Milch aus der Region

Radbruch. Die Milchbauern Volker und Meybrid Kruse halten auf ihrem Hof 480 Kühe, 140 Hühner und gut zehn Katzen. An Arbeit mangelt es also nicht. Dennoch haben sie in diesem Jahr noch einen drauf gesetzt, betreiben seit April ihre eigene kleine Hofmolkerei. In das Projekt haben sie viel Zeit, Herzblut und Geld gesteckt. Doch warum? Kruses sitzen an ihrer langen Tafel und  denken an die vergangenen Jahre zurück. „2016, das war schon ein Ding“, erinnert sich Meybrid Kruse, während sie gedankenverloren Kater Teddy krault.

„Sechs Monate lang haben wir für einen Liter Milch 19 Cent bekommen. So können wir nicht produzieren. Die Löhne steigen, die Leute brauchen mehr Geld, und wir qualifizierte Leute.“ Gemeinsam mit vielen anderen Landwirten zogen die Kruses in den Streik gegen die Dumpingpreise – und wurden prompt in die Schranken gewiesen: „Uns flatterte schon nach einer Woche eine Strafanzeige ins Haus wegen Kartellabsprache“, sagt Volker Kruse, immer noch sichtlich verärgert. „Und die großen Einzelhändler haben ihre Milch dann einfach aus Polen bezogen, um uns zu zeigen, wo wir stehen. Das war ernüchternd.“ Vier große Einzelhändler vertreiben 80 Prozent der Milch. „Die Marktmacht ist so groß, da können Händler und Landwirte gar nichts machen“, bedauert Kruse, der den Familienbetrieb seit 30 Jahren führt.

Der Traum von ein bisschen mehr Unabhängigkeit

Milchbauern haben eine Andienungspflicht: In den Satzungen von landwirtschaftlichen Genossenschaften ist festgelegt, dass sämtliche zum Verkauf bestimmten Produkte während der Mitgliedschaft an diese zu liefern sind.

Nach und nach reifte in den Kruses der Gedanke, sich ein bisschen unabhängiger zu machen. Mit ihrer Idee von der hauseigenen Molkerei wandten sie sich an das Veterinäramt und das Landesamt für Verbraucherschutz. Die besichtigten den Hof und gaben schließlich grünes Licht. Auch von ihrer Molkerei mussten die Kruses eine Erlaubnis einholen, um einen Teil der Milch selbst vermarkten zu dürfen.

Die Umsetzung stemmt das Ehepaar nun ohne Förderung. „So eine Subvention kann einen auch ziemlich einengen“, erklärt Volker Kruse. „Es ist großer bürokratischer Aufwand, weil wir beispielsweise konkrete Auflagen bekommen, welche Geräte wir kaufen müssen. Außerdem konnten wir ja schlecht einschätzen, ob es läuft. Bei einem Flop hätten wir das ganze Geld wieder zurückzahlen müssen.“

Diese Sorge war unbegründet, mit ihrer Idee trafen die Kruses einen Nerv: Sie beliefern bereits zahlreiche ausgewählte Supermärkte und Hofläden in den Landkreisen Lüneburg und Harburg. „Die Käuferschicht, die unsere Milch kauft, ist natürlich eine bestimmte Klientel, wer nicht mehr als 69 Cent für sein Tetrapak Milch ausgeben möchte, der ist eben nicht unser Kunde“, sagt Meybrid Kruse. Sie hat Freude an der neuen Herausforderung: „Neben Milch haben wir jetzt auch Quark im Sortiment und versuchen uns gerade an Joghurt. Ein paar Fehlversuche waren auch schon mit dabei, das gehört dazu“, verrät sie schmunzelnd.

Drei Prozent werden in der Molkerei verarbeitet

Als bester Verkaufsort für die noch per Hand abgefüllten Produkte hat sich der Hof-Kühlschrank mit SB-Kasse entpuppt. „Da geht mehr durch als in jedem Edeka, obwohl das eher als Gag gedacht war“, freut sich Meybrid Kruse. „Vor allem Familien mit Kindern gehen oft noch zu den Kälbchen oder zu unserem Hühnermobil.“ Diese Transparenz ist für die Bäuerin ein ganz wichtiger Punkt. „Die Gülle stinkt, der Trecker ist laut. Ich verstehe, wenn sich Menschen darüber ärgern. Aber wenn sie unsere Milch trinken, die Kühe streicheln, dann ändert sich meist das Verständnis für unsere Arbeit.“

Bislang verarbeiten die Kruses drei Prozent ihrer Milch selbst, als Ziel haben sie sich gesetzt, in diesem Jahr 100 000 Liter Milch selbst zu vermarkten. Insgesamt verarbeitet der Betrieb vier Millionen Liter. „Wir sind zuversichtlich, dass das klappt“, sagt Volker Kruse. Die Hoffnung auf mehr Geld sei es nicht, was sie antreibe, eher Idealismus. Das Stichwort: Regionalität.

„Wir entrahmen unsere Milch nicht, pasteurisieren sie nur schonend. Dadurch ist sie nur sieben Tage haltbar, behält aber ihren natürlichen Geschmack. Wir garantieren 3,8 Prozent Fett, meist sind es 4,2“, erklärt Volker Kruse die Vorgehensweise.

Zwei Mitarbeiterinnen haben Kruses eigens für die Molkerei eingestellt, die bislang recht spartanische Maschinenausstattung wollen sie nun Schritt für Schritt ausbauen.

Von Lea Schulze