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Kai Hessemer arbeitet eigentlich für ein Immobilienunternehmen und wohnt in Bremen. Für die Roten Rosen aber kommt er immer wieder mal nach Lüneburg, zuletzt war er als Statiker zu sehen. Foto: be

Unverzichtbar und doch stets eine Randfigur

Lüneburg. Für die Handlung sind sie im Grunde unwichtig. Sie laufen stumm durchs Bild, während die Protagonisten im Park plaudern, nippen im Café am Nebentisch an ihrem Cappuccino, während sich zwei Meter weiter das nächste Drama anbahnt, dürfen im Käseladen kurz eine Bestellung aufgeben, um den Hauptfiguren vor dem Übergang zur nächsten Szene noch Gelegenheit zur Reaktion zu geben: Komparsen haben stets eine untergeordnete Nebenrolle im Fernsehen. Staffage. Auch bei den Roten Rosen. Aber dennoch unverzichtbar, schon um das fiktive Geschehen realitätsnah zu gestalten. Denn welcher Zuschauer würde nicht stutzig, wenn Alex und Judith ständig im menschenleeren Café streiten oder Astrid lediglich eine Handvoll Kunden hätte?

1700 Personen in der Datenbank

Die Komparsen bilden die größte Gruppe im Team der Rosen. Das liegt daran, dass die Fernsehleute ständig frische Gesichter brauchen, die dann aber meist nur für wenige Sekunden zu sehen sind. Bei täglich 48 Sendeminuten und inzwischen 3045 gezeigten Folgen kommt da eine Menge zusammen. „Pro Woche kommen etwa 70 Komparsen zum Einsatz“, sagt Daniela Behns, Pressesprecherin der Produktion. „Wir haben 1700 Personen in der Datenbank, von Jung bis Alt, Lüneburger wie Auswärtige, dazu 2000 Facebookfreunde.“ Denn wenn die Handlung etwas Spezielles verlangt, einen Clown zum Beispiel, Cheerleader oder einen Shantychor, sei durch die hohe Reichweite dort die Wahrscheinlichkeit größer, etwas Passendes zu finden

Für den Einsatz von Komparsen gibt es klare Regeln, die der gesetzliche Rahmen bestimmt. So dürfen die Stichwortgeber maximal 17 Mal pro Jahr eingesetzt werden. „Es gibt schon immer 20 bis 30 Personen, die diese Zahl erreichen, vor allem Kellner und Hotelangestellte“, erläutert Daniela Behns, die einst selbst für die Komparsenbetreuung verantwortlich war. Selbstredend werden auch die Kurzauftritte finanziell entlohnt, doch das ist in den seltensten Fällen der Grund für das Mitwirken. Oft sind es Fans, die sich extra frei nehmen, um einmal an der Seite ihrer Lieblinge in ihrer Lieblingsserie mitwirken zu können, oder auch Lüneburger, die es durchaus reizvoll finden, wenn das eigene Antlitz plötzlich auf Millionen Bildschirmen zu sehen ist.

Kai Hessemer ist seit dreieinhalb Jahren immer mal wieder bei den Rosen zu sehen. Die Maximalzahl der Auftritte erreicht er nie, aber auf sechsmal im Jahr bringt er es schon. Gerade hat er einen Statiker gespielt, der kurz auf einer wegen Senkungsgefahr gesperrten Baustelle zu sehen war. Zuvor gab er mal einen Arzt, mal einen Fotograf und auch einen Reporter. Fast immer blieb er stumm, wenn er doch mal Text hatte, „dann nur ganz wenig“. Für den 55-Jährigen spielt das aber auch keine große Rolle, so oder so bereiten ihm die kurzen Stippvisiten im Studio, für die er ex-tra aus Bremen nach Lüneburg kommt, Vergnügen. „Ist so ein Hobby von mir“, sagt er, „ich habe mich schon früher für Super-8-Filme interessiert und selbst Spielfilme gedreht, außerdem in den 80ern mal beim NDR gearbeitet.“

Zeitweise besaß er vier Rolls Royce parallel

Sein beruflicher Werdegang aber führte ihn in eine ganz andere Richtung. Er wurde Banker, hat zwanzig Jahre im Ausland gelebt, davon vier auf den Cayman Islands. Ein lukratives Geschäft offenbar, denn es finanzierte seine andere große Leidenschaft – die Autos: Zeitweise habe er vier Rolls Royce parallel besessen, jeder einzelne mit einem Wert im sechsstelligen Bereich, darunter einen 66er Silver Wraith, der auch in oscarprämierten Filmen wie „Arthur – Kein Kind von Traurigkeit“ zu sehen war. „Damit war ich bei zig Ausstellungen, er hat viele Preise gewonnen“ sagt Hessemer, der aktuell umgestiegen ist: „Ich fahre jetzt einen Bentley Turbo R, aber nicht, um aufzufallen, vielmehr interessiert mich die Geschichte eines Autos.“

Eineinhalb Stunden fährt Hessemer, inzwischen für ein großes Immobilienunternehmen tätig, jedesmal nach Lüneburg für ein paar Sekunden Bildschirmpräsenz, dieselbe Zeit zurück. Viel Aufwand, den er aber gern in Kauf nimmt, weil er längst auch ein großer Fan der Serie ist: „Ich gucke jede Folge.“ Zudem sei das eine nette Abwechslung zu seinem beruflichen Alltag. „Runterkommen, ein bisschen Fernsehluft schnuppern, das genieße ich.“

Wer Interesse hat, selbst mal als Komparse bei den Rosen mitzuspielen, kann sich per E-Mail unter komparsen@rote-rosen.tv melden, verantwortlich für diesen Bereich ist Nicolas Stöcken.

Von Alexander Hempelmann