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Unter anderem wegen schweren Raubes müssen sich die Drogenabhängigen Nadine G. (in gelb) und Alexander K. (r.) verantworten. Daneben sitzen ihre Anwälte Cornelia Kofalk und Ralf Pagels. Foto: be

Schon als Zwölfjährige Heroin geraucht

Lüneburg. Trieb die Angst vor dem „Affen“ die Angeklagten dazu, ein befreundetes Pärchen zu überfallen und auszunehmen? Den ersten „Affen“, wie Süchtige schwerste Entzugserscheinungen nennen, hatte Nadine G. (38) mit 14 Jahren gehabt. Und Alexander K. (36) flüchtete auch schon als Jugendlicher vor den Hänseleien der Mitschüler in den Rausch. Der Psychiater Dr. Frank Wegner zeichnete vor dem Lüneburger Landgericht nach, wie Drogen die Leben zweier Menschen entgleisen ließen. Und wie verheerend der Siegeszug der Benzodiazepine in der Junkie-Szene sei, weil die Entzugssymptome der Beruhigungsmittel extrem hart seien und so den Druck auf den Süchtigen erhöhten, sich den nächsten Kick zu holen.

Bei Überfall „wie in Trance“

„Mir wurde gesagt, in der Wohnung lägen Koffer voller Tabletten“, antwortete Alexander K. auf die Frage, warum er zusammen mit Nadine G. und zwei Russlanddeutschen in die Wohnung eines befreundeten Paares eingedrungen sei. Michael O., sein – mittlerweile verstorbenes – Opfer, hatte vor einigen Wochen vor der 2. großen Strafkammer noch ausgesagt: „Ich vermute, dass Alexander etwas drin gehabt haben muss, sonst hätte er nicht mitgemacht.“ Nadine G. hatte auf ihn bei dem Überfall, bei dem sie mit einem Küchenmesser gedroht haben soll, „wie in Trance gewirkt“. Kaum verwunderlich. Auf Frühstück hatte Alexander K. am Tattag verzichtet, den Magen dafür mit fünf Halbliter-Bieren, Wodka, Kokain sowie einigen Subutex- und vier Ritrovil-Tabletten gefüllt. Nadine G. meinte, einen ähnlichen Drogenmix konsumiert zu haben. Zwei Russlanddeutsche, deren Namen sie vorgeben, nicht zu kennen, hätten dann die Überfallenen eingeschüchtert: „Gibt ’ne Kugel in den Kopf, wenn Du nicht 50 Euro gibst.“ Alexander K. sackte Bargeld, Handy und Tablet ein, wie er vor der Polizei und auch vor dem Gericht gestand. Der mit dem Messer über ihrem Kopf herumfuchtelnden Nadine G. habe er noch gesagt: „Lass das mal sein.“ Grund: Kurz zuvor war er Zeuge einer tödlichen Messerstecherei geworden. Dann floh er.

Nadine G. bestreitet trotz gegenteiliger Zeugenaussagen, in der Nacht zum 18. Juli zum Messer gegriffen zu haben und auch, Stunden zuvor einen Bekannten mit einem abgebrochenen Bierflaschenhals verletzt zu haben. Ob ihre Mandantin sich vielleicht wegen des Konsums von Ritrovil nicht mehr an das Geschehen erinnern könne, wollte Rechtsanwältin Cornelia Kofalk vom Sachverständigen wissen. Immerhin werde das Anti-Epileptikum nach dessen Aussage von der US-Army eingesetzt, damit verwundete Soldaten sich nicht mehr an Traumatisierendes erinnern. „Möglich, aber unwahrscheinlich, da sich Nadine G. an das gesamte übrige Geschehen erinnere“, antwortete Dr. Wegener.

„Die Drogensucht war stärker als ich“

Beiden Angeklagten attestierte der Psychiater die Chance, durch eine zweijährige Therapie in einer Entziehungsanstalt von ihrer Sucht geheilt zu werden. „Passiert das nicht, drohen erneute Straftaten“, sagte er und rekonstruierte ihren Werdegang: Nadine G. habe eine behütete Kindheit gehabt. Ein Schulwechsel brachte sie auf die schiefe Bahn, als Mitschüler der Zwölfjährigen Heroin auf Alufolie zum Rauchen anboten. Die Sucht nach dem „sehr angenehmen Gefühl“ stillte sie in den Folgejahren mit Heroin, Kokain, Speed, Benzodiazepinen. Finanziert habe sie die Drogen mit dem Diebstahl hochwertiger Parfüme. Jetzt sei ihr Ziel: „Ich will irgendwann meinen Kindern eine gute Mutter und nicht mehr drogenabhängig sein.“

Ein Ziel, dem Alexander K. bisher in mehreren Therapien nicht näher kam. „Die Drogensucht war stärker als ich und stärker als die Angst vor dem Gericht.“ Als Kind habe er selbst unter dem alkoholkranken Vater gelitten. Nach der Übersiedlung von Kasachstan nach Bleckede sei er dort als „Russe“ gehänselt worden. Die Flucht in die Drogen sei in seiner späteren Kaltenmoorer Clique leicht gewesen. 1,50 Euro zahle er auf dem Schwarzmarkt für eine Tablette, 30 Euro für drei Gramm Heroin. Wer sich selbst nicht ändern kann, wünscht sich oft eine geänderte Umwelt. So möchte Alexander K. eine Therapie nicht in Lüneburg machen, aus Angst, wieder in die alte Szene zurückzurutschen. „Ich kenne allein in Lüneburg zwanzig Dealer. Die sollte man endlich wegfangen.“

Von Joachim Zießler