Aktuell
Home | Lokales | Friesen leisten ganze Arbeit

Friesen leisten ganze Arbeit

Lüneburg. Brando und Alex haben die Ruhe weg. Sie lassen sich nicht davon beunruhigen, dass Jens Bußmann hinter ihnen die Motorsäge anschmeißt. Auch nicht davon, dass er ihnen einen zwei Meter langen Baumstamm an eine Eisenkette hinten an ihr Geschirr hängt. Die beiden Pferde sind Gewicht und Geräusche gewohnt: Im Sommer laufen sie vor der Kutsche. Aber jetzt haben sie eine neue Aufgabe: Sie sollen Holz aus dem Wald transportieren, das mit Maschinen nicht geborgen werden kann. „Pferderückerei“ nennt sich diese Art von Bewirtschaftung, die nun zum ersten Mal auch im Lüneburger Forst zum Einsatz kommt.

Arbeiten soll der Pferderücker Jens Bußmann mit seinen beiden Friesen vor allem dort, wo der Untergrund zu nass für die Maschinen ist. „Wir haben hier im Waldgebiet Böhmsholz das Flora Fauna Habitat Ilmenau und Nebenflüsse und das Naturschutzgebiet Hasenburger Bachtal“, erklärt Lüneburgs Stadtförster Per-Ole Wittenburg. Allein die Namen würden zeigen, dass es sich um feuchte, sumpfige Gebiete handelt. „Da würden die Maschinen versinken oder stecken bleiben.“

Stadtförster Per-Ole Wittenburg. Foto: phs

Außerdem schont die Pferderückerei den Boden, da die Tiere diesen viel weniger verdichten. „Die Maschinen sind deutlich schwerer und dürfen deshalb nur auf den sogenannten Rückegassen fahren, um den Boden nicht zu sehr zu beschädigen“, meint Wittenburg. Denn im Flora Fauna Habitat Ilmenau und im Naturschutzgebiet Hasenburger Bachtal gelte das Verschlechterungsverbot: „Wir dürfen den Wald bewirtschaften, aber nicht zu seinem Nachteil.“

Förster sieht guten Beitrag für Naturschutz

Die Pferde sollen deshalb den Maschinen zuarbeiten, sie aber nicht vollständig ersetzen. In Zukunft wird es eine Kombination aus Tier und Maschine geben. Die soll folgendermaßen funktionieren: Jens Bußmann hängt gefällte Baumstämme, die in sogenannten Korridoren zwischen zwei Rückegassen liegen, hinter seine Pferde. Die Tiere ziehen das Holz bis zur nächsten Gasse, dort wird es gestapelt und von Maschinen eingesammelt.

„Bisher mussten wir mit sogenannten Seilschleppern das Holz aus den Korridoren auf die Rückegassen schleppen“, verdeutlicht Wittenburg. Dieses Vorgehen wird weiter in einigen Fällen zum Zuge kommen, denn: „Manche Gebiete sind zu uneben, um die Pferde hineinzulassen. Außerdem können sie nur Bäume bis etwa zwei Tonnen ziehen.“ Im Stadtforst gibt es auch Bäume mit 7 bis 8 Tonnen Gewicht.

Die Arbeit mit dem Seilschlepper sei aber wahnsinnig anstrengend, sagt Wittenburg. „Ein Pferd hat zwar nur ein Zehntel der Geschwindigkeit einer Maschine, aber in diesem Fall erleichtert es die Arbeit enorm.“

„Pferde möchten sich bewegen“

Zwei bis drei Wochen wird Jens Bußmann nun mit seinen Friesen bei Böhmsholz tätig sein, dann wird eine andere Stelle bewirtschaftet. Jeden Morgen kommt er mit der Kutsche aus Häcklingen, eine Dreiviertelstunde braucht er dafür. Dann können die Tiere vier bis fünf Stunden am Tag arbeiten – natürlich mit Pause. „Das Gute an Pferden ist: Sie sind von Natur aus nicht faul. Sie möchten sich bewegen“, weiß Bußmann. Außerdem beanspruche die Arbeit die Pferde nur wenig. „Für die ist das eher wie ein Spaziergang.“

Stadtförster Per-Ole Wittenburg betont: „Die Etablierung der Pferderückerei ist ein Pilotprojekt.“ Im nördlichen Niedersachsen gibt es nur etwa drei Pferderücker, vermutet er, einer davon arbeitet für den Stadtforst Uelzen. „Leider ist das ein Job für Idealisten.“ Da die Arbeit im Wald nur ein paar Monate im Jahr anfällt, müssen sich Pferderücker eine andere Einnahmequelle suchen. Zum Beispiel die Kutschfahrten im Sommer. „Es wäre trotzdem schön, wenn sich mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden und auch von der Politik mehr Unterstützung dafür aufkommen würde.“

Denn Pferderückerei, ist sich Wittenburg sicher, leistet einen guten Beitrag zum Naturschutz. „Da nehmen wir auch die etwa 40 Prozent Mehrkosten in Kauf.“

Von Lilly von Consbruch