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Volker Bescht ist wieder zu Hause in Oerzen. Viele Jahre hat sich der pensionierte Brigadegeneral im Rahmen der deutschen Entwicklungshilfe in Afghanistan engagiert. Foto: t&w

Der Ruf des Hindukusch

Oerzen. Der Wunsch des LZ-Redakteurs bringt Volker Bescht fast ein wenig in Bedrängis: „Ich habe eigentlich nichts in meiner Wohnung, was mich an meine Zeit in Afghanistan erinnert“, sagt der Brigadegeneral a.D. Für das obligatorische Foto muss also ein anderes Motiv gefunden werden. Eine Zeichnung, die im Wohnzimmer des Hausherren hängt und die eine Reiteraufstellung von 1722 mit King George, dem englischen König, zeigt. Das hat auch was Militärisches. Schließlich bestimmte die Bundeswehr das berufliche Leben des gebürtigen Bevenseners, führte ihn unter anderem auf den Balkan, nach Afrika und nach Afghanistan. Erfahrungen, die den Brigadegeneral a.D. geprägt haben – weit über sein Dienstzeitende hinaus.

Im Dienst der Entwicklungshilfe

2013 wurde Volker Bescht pensioniert, aber Afghanistan hat den heute 68-Jährigen nie losgelassen. Viereinhalb Jahre – bis September 2019 – war er erneut am Hindukusch im Einsatz. Jetzt aber in ziviler Mission im Rahmen der Entwicklungshilfe. Zunächst als Regionalmanager für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dann als „Director Risk Management Office“ für die GIZ und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) in Kabul.

Denn für den ehemaligen Kommandeur der Luftlandebrigade 26 war immer klar: „Das Opfer unserer gefallenen Soldaten in Afghanistan darf nicht vergebens gewesen sein!“ Das habe er den Angehörigen der gefallenen Kameraden versprochen: „Ich werde alles dafür tun, damit der Tod der Soldaten nicht umsonst war!“ Diese klare Haltung ist es auch gewesen, die die GIZ auf den ehemaligen Soldaten aufmerksam werden ließ.

Eine andere Auffassung von Sicherheit

Aber kann das gutgehen, wenn ein ranghoher ehemaliger Offizier plötzlich als Vorgesetzter ziviler Kräfte das Sagen hat? Volker Bescht schmunzelt: „Es war ein Lernprozess für beide Seiten“, sagt der Oerzener. Er war unter anderem in Afghanistan auch für die Sicherheit der zivilen Mitarbeiter verantwortlich, hat als „Head of Risk Management Office“ der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Afghanistan das Risikomanagement bewertet, neu strukturiert und geleitet. Aber nicht immer waren die Vertreter des – so O-Ton Bescht – „Birkenstock-Geschwaders“ mit seinen Entscheidungen einverstanden: „Die hatten zuweilen eine andere Auffassung von Sicherheit“, sagt Bescht.

Seit 18 Jahren ist die Bundeswehr am Hindukusch im Einsatz und ist – neben den USA – der zweitgrößte Truppensteller. Auch finanziell engagieren sich die Deutschen – „mit jährlich 430 Millionen Euro“, rechnet Bescht vor. Da stellt sich schnell die Frage, was der Einsatz nach fast zwei Jahrzehnten gebracht hat, beziehungsweise bringt: Bescht nennt Fakten: „Früher lag der Anteil der Analphabeten bei 70 Prozent, heute bei 40 Prozent.“ Vor allem die Mädchen und Frauen in Afghanistan würden von der westlichen Aufbauhilfe und Unterstützung profitieren: „Ihr Anteil an den Analphabeten sank von 90 auf 50 Prozent.“

Taliban kontrollieren die Hälfte der Provinzen

Doch Bildung weckt auch Erwartungen: Wer gut ausgebildet ist, sucht auch einen entsprechenden Job – „und die gibt es zurzeit noch vorrangig im Ausland“. Wer die Fachkräfte in Afghanistan halten möchte, muss Infrastruktur auf- und ausbauen. „70 Prozent des Bruttoinlandproduktes speist sich aber immer noch aus Geldern der westlichen Geberstaaten.“

Bereits 2014 hatte die internationale Gemeinschaft angekündigt, nach zwölf Jahren Kampfeinsatz ihre ISAF-Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Die Verantwortung für ihre Sicherheit sollten die Afghanen dann selbst tragen können. Doch davon ist die afghanische Armee weit entfernt: Von 34 Provinzen haben in mehr als der Hälfte wieder die Taliban die Herrschaft übernommen“, mahnt Bescht. Die angespannte Sicherheitslage, Korruption, Kriminalität, Rauschgifthandel und die ungeklärten Eigentumsverhältnisse nennt er als größte Herausforderungen für die Afghanen.

EU hat kein Gesamtkonzept

Kritik übt Bescht am fehlenden Gesamtkonzept der EU für Afghanistan – „und wenn ich ehrlich bin, vermisse ich das auch auf deutscher Seite“, sagt Bescht. Den Zeitpunkt des vollständigen Truppenabzugs habe die Bundesregierung 2014 verpasst. Trotzdem hält Bescht das Engagement in Afghanistan auch künftig für sinnvoll – „aber es braucht ein Gesamtkonzept für die Region“, rät der Experte. Und er empfiehlt, finanzielle Zusagen für Projekte künftig besser zu koordinieren und zu kontrollieren. Dazu müsse auch nicht jedes Mal ein GIZ-Mitarbeiter vor Ort nach dem Rechten schauen – mit dem Einsatz von Drohnen lasse sich auch überprüfen, ob das Geld tatsächlich dafür eingesetzt wird, wofür es beantragt wurde – etwa für den Aufbau der Infrastruktur, den Bau von Brunnen-, Schulen oder Krankenhäusern. Doch das sind Herausforderungen, die künftig andere meistern müssen: „Irgendwann ist auch mal gut!“, sagt Bescht zum Abschluss.

Von Klaus Reschke