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Der Angeklagte Manuel M. (31; r.) mit seinem Verteidiger Jens Müller. Der Clenzer ist angeklagt, einen Nebenbuhler gewürgt zu haben, um ihn zu töten. Foto: jz

Wenn ein Gefühlsgebräu überkocht

Lüneburg. Dreiecksliebesbeziehungen sind so im Trend, dass ein Kunstwort dafür kreiert wurde: Polyamorie. Doch Trend schützt nicht vorm Schwurgericht, wie Manue l M. (31) gerade erfährt, der sich unter anderem wegen versuchten Totschlags verantworten muss. Gestern gestand er vor dem Landgericht, am 26. September 2018 in einer Schülerzirkusveranstaltung Nebenbuhler Benjamin F. (34) gewürgt und eine Woche später per WhatsApp mit dem Tod bedroht zu haben. Konfliktpotenzial war da: Benjamin ist der Ehemann von Jennifer F. (34), mit der Manuel M. zusammen eine Tochter hat. Vor Jahren schlief man zu dritt im Ehebett. Das schafft offenbar eine Nähe, die auch eine Würgeattacke nicht zerstören kann. Mittlerweile lebt Manuel M. in einer Wohngemeinschaft mit Benjamin F.

Opfer will keine Bestrafung mehr

„Fast freundschaftlich“ sei das Verhältnis zu „Manu“ inzwischen, beteuerte Benjamin F. als Zeuge. Auf die Frage von Rechtsanwalt Jens Müller, dem Verteidiger von Manuel M., ob er noch wolle, dass sein Mandant bestraft werde, schwieg Benjamin F. einige Sekunden. Dann sagte er: „Nein, das will ich nicht.“

Dass Angeklagter und Opfer wenige Monate nach der Tat wieder „so dicke miteinander“ sind, löste beim Vorsitzenden Richter Franz Kompisch Kopfschütteln aus: „Jetzt frage ich mich, warum ich hier eigentlich sitze.“

Unter anderem, um aus teils sehr diffusen Zeugenaussagen herauszudestillieren, was wirklich an diesem Septemberabend gegen 19.30 Uhr passiert ist – und warum. Manuel M. war schon wütend, als er in das Zirkuszelt vor einer Schule trat, wie er aussagte: „Ich hab mich aufgeregt, weil die anderen schon vorgefahren waren, obwohl verabredet war, dass wir gemeinsam hingehen. Und ich war tierisch eifersüchtig, weil Jennifer immer noch mit ihm verheiratet ist.“

Umgehend machte er seiner Teil-Partnerin Vorwürfe, wie Jennifer F. gestern aussagte: „Er sagte zu mir: ‚Du machst es dir einfach hier, auf heile Familie.‘“ Das Trio setzte sich auf eine Zuschauerbank, sie in der Mitte. In der ersten Pause habe Manuel ihn am Kragen gepackt, so Benjamin F. Die Drohung, „pass auf, dass du nicht mal mit nem Messer im Hals aufwachst“, habe er aber nicht ernst genommen.

Mit dem Fuß gegen den Kinderwagen gestoßen

Der Grundkonflikt schwelte seit Wochen. Seit Benjamin F. geäußerte hatte, dass er auch gegenüber dem Säugling Vatergefühle empfinde, „warf Manuel mir vor, dass ich ihm verbieten würde, seine Tochter zu sehen“. Wie Manuel M. dies habe annehmen können, angesichts des gemeinsamen Lebens des Trios samt weiterer Kinder von Jennifer F., die aber nicht von Benjamin F. gezeugt wurden, konnte die Kammer nicht aus den Zeugen herauskitzeln.

Unstrittig ist aber, dass das Gefühlsgebräu unterm Zirkuszelt überkochte. „Er stieß immer mit dem Fuß gegen den Kinderwagen unserer schlafenden Tochter“, sagte Jennifer F. „Als ich den Wagen wegzog, sprang er auf, die Bank kippte um, er legte den Arm von hinten um Benjamins Hals.“

Nach kurzer Zeit zog der Augenzeuge Jan Robin S. die Arme des Angreifers nach hinten und schob ihn nach draußen. „Er wehrte sich nicht, war irgendwie abwesend.“ Draußen wartete Manuel M. ruhig auf die Polizei: „Ich wusste, dass ich großen Mist gebaut habe.“ Währenddessen brachte der Notarzt das Opfer Benjamin F. ins Krankenhaus. Er hatte Quetschungen an Kehlkopf und Zungenbein, musste gestützt werden.

Vaterschaftstest soll Klärung bringen

Während ihr einer Partner verhört und der andere verarztet wurde, guckte sich Jennifer F. den Rest der Zirkusshow an.
Ein auf Drängen einer Familienhelferin verhängtes Kontakt- und Annäherungsverbot gegen Manuel M. brach Jennifer F. selbst, als man sich beim Bäcker traf. Kurz darauf war die kurze Episode, in der das Trio nicht das gesamte Leben teilte, schon wieder vorbei. Neun Jahre kenne sie Benjamin, sagte Jennifer F. gestern aus, vier Jahre Manuel. Inzwischen werde über einen Vaterschaftstest geklärt, dass Manuel der Vater ist, obwohl das Mädchen in der Ehe mit Benjamin geboren wurde. Fragen, wer nun bei wem wohne, schienen auch mit Blick auf die Auszahlung staatlicher Sozialleistungen beantwortet worden zu sein. Ein vom Jugendamt verfügtes Aussöhnungsgespräch führte die Sozialarbeiterin nur halbherzig durch. Auf die Frage nach dem Verhältnis der beiden Männer heute, sagte Jennifer F.: „Zur Männerfreundschaft fehlt noch etwas, aber es ist besser als vorher.“

Von Joachim Zießler