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Am Kurpark von Bad Bevensen sollte das Hotel entstehen. Doch dazu kam es nie. (Fotos: Adobe Stock)

Ein teures Luftschloss

Stade/Bad Bevensen. Der Saal im zweiten Stock des Landgerichts Stade scheint schicksalhaft für Wirte eines Lokals an der Schröderstraße zu sein: Erst musste sich hier der erste Kneipier zweimal wegen Steuerhinterziehung verantworten, im zweiten Anlauf erreichte der Mann eine Bewährungsstrafe. Nun stand hier einer seiner Nachfolger, ihm legte die Staatsanwaltschaft Betrug zur Last. Die 6. Große Strafkammer verurteilte den 63-Jährigen zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und 8 Monaten. Auch er setzt auf eine zweite Runde: Thomas R. kündigte noch im Gerichtssaal an, dass er Revision gegen die Entscheidung beantragen werde. Auch in diesem Fall spielte das Lokal zumindest eine indirekte Rolle.

Das Verfahren gegen Thomas R. hängt mit einem geplatzten Projekt in Bad Bevensen zusammen. Gemeinsam mit einem Lüneburger Finanzberater wollte der Geschäftsmann am Kurpark des Kurortes einen Hotelkomplex hochziehen. Der Wirt fungierte als Geschäftsführer einer Hotel- und Handelsgesellschaft und hatte versprochen, 20 Millionen Euro zu investieren. Zunächst passierte auch etwas. Der Gastronom hatte das 48 000 Quadratmeter große Areal laut Medienberichten 2008 erworben, 2011 wurden 51 Baracken aus den 1960er-Jahren abgerissen, 1000 Bäume gerodet. Dann sollte es losgehen, doch das klappte nicht. Unter anderem brach ein erhoffter Zuschuss der N-Bank von fünf Millionen Euro weg. Der Wirt erklärte damals, er werde das Feriendomizil trotzdem hochziehen: „Ich war selten so überzeugt, wie von diesem Projekt.“ Doch am Ende wurde es ein Luftschloss und Anleger wurden um Hunderttausende geprellt.

Die Vorsitzende Richterin erklärte, wie Thomas R. und sein Partner vorgingen. Sie beschrieb einen „Tatzeitraum von 2012 bis Mitte 2014“: R. suchte sich den Lüneburger Finanzberater Andreas S. als Partner. Die Arbeitsteilung sah vor, dass R. Ideen entwickelte und vorantrieb, S. sollte das Kapital beschaffen. Es wurden einfach gesagt, zwei Gesellschaften gegründet, eine für den Betrieb, die andere als Besitzgesellschaft. Das Geld der Anleger floss in die Besitzgesellschaft, eben um die Pläne umzusetzen zu können.

Mit dem Geld wurden alte Darlehen bedient

Doch da blieb es nicht lange. Denn als die beantragten Fördermittel der N-Bank ausblieben, war das Hotel aus Sicht des Gerichts nicht mehr umsetzbar. Die von den Anlegern eingenommenen Gelder blieben nicht in der Besitzgesellschaft, sondern wurden in eine andere Gesellschaft umgeleitet. Von dort floss Bares in zwei Lokale, die R. betrieb, eines in Bevensen, das andere zeitweilig an der Schröderstraße. Während R. vor Gericht behauptete, er habe in Lüneburg einen Gewinn von 250 000 Euro erzielt, wertete die Kammer anders: Beide Restaurants seien Zuschussbetriebe gewesen. Dafür spricht, dass R. an der Schröderstraße in die Pleite segelte und sich später wegen Insolvenzdelikten vor dem Amtsgericht Lüneburg verantworten musste.

Nach Auffassung des Gerichts wurden die Einnahmen, die für das angebliche Hotelprojekt erzielt wurden, dazu genutzt, um alte Darlehen zu bedienen oder auch um Gläubiger zu beruhigen, die sich besonders vehement beschwerten. Die Vorsitzende sprach von einem Schneeballsystem. Und zur Besitzgesellschaft sagte sie: „Es gab keine greifbare Geschäftstätigkeit.“

Die Folgen für die Geldgeber waren in einigen Fällen dramatisch: Die Einlagen in der Gesellschaft sollten ein behindertes Kind absichern, ein Eigenheim finanzieren, eine Altersvorsorge bilden. Finanzberater S. soll dabei nicht nur unbedarfte Anleger geschröpft haben, auch ein ehemaliger Bankdirektor ist unter den Opfern.

Vor Gericht präsentierte sich R. kurz vor dem Urteilsspruch selbst als Opfer; er habe von den Machenschaften des Finanzberaters nichts geahnt: „Ich habe nicht gewusst, wie die Verträge zustande kamen, mir hat er gesagt, die Leute hätten das Geld rumliegen. Ich behaupte, nicht schuldig zu sein.“ Zudem gehe er davon aus, wenn er den Wert des Grundstücks in seine neuen Finanzierungspläne einbezogen hätte, dann wäre in einem neuen Anlauf Fördergeld der N-Bank geflossen, alles wäre aufgegangen. Allerdings stellte die Vorsitzende klar: „Es gab keinen zweiten Antrag bei der N-Bank.“

Der Finanzberater saß allerdings nicht mehr auf der Anklagebank, gegen ihn hatte die Kammer das Verfahren abgetrennt, er soll an psychischen Problemen leiden. Es ist unklar, wann oder ob überhaupt noch einmal gegen ihn verhandelt wird. Die Vorsitzende sagte über ihn: „S. hat sich an der Front ums Geldeintreiben gekümmert, das bestätigen alle Geschädigten“. R. selber habe keinen großen Vorteil von dem gewerbsmäßig angelegten Betrug gehabt, er habe nur ein vergleichsweise kleines Geschäftsführergehalt bezogen.

R. stellte dem Gericht Daten zur Verfügung

War der Schaden ursprünglich von der Polizei und Staatsanwaltschaft auf rund 3,4 Millionen Euro geschätzt worden, ging es am Ende noch um gut 1,4 Millionen. Die dürften nach Einschätzung der Kammer perdu sein, denn bei R. sei nichts zu holen. Die Kammer hielt dem Angeklagten zugute, dass er geständig gewesen sei, den Ermittlern umfangreiche Dateien zur Verfügung gestellt habe und seine Taten bedauere.

Das Gericht kam zu dem Schluss, R. habe sich in 18 Fällen des Betruges schuldig gemacht. In das Urteil von zwei Jahren und acht Monaten wurde die vorherige Verurteilung in Lüneburg mit einbezogen. Gegen R.s Ehefrau, die Geschäftsführerin eines der Restaurants war, hatte das Gericht das Verfahren schon vor Wochen eingestellt.

Von Carlo Eggeling