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Bibelforscher Dr. Wolfgang Schellmann übergab die Bibeln in die Hände von Georgina Mozzin, Restauratorin im Stadtarchiv. Foto: t&w

Bestseller aus Lüneburg

Lüneburg. Stolz und Reichtum Lüneburgs sind nicht nur auf Salz gebaut. Seit 1580 ist Lüneburg auch eine Stadt des Buches und bis heute Sitz der weltweit älteste n in Familienbesitz befindlichen aktiven Druckerei. Mit Bibeln errang die von Stern’sche Druckerei im 17. und 18. Jahrhundert im deutschen Raum, in Skandinavien, im Baltikum und weit darüber hinaus herausragende Bedeutung. Jetzt hat die Ratsbücherei einen Bücherschatz zur Geschichte des Lüneburger Bibeldrucks erhalten. Möglich machten das ein Sammler und Bibelforscher, die Sparkassenstiftung Lüneburg und die von Stern‘sche Familienstiftung.

„Es ist davon auszugehen, dass mindestens eine halbe Million Bibeln über den Platz Am Sande in die damalige Welt hinausging“, sagt Dr. Wolfgang Schellmann. Seit gut vierzig Jahren forscht der Lüneburger, wie die Bibel zum größten Bestseller aller Zeiten wurde, wie Verlage um Marktanteile kämpften – mit immer neuen Ideen eines an Zeit und Umfeld angepassten Marketings.

Kulturhistorische Bedeutung unterschätzt

„Die Lüneburger Sterne sind im 17. Jahrhundert die mit Abstand innovativsten Drucker und Verleger auf einem heiß umkämpften Markt mit mörderischer Konkurrenz. Keiner hat die Bibel in so vielen Varianten gedruckt, die Sterne spielten 200 Jahre ganz oben mit“, lautet eine Erkenntnis des Bibelforschers. 170 Auflagen Stern‘scher Bibeln habe er bis heute nachweisen können. Die kulturhistorische Bedeutung des Lüneburger Bibeldrucks werde bis heute völlig unterschätzt.

Mit der Weitergabe seiner Sammlung möchte Dr. Schellmann einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte des Bibeldrucks in Lüneburg ins Licht zu rücken. In einem Punkt trafen sich das weiße Gold der Saline und die schwarze Kunst der Drucker: „Die Lüneburger Fassbauer lebten nicht nur von der Saline“, sagt Dr. Schellmann. Fässer seien die einzige Möglichkeit gewesen, Papier trocken zu transportieren.

„Ein großartiges Geschenk“

„Es macht uns stolz, diesen Schatz übernehmen zu können“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Mädge bei einem Empfang auf der Rathausdiele. Ähnlich sortiert Dr. Thomas Lux, Leiter der Ratsbücherei, die Übergabe ein: „Für die Ratsbücherei ist es ein großartiges Geschenk, das ideal zu unserem bedeutenden Altbestand mit Klosterhandschriften, Sachsenspiegel, Orgeltabulaturen und vor allem zu unseren frühneuzeitlichen Drucken passt.“ Die 180 Exemplare zur Geschichte der Stern‘schen Bibeln sollen nicht in den Archiven der Ratsbücherei verstauben. Für sie werden im Kreuzgang auf etwa 20 Metern Länge Regale gebaut. Öffentlich jederzeit zugänglich werden sie wegen ihres Werts und aus konservatorischen Gründen aber nicht.

Dr. Schellmann engagiert sich mit Dr. Lux dafür, dass es bessere Möglichkeiten gibt, direkt in der Ratsbücherei themenbezogene Forschung betreiben zu können.

„Geschichte unserer Stadt“

„Als Sparkassenstiftung freuen wir uns, die Sammlung von Dr. Schellmann in und für Lüneburg erhalten zu können. Die Ratsbücherei ist der beste Ort, um diesen Schatz zur Geschichte unserer Stadt zu hüten und zugleich Interessierten zugänglich zu machen“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Carsten Junge.

Eingebunden ist die Treuhandstiftung der Familie von Stern. In 14. Generation verantwortet Christian von Stern die Druckerei, die seit 1946 vor allem für den Druck der Landeszeitung tätig ist. Dr. Schellmanns Akribie sei ein Glücksfall, so von Stern. „Die Weitergabe der hervorragenden Schellmann‘schen Sammlung sehe ich als Ansporn und Verantwortung für unsere Familie, unseren Teil für einen lebendigen Umgang mit der Geschichte unserer Stadt beizutragen.“

Von Hans-Martin Koch

Kommentar

Weißes Gold und schwarze Kunst

Von Hans-Martin Koch

Wird Lüneburgs Geschichte erzählt, dann handelt sie zu Recht in erster Linie vom Salz. Das Deutsche Salzmuseum zeigt am Originalort mit großem Erfolg, wie das weiße Gold die Stadt reich machte. Weit länger als Dornröschen aber schläft eine zweite Geschichte. Die Hansestadt zählte über mindestens zwei Jahrhunderte zu den weltweit führenden Städten für den Bibel- und damit für den Buchdruck. Dass die lange im Herzen der Stadt, Am Sande, ansässige von Stern‘sche Druckerei bis heute aktiv ist und das in 14. Generation, öffnet zugleich die Möglichkeit, Mediengeschichte von frühem Druck bis ins Digitale darzustellen – anschaulich, informativ und attraktiv. Es gibt auch einen Ort dafür. Sollte das Museum Lüneburg irgendwann in überschaubarer Zeit an einem neuen Konzept feilen und ein Kernthema suchen, das griffiger ist als das jetzige Motto „Natur – Mensch – Kultur“, hier liegt ein Schlüssel. Einen Grundstock zur Stern‘schen Druckerei besitzt das Museum schon. Weißes Gold und schwarze Kunst, das wäre doch ein wunderbarer Zusammenklang, um Lüneburgs kulturhistorische Geschichte offensiver sichtbar zu machen. Müssten nur noch die beiden Museen wirklich zusammenarbeiten, aber das ist ein anderes Thema.