Aktuell
Home | Lokales | Rechtsstreit „im Namen der Äbtissin“
Äbtissin Erika Krüger im Kloster Ebstorf. Das Wissenschaftsministerium scheiterte vorerst mit dem Versuch, die Klostervorsteherin abzusetzen. Foto: phs

Rechtsstreit „im Namen der Äbtissin“

Lüneburg/Ebstorf. In einer idealen Welt ist ein Leben im Kloster geprägt von innerer Einkehr. In der realen Welt halten Klostermauern den Zwist nicht fern. Beendet die Hinwendung zum höchsten Richter den Zwist nicht, werden weltliche Richter eingeschaltet. So auch im Kloster Ebstorf. Seit Jahren schwelt dort ein Streit, an dem die Äbtissin, die Damen im Konvent, die Klosterkammer und die Politik beteiligt sind. Ein Verfahren ist beim Verwaltungsgericht Lüneburg anhängig. Am Freitag nun klagte die Äbtissin Erika Krüger (73) vor dem Arbeitsgericht auf Kündigungsschutz gegen die Klosterkammer. Doch Charlotte Groschupf, Direktorin des Arbeitsgerichts, erklärte ihr Haus für nicht zuständig. Grund: Eine Äbtissin ist keine Arbeitnehmerin, weil sie als Klostervorsteherin nicht an Weisungen gebunden ist – vielmehr selbst Weisungen aussprechen darf.

In diesem Vorrecht wurzelt das böse Blut im Heide-Kloster. Der Hader wuchs sich nicht zu einem Kriminalfall aus, aber zu einem Justiz-Fall. Ein „Im Namen der Äbtissin“ in Ebstorf.

Im Dezember 2001 wurde Erika Krüger als Äbtissin in ihr Amt eingeführt – auf Lebenszeit. Sie hatte sich zuvor auf eine Stellenanzeige beworben, aus der nicht hervorging, dass sie ein Kloster leiten sollte. Das Kloster habe sie überrascht, sagte sie damals dem Evangelischen Pressedienst: „Statt auf Enge stieß ich auf Weite.“ 13 Jahre später weiteten sich Konflikte erstmals so aus, dass die „Klosterkammer die Entscheidungsfreiheit von Frau Krüger beschränkte“, wie Rechtsanwalt Holger Kern am Freitag im Arbeitsgericht erinnerte. Der Äbtissin war vorgeworfen worden, Mitspracherechte von Konventualinnen zu übergehen. Die Zahl der alleinstehenden Damen im Konvent sank stetig auf aktuell nur noch zwei. Dafür machte Erika Krüger die Klosterkammer verantwortlich, die die Bewerbungen interessierter Frauen verschleppe. Die Behörde bezweifelte 2019 gegenüber der „Allgemeinen Zeitung“ in Uelzen, dass es angesichts der „erheblichen Spannungen“ sinnvoll sei, neue Kandidatinnen aufzunehmen. Zudem rügte die Klosterkammer die Buchführung im Kloster.

Ministerium hatte versäumt, die Betroffene anzuhören

So köchelte der Konflikt über Jahre, 2016 scheiterte der Versuch einer Einigung, 2019 kochte der Streit über. Die Klosterkammer Hannover beantragte beim Ministerium für Wissenschaft und Kultur die zwangsweise Amtsenthebung der eigentlich auf Lebenszeit eingesetzten Äbtissin – und das Ministerium gab dem am 5. September statt. „Eine Perfidität“, schäumte Anwalt Kern am Freitag. Erika Krüger musste ihre Schlüssel abgeben, die Äbtissin des Klosters Medingen übernahm die Führung kommissarisch. Dies aber nur kurz. Am 2. Dezember gewährte das Verwaltungsgericht Lüneburg der Äbtissin vorläufigen Rechtsschutz wegen eines „formellen Fehlers“: Das Ministerium hatte versäumt, die Betroffene vorher anzuhören. „Eigentlich schreit dieser Streit nach einer gütlichen Einigung“, befand Charlotte Groschupf, Direktorin des Arbeitsgerichts, am Freitag in Saal 1. Doch dies blieb ein frommer Wunsch. Anwältin Elisabeth Mysegades schlug für die Klosterkammer vor, dass Erika Krüger von sich aus um die Entbindung vom Amt bitte, „damit das ehrenvoll auseinandergeht“. Da schüttelten Anwalt Kern und seine Mandantin Krüger die Köpfe.

Die Aussicht, künftig als Konventualin in dem Kloster leben zu dürfen, war für Erika Krüger nicht verlockend. Sie möchte nämlich noch sieben bis acht Frauen, die sie als Konventualinnen vorgeschlagen hatte, durchsetzen – und auch ihrer Nachfolgerin den Segen geben.
Es wird also noch weitere Verfahren geben. Allerdings nicht vor dem Arbeitsgericht. Denn eine Klostervorsteherin sei keine Vorarbeiterin, gebunden vor Arbeitsanweisungen eines weltlichen Herrn.

Von Joachim Zießler