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Stuckdecke
Die Restauratorin Inga Blohm (l.) und Petra Novotny befreien die Ornamente der Stuckdecke von Farbschichten, die im Laufe der Jahrhunderte aufgetragen wurden. (Foto: t&w)

Stuck für Stuck zu altem Glanz

Lüneburg. Es ist ein wahrer Schatz, der unter einer dicken Farbschicht schlummert. Die tragen die Restauratoren Inga Blohm und Markus Tillwick sowie deren Mitarbeiterin Petra Novotny mit Skalpellen ab. Zentimeter für Zentimeter legen sie die „angeteigten“ Ornamente einer Stuckdecke frei, die vermutlich zurückgeht auf Anfang des 18. Jahrhunderts. Dass sie aufwändig restauriert wird, ist Sandra Hiemer und Wolfgang Gremme zu verdanken. Sie haben eine Wohnung in der ehemaligen Musikschule erworben und sanieren diese im Rahmen des gemeinschaftlichen Wohnprojekts, das hier mehrere Baugruppen umsetzen.

Geschichte des Gebäudes reicht zurück bis 1447

Der Kernbau des denkmalgeschützten Gebäudeensembles An der Münze/Katzenstraße geht auf 1447 zurück – heute An der Münze 7. Dieser erhielt in der Zeit von 1594 bis 1597 zwei Flügelbauten, entlang der Straße An der Münze sowie an der Katzenstraße, erläutert Cornelia Abheiden von der Denkmalpflege der Stadt Lüneburg. Im 18. Jahrhundert entstand im Innenhof ein Anbau. „Eine Inschrift an diesem Gebäude besagt, dass es 1754 renoviert wurde.“ Experten gehen davon aus, dass der Anbau bereits Anfang des 18. Jahrhunderts entstand und in dieser Zeit auch die Stuckdecke.

Die hatte es der Hamburger Kunsthistorikerin Hiemer speziell angetan, „deshalb haben wir die Wohnung erworben“. Ihr Partner Wolfgang Gremme hatte den Gebäudekomplex vor Jahren bei einer Musikveranstaltung im Innenhof in Augenschein genommen. Als die Alte Musikschule in das neue Gebäude umzog, erwarb die Lübecker Projektentwicklergesellschaft Conplan den Komplex, um dort gemeinschaftliches Wohnen zu realisieren. Fast wäre eine andere Bewerberin bei der Wohnung zum Zuge gekommen, doch die sprang ab. Zur Freude der beiden Hamburger können sie nun historische Lüneburger Räume zu neuem alten Leben erwecken.

Imposante Decken-Inszenierung

Wie der Raum mit der Stuckdecke einst genutzt wurde, dazu hat Sandra Hiemer Nachforschungen betrieben – nachzulesen auch in der Publikation „Aufrisse 2019“ des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt. Im Zimmer stehend, berichtet sie: Anfang des 18. Jahrhunderts hat eine Patrizierfamilie den Raum mit der „imposanten Decken-Inszenierung“ für repräsentative Zwecke genutzt. Ein Jahrhundert später residierte dort Bürgermeister Johann von Dassel mit Familie. Nachdem er den Gebäudeteil an die Stadt verkauft hatte, wurde 1856 dort die erste städtische Bürgerschule eröffnet. Ab 1967 zog in den Komplex die Musikschule ein, im Stuckdecken-Raum fand Unterricht statt. Zurück zum Ursprung heißt es nun, wenn hier wieder Wohnraum entsteht.

Bevor die Restauratoren mit ihrer Arbeit begannen, dokumentierten sie den Zustand der Decke, die Markus Tillwick als „künstlerisch hochwertig“ bezeichnet. Ursprünglich sei sie farbig gefasst gewesen. „Von der Originalfarbe ließen sich aber nur noch geringe Spuren eines roten Pigments nachweisen.“ Auf das Ornamentdekor seien im Laufe der Jahrhunderte mehrere einfarbige Anstriche gekommen. Die werden nun abgetragen. Danach werden einzelne Stuckelemente verschraubt, Risse geschlossen und fehlende Ornamente eingearbeitet, schildert Tillwick. Gestrichen wird in gebrochenem Weiß.

Glitzereffekt wie in der Disco

Allerdings – und das macht die Stuckdecke einmal mehr zum Besonderen: Das umlaufende Band wird ausgelassen. Ein Blick nach oben lässt erkennen warum: Die inzwischen freigelegte Deckenrahmung enthält Glassteinchen und Glassplitter. „Dabei handelt es sich um einen beabsichtigten Glitzereffekt. Dieser dürfte im Kerzen- oder Fackellicht einen Leuchteffekt, vergleichbar einer Discokugel, erzeugt haben.“ Laut Sandra Hiemer waren solche Lichtinszenierungen im Barock sehr beliebt, „allerdings eher im Außenbereich, außergewöhnlich ist, dass dies im Innenbereich geschah“.

Voraussichtlich noch zwei Monate werden die Restauratoren zu tun haben, bis die alte Glitzer-Decke in neuem Glanz erstrahlt. „Es ist für uns als Denkmalpflege ein Segen, dass dieser Raum mit der Stuckdecke in seiner Ursprünglichkeit erhalten wird“, sagt Cornelia Abheiden. An den Kosten für die Restaurierung beteiligen sich der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege sowie die Baugruppe Münze GbR.

Von Antje Schäfer