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Am Haus in der Frommestraße 7 nagt der Senkungsteufel. Zugleich gärt es zwischen Bewohnern und Vermieter. Marthe Schönewald und Michael Neumann (auf dem Balkon) fürchten, dass Einbrecher das seit Wochen stehende Gerüst als Einladung verstehen könnten. Foto: t&w

Leben an der Abbruchkante

Lüneburg. Geht man ins Wohnzimmer von Anna Schulz, rebelliert das Gleichgewichtsorgan. Das Gefühl, nach vorne zu fallen, ist übermächtig. Dorthin, wo Kanthölzer von außen die doppelseitige Balkontür verschließen. Wo ein Schild hängt: „Betreten der Baustelle verboten. Eltern haften für ihre Kinder“. Weil dort im zweiten Stock kein Balkon mehr ist. Abgerissen. Ein weiteres Opfer des Senkungsteufels, der in der Nachbarschaft schon zwei Häuser geschluckt, einen beeindruckenden Krater in der Straße hinterlassen hat, das Haus in der Frommestraße 7 nach vorne kippen lässt und Spalten in dessen Wände treibt. Anna Schulz lebt trotzdem gerne hier. „Die Altbauwohnung hat Charme.“ Nur eines verleidet ihr das Wohnen dort: ihr Vermieter.

„Ich habe nicht dauernd Lust, mich zu ärgern, muss es aber“, sagt die Tischlerin. Das Haus, in dem sie wohnt, wird von der Porth-Gruppe verwaltet. „Es gehört meiner Frau“, sagt Geschäftsführer Günter Porth. Der Ärger nistet schon lange im Gemäuer. „Mit unseren Anliegen werden wir hingehalten“, sagt Marthe Schönewald, die eine Etage unter Anna Schulz wohnt. „Das hat System. Man ist so ohnmächtig als Mieter.“

Mit den Mails in der Warteschleife

Der Zwist geht weit über „Klassiker“ hinaus wie den Streit um die Frage, wer für Schimmel in der Dusche verantwortlich ist. Obwohl auch der an den Nerven der Mieter zerrt. „Wir haben am 16., 24. und 30. September sowie am 3., 9. und 16. Oktober per Mail auf das Problem hingewiesen“, berichtet Anna Schulz. „Erst dann kam eine Antwort: Wir seien selbst schuld. Dann hieß es, ein Hausmeister werde geschickt. Doch gedauert hat es bis zum November.“ Schon nach einem Wasserschaden über den Jahreswechsel 2015/16 habe es fünf Mails gebraucht, bis Trocknungsgeräte aufgestellt worden seien.

Günter Porth kann „nicht nachvollziehen“, dass sich Bewohner der Frommestraße 7 vernachlässigt fühlen. „Mieter sind für uns ein wertvolles Gut.“ Für die Immobilienverwaltung innerhalb der Porth-Gruppe ist die 1978 gegründete Bauträger- und Wirtschaftsberatungs-Gesellschaft mbH zuständig. Für gut 200 Liegenschaften sei man verantwortlich, heißt es auf der Website der Gruppe. Dabei sei „ein ganzheitlicher Blick auf die Immobilie gewährleistet. … So entwickelt unser Fachpersonal individuelle Strategien, um Immobilien stetig zu optimieren“, verspricht der Internetauftritt.

Foto: t&w –
Wohngemeinschaft in der Frommestraße hat Probleme mit ihrem Vermieter Porth .
Anna Schulz, Marthe Schönewald und Michael Neumann haben nicht das Gefühl, in einem optimierten Haus zu leben. Eher an der Abbruchkante, wo Investitionen als nicht mehr lohnend betrachtet werden. „Bei unserem Einzug im Oktober 2015 wurde uns zugesagt, dass der Balkon über uns – der von Anna – überprüft wird“, berichten Marthe Schönewald und Michael Neumann. „Überall hingen lose Bretter runter.“ Als über Monate nichts geschah, schrieb das Paar am 25. Juli 2016 eine Mail, in der es auf die Gefahren hinwies. Die Bretter wurden entfernt. Nun bröckelte der Beton. „Die Stücke wurden immer größer“, sagt Marthe Schönewald.

Fast zwei Jahre später, am 30. Mai 2018 schlug sie nochmal Alarm. „Daraufhin sollte sich ein Statiker den Balkon ansehen. Es kam aber ein Verwalter der Porth-Gruppe.“ Die Hausverwaltung verpasste dem Balkon ein Schild, dass dieser nicht mit mehr als 150 Kilo pro Quadratmeter belastet werden dürfe. Grund: Tragende Träger seien verrostet. Anna Schulz: „Das war für uns ein Schock. Kurz zuvor hatten wir noch mit mehreren Leuten eine Party darauf gefeiert.“ Im April 2019 sei dann die Anweisung gekommen, den Balkon freizuräumen. „Im Mai kamen die Handwerker dann“, so Anna Schulz. Seitdem hängt das Baustellen-Schild an ihrer Tür. „Im Juni rief mich dann Marthe auf der Arbeit an: Dein Balkon wird abgerissen“, erzählt Anna Schulz, „das Ganze natürlich ohne Vorwarnung.“

Günter Porth sieht sich nicht in der Verantwortung für die Dauerbaustelle Balkon: „Es ist wegen des Denkmalschutzes langwierig, Genehmigungen für den Abriss zu erhalten. Zudem kriegt man derzeit kaum Handwerker.“

Das könne kein Problem gewesen sein, wundert sich das Trio aus der Frommestraße. „Den Abriss haben die firmeneigenen Handwerker bewerkstelligt, auf einem wackligen Gerüst ohne Sicherung“, sagt Michael Neumann. „Fachfirmen von außen werden ohnehin selten eingesetzt.“

Vom neuen Balkon wissen die Mieter nichts

„Falsch“, kontert Günter Porth. „wir verwalten viele Objekte und greifen auf ortsansässige Handwerker zurück.“ Ohnehin neige sich die balkonlose Zeit nun dem Ende zu. „Das Haus bekommt einen Stahlbalkon, der aufwändig mit der Wand verschraubt wird. Das ist ein echter Mehrwert, das wird schön.“
Eine Neuigkeit, die die Mieter gerne auch vom Vermieter erfahren hätten. „Doch es kam keine Info, obwohl uns genau das zugesagt worden war“, sagen Anna Schulz und Michael Neumann. Beide wären froh, wenn sie für ihre 1105 beziehungsweise 1060 Euro Kaltmiete wieder eine verputzte Fassade hätten. „So dringt Feuchtigkeit ein.“

Geht Neumann in den Keller, nimmt er ein Handy mit. Allzu bedrohlich wirken die Risse in den Wänden. Noch mehr Angst hatten die drei aber 2018 vor einer unsichtbaren, aber tödlichen Gefahr.

„Meine Heißwassertherme tropfte. Sechs Wochen geschah nichts. Am Ende mussten wir in sechs Stunden zwei Eimer leeren, in der Nacht deshalb den Wecker stellen“, sagt Anna Schulz. Zwei Firmen rieten zur Installation einer neuen Therme. Am Ende beseitigten Porth-Handwerker das Tropfen.

„Anfang Juni 2018 schlug der Schornsteinfeger Alarm“, erinnert sich Anna Schulz. „Der Kohlenmonoxid-Ausstoß der Therme war so erhöht, dass wir Fenster und Türen andauernd offen lassen sollten.“ Am 18. Juni reparierte eine Fachfirma die Therme, habe darauf hingewiesen, dass diese seit Jahren nicht gewartet worden sei. Anna Schulz legte Einspruch gegen die Betriebskostenabrechnung ein, in der ihr die Wartung in Rechnung gestellt worden war. Die Immobilienverwaltung antwortete ihr in einem Brief: „Dass die Wartung in den Jahren zuvor nicht ausgeführt wurde, ist vermutlich korrekt, dieses sollte aber durch den Vormieter beauftragt werden.“

Dass seine Mieter sich selbst um die Thermen-Wartung kümmern müssen, sei die Ausnahme, sagt Günter Porth: „Meist lösen wir das aus. Bei dem Thema sind wir hochgradig sensibilisiert.“

Die Gefährdung der Mieter durch das hochgiftige Gas Kohlenmonoxid bestreitet er: „Die Therme ist in dem Jahr drei Mal ohne Beschwerde abgenommen worden.“ Und er legt nach: „Wir pflegen unsere Bestände. Sind die Wohnungen nicht in vernünftigem Zustand, kriegst du keine Mieter.“
Oder man verärgert die, die man bereits hat. „Wir wünschen uns lediglich einen Austausch auf Augenhöhe“, sagt Marthe Schönewald, „stattdessen werden wir für dumm verkauft.“

Von Joachim Zießler