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Das Thema Klassenfahrten brandete schon 2015 auf. Damals demonstrierten Schüler des Gymasiums Oedeme für die Wiedereinführung von Klassenfahrten. Foto: A/t&w

Klassenfahrten fallen aus

Lüneburg. Weil die Lehrer im Kreis Lüneburg überlastet seien, haben sie vergangene Woche den Eltern der Schüler in einem Brief mitgeteilt, dass es bis auf weite res keine Klassenfahrten mehr geben wird. Neben der Grundschule Reppenstedt, der Oberschule Oedeme und der Grundschule Hasenburger Berg haben sich Lehrer von 14 weiteren Grund- und Oberschulen laut der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) an dieser Maßnahme beteiligt.

Sie fordern spürbare Verbesserungen ihrer Situation, darunter fallen unter anderem weniger Pflichtstunden, kleinere Klassen, mehr Entlastungsstunden und eine höhere Bezahlung. Vor allem aber ginge es den Lehrern darum, mehr Unterstützung für ihre Arbeit zu bekommen, verdeutlicht Hartmut Lenz, der Rektor der Grundschule in Reppenstedt.

Der Boykott von Klassenfahrten sei dabei nur ein Mittel, um in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit zu erlangen. „Das Grundproblem ist nicht die Überlastung der Lehrkräfte, sondern was daraus folgt: Die Lehrer können nicht mehr jedem Schüler den Lernerfolg ermöglichen, den er verdient“, erklärt Lenz. Die Klassen seien in den letzten Jahren immer heterogener geworden, neben dem normalen Unterricht müssten Grundschullehrer zusätzlich viel Erziehungsarbeit leisten, auch steige der Anteil an förderungsbedürftigen Kindern enorm.

Lenz betont jedoch, dass die Entscheidung nicht von den Schulleitern getroffen wurde, sondern von einzelnen Lehrkräften und dem Bezirkspersonalrat. Mit dem Boykott gehe die Hoffnung einher, Unterstützung von Seiten der Eltern zu bekommen.

Eltern haben Unterstützung zugesagt

Das scheint zumindest an der Oberschule Oedeme zu funktionieren. „Wir werden jetzt innerhalb der Klassen eine eigene Aktion starten und Unterschriften sammeln, um als Elternschaft geschlossen die Forderungen der Lehrer zu unterstützen“, erklärt Martin Boeing vom Schulelternrat. „Die Unterschriften werden wir dann an die niedersächsische Landesschulbehörde weiterreichen.“

Auch Tobias Rose vom Schul-elternrat der Grundschule Hasenburger Berg betont, dass sie die Entscheidung der Lehrer nachvollziehen können. „Die Situation, wie sie jetzt an den Grundschulen ist, ist auch nicht förderlich für die Ausbildung unserer Kinder.“

Wie Hartmut Lenz sehen Rose und Boeing in dem Klassenfahrten-Boykott eine vorübergehende Maßnahme, um Aufmerksamkeit für die Probleme zu erlangen. „Das ist ein Aufschrei. Hoffen wir, dass er an der richtigen Stelle ankommt“, meint Rose.

Das niedersächsische Kultusministerium lehnt das Vorgehen dagegen ab. „Ein KlassenfahrtenBoykott trifft mit den Schülern die falschen. Schulfahrten haben einen hohen pädagogischen Stellenwert und sind für viele Schüler ein absolutes Highlight“, meint Pressesprecher Sebastian Schumacher. Es sei legitim, dass sich Lehrer für Verbesserungen einsetzen würden, politische Forderungen mit der Durchführung von Klassenfahrten zu verknüpfen, führe aus Sicht des Ministeriums jedoch am Ziel vorbei.

Stattdessen sei nun die Landesschulbehörde damit beauftragt, die konkrete Situation an den Schulen in Lüneburg zu analysieren. „Das Thema Belastung ist individuell, und jeder, der sich belastet fühlt, muss auch gehört werden“, meint Andreas Herbig, Pressesprecher der Landesschulbehörde. „Wir werden auf jede der 17 Schulen zugehen und versuchen, eine Lösung zu finden.“

Kultusministerium braucht Zeit für Besserungen

Schnell wird diese jedoch laut Kultusministerium nicht umgesetzt werden können. „Es ist klar, dass die Umsetzung aller Maßnahmen nicht kurzfristig möglich ist, denn es steht mit dem Schuljahr 2020/2021 aufgrund der Umstellung auf G9 die Herausforderung an, die Unterrichtsversorgung niedersachsenweit zu sichern. Danach stehen wieder mehr Spielräume für Entlastungen bereit“, verdeutlicht Sebastian Schumacher.

Er betont aber, dass unter anderem das „Maßnahmenpaket zur Entlastung von Lehrkräften“ bereits umgesetzt worden sei. Dazu gehöre das Streichen der Vergleichsarbeiten im 3. Schuljahrgang („VERA 3“), die Abschaffung der Anwesenheitspflicht bei Konferenzen für Lehrkräfte und Erleichterungen bei der Dokumentation der individuellen Lernentwicklung (ILE). Auch die Bezahlung von Lehrkräften werde zum 1. August um 100 Euro verbessert.

Wie lange die Lehrkräfte an dem Klassenfahrten-Boykott festhalten, steht noch nicht fest. Doch Martin Boeing meint: „Wir haben nachgefragt: Die meisten Lehrer machen diese Ausflüge gerne. Sie schneiden sich damit also ins eigene Fleisch – aber es ist die einzige freiwillige Leistung und somit die einzige, die sie streichen können.“

Von Lilly von Consbruch