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Kinder haben ein Recht auf Familie, manchmal muss es eine Pflegefamilie sein. Doch die sind mitunter Mangelware. Foto: Adobe Stock

Auf der Suche nach Familien

Lüneburg. In der Geborgenheit einer intakten Familie aufzuwachsen, ist nicht jedem Kind oder Jugendlichen vergönnt. Zerrüttete Verhältnisse, Misshandlungen, Gewalterfahrung, Krankheit, Überforderung der Eltern – es gibt viele Gründe, die eine gesunde Entwicklung eines Kindes so sehr beeinträchtigen können, dass ihr Verbleib in der Familie nicht mehr verantwortbar ist. Weil sie aber ein Recht auf Familie haben, braucht es Pflegeeltern, die sich ihrer annehmen. Doch daran hapert es. Mit neuen Richtlinien und einer gemeinsamen Kampagne wollen Stadt und Landkreis dem nun entgegenwirken.

96 Pflegekinder werden derzeit von der Stadt betreut, sie sind in einer Pflegefamilie oder bei Pflegeeltern untergebracht. Sie alle entstammen einem Bewerberpool, auf den die Stadt zurückgreift, sobald die Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen ansteht. Zwar ist dieser Pool gut bestückt – eine klassische Warteliste für die Aufnahme in eine Pflegefamilie gibt es nicht –, doch nicht jede Bewerberfamilie ist für jedes Pflegekind geeignet, beide sollten bestmöglich zusammenpassen.

Wohnsitz in Lüneburg

Bewerber werden deshalb im Vorfeld auf ihre Aufgabe vorbereitet. In Kursen und Einzelgesprächen werden Vorstellungen, Wünsche, Interessen, Neigungen, Menschenbilder und andere Einstellungen herausgearbeitet, um ein Bild von den Bewerbern zu erhalten. Wichtig sind darüber hinaus ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, ein Gesundheitszeugnis und der Wohnsitz in Lüneburg. Auch ausreichender Wohnraum wird geprüft.

Zugleich haben aber auch die leiblichen Eltern das Recht, Wünsche zur Pflegefamilie zu äußern, zum Beispiel zur Lebenssituation, zu den Erziehungsvorstellungen, zur religiösen Orientierung oder auch, ob das eigene Kind gemeinsam mit anderen Kindern aufwachsen soll.

„Wir wünschen uns von angehenden Pflegepersonen eine gewisse Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen und Einstellungen, vor allem, dass sie gegenüber Herkunftseltern offen und akzeptierend und nicht anklagend auftreten“, sagt Angela Lütjohann, Leiterin Soziale Dienste bei der Stadt. Pflegeeltern sollten überdies regelmäßige vereinbarte Hausbesuche nicht scheuen „und damit gut leben können, ein Stück weit öffentlicher zu leben als es ohne Pflegekind der Fall wäre“. Mitarbeiter des Pflegekinderdienstes halten regelmäßig Kontakt zur Pflegefamilie, „sie werden nicht alleingelassen“.

Leider aber könnten nicht immer zeitnah passende Pflegefamilien für Kinder gefunden werden. Vor allem fehle es derzeit an Pflegeeltern, die auch bereit sind, Kinder mit einer ungeklärten Perspektive aufzunehmen, etwa weil noch ein Gerichtsverfahren anhängig ist, dessen Dauer sich auch mal hinziehen kann.

Viele Kosten werden erstattet

Stadt und Kreis erhoffen sich von der Kampagne eine stärkere Aufmerksamkeit für die Aufnahme eines Pflegekindes in Vollzeit. Dazu sollen Fachveranstaltungen für Pflegeeltern – der nächste am Sonnabend, 29. Februar – durchgeführt, ein Verwandten-Café eingerichtet oder auch Qualifizierungskurse für Bewerber veranstaltet und Werbematerial erstellt werden.

Zugleich wurden die Richtlinien zu Vollzeitpflege überarbeitet. Diese sehen ergänzend zu dem monatlichen Pflegesatz die Kostenübernahme unter anderem für die Erstausstattung vor, wonach Pflegeeltern für Kinder bis zum fünften Lebensjahr bis 1310 Euro, von sechs bis elf Jahren bis 1360 Euro und für Kinder ab zwölf Jahren bis 1410 Euro erhalten. Des Weiteren können auf Antrag Kosten für die Einschulung, für religiöse Feste wie Taufe, Konfirmation oder Kommunion, für ein neues Fahrrad, eine Brille für Nachhilfeunterricht oder auch den Führerschein und Klassenfahrten übernommen oder teilerstattet werden.

Ausführlich wird die Verwaltung ihre Ideen zur Bewerbung und zu den Konditionen der Vollzeitpflege heute im Jugendhilfeausschuss vorstellen, der um 16 Uhr im Hansekontor des Rathauses beginnt.

Von Ulf Stüwe